»Wichtig ist, dass wir uns weiterentwickeln«

10. November 2020 - 13:07 | Jürgen Kannler

50 Jahre Universität Augsburg – Präsidentin Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel im Gespräch mit a3kultur-Herausgeber Jürgen Kannler

Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel (Foto © Zentrale Fotostelle der Universitätsbibliothek) wurde vor  neun Jahren als erste Frau an die Spitze der Universität Augsburg gewählt und damit zugleich auch zur ersten Präsidentin einer staatlichen bayerischen Universität. Bereits knapp eineinhalb Jahre nach ihrem Amtsantritt am 1. Oktober 2011 erfolgte ihre Wahl zur Vorsitzenden von Universität Bayern e.V., der Interessenvertretung der elf bayerischen Universitäten. Dieses Amt hat sie bis heute inne. Die gebürtige Bonnerin promovierte 1984 an der Universität zu Köln in Außereuropäischer Ethnologie, erwarb an der Universität Mainz ihre Lehrbefähigung und ist seit 1995 Professorin für Europäische Ethnologie/Volkskunde an der Philologisch-Historischen Fakultät der Universität Augsburg.

Als renommierte Wissenschaftlerin, die es versteht, die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit auch einem breiten Publikum zu vermitteln, ist Sabine Doering-Manteuffel vor allem mit ihrem Buch »Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung – Von Gutenberg bis zum World Wide Web« hervorgetreten, das vielfach ausgezeichnet und in etliche Sprachen übersetzt wurde.

a3kultur: Bei Ihrer Antrittsvorlesung lief der Tim-Bendzko-Song »Nur noch kurz die Welt retten«. Welchen Songtitel würden Sie denn heute für so einen Anlass wählen?
Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel: »Massenkompatibel« von Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung.

Lockdown, Homeoffice, digitale Lerneinheiten … Welche Schlüsse zieht eine Einrichtung wie Ihre aus den Ereignissen der letzten Wochen und Monate?
Mein Resümee nach diesem »Corona-Semester« ist sehr positiv. Natürlich kann eine Universität mit knapp 20.000 Studierenden, 3.800 Beschäftigten und rund 4.200 Lehrveranstaltungen pro Semester den Lehr- und Verwaltungsbetrieb so spontan nicht komplett reibungslos ins Digitale verlegen. Der Übergang von Präsenz auf online hat jedoch erstaunlich gut geklappt. Unsere Lehrenden und auch das wissenschaftsstützende Personal haben sich schnell und offen mit der neuen Situation arrangiert und wir haben einen großen Schub in Sachen digitaler Lehre erhalten.

Was wir unseren Studierenden leider digital nicht anbieten konnten, waren die sozialen Kontakte untereinander. Von daher sind wir froh, dass wir das nun startende Wintersemester hybrid gestalten werden. Die Vorteile der Präsenzlehre kombinieren wir mit digitalen Lehrformen, von denen mit Sicherheit einige auch in der Nach-Corona-Zeit überdauern werden. Die Vorteile beider Lehrformen miteinander zu kombinieren macht eine zukunftsweisende Lehre aus.

Der Grad zwischen digitaler Kompetenz und der Tendenz zur digitalen Verwahrlosung ist wohl nicht für alle Menschen breit genug. An welchen Punkten sollte unsere Gesellschaft arbeiten, welche Angebote müssten gemacht werden, um junge und alte Menschen mitzunehmen und voranschreiten zu lassen in diese neuen Welten?      
Wichtig ist, glaube ich, das Digitale und die damit verbundene Technik nicht losgelöst von anderen gesellschaftlichen Fragen zu betrachten. Wir haben an der Universität Augsburg einen starken Forschungsschwerpunkt auf künstlicher Intelligenz (KI), betrachten aber künstliche Intelligenz und Digitalisierung im Allgemeinen aus der Warte verschiedener Disziplinen. Nicht nur Informatiker und Naturwissenschaftler, sondern auch Wirtschaftsingenieure, Juristen, Kommunikations- und Sozialwissenschaftler sowie Ethiker widmen sich den Auswirkungen, den neuen Perspektiven und Herausforderungen, vor die wir als Gesellschaft gestellt werden. Eines der größten Forschungsverbundprojekte ist ForDigitHealth, bei dem es um einen  gesunden Umgang mit digitalen Technologien und Medien geht. Die Universität Augsburg ist daran mit vier Professuren beteiligt.

Neben dem Leopold-Mozart-Zentrum in der Maxstraße/Grottenau hat die Uni Augsburg nun auch eine Medizinische Fakultät am anderen Ende der Stadt – in Kriegshaber. Muss eine Universität stetig wachsen, um sich behaupten zu können? Wenn ja, in welchem Tempo?
Wichtig ist weniger, dass wir viele Standorte betreiben, sondern vielmehr, dass wir uns weiterentwickeln. Wir wachsen in die Tiefe, verfolgen unsere Forschungsschwerpunkte weiter und intensivieren unsere inneruniversitären Netzwerke.

Das sind unsere aktuellen Projekte: Wir sind hochengagiert in der Hightech-Agenda des Freistaats Bayern. Wir gründen ein Zentrum, in dem es um hochwertige Datenerhebung sowie Datenanalyse gehen wird, in dem Wissenschaftler und Unternehmen gemeinsam Produktionsmöglichkeiten erproben und entwickeln können. Ebenso planen wir ein Zentrum zur Erforschung von Klimaresilienz. Auch hier geht es um aktuelle Fragen: Wir wollen intensiv erforschen, was die Klimaveränderung für unsere Umwelt, für unsere Gesundheit, aber auch für unser soziales Leben bedeutet. Und schließlich möchten wir unsere Musikwissenschaft ausbauen. Augsburg ist die Stadt Leopold Mozarts. Wir haben mit dem Leopold-Mozart-Zentrum (LMZ) ein großartiges Institut, das mitten in der Stadt Augsburg sitzt und Musikausbildung, Musikwissenschaft und Musikpädagogik auf hohem Niveau miteinander verbindet.

Sie setzen sich immer wieder für eine klare Präsenz der Uni in der Gesellschaft unserer Region ein. Wünschen Sie sich noch mehr Satelliten über das Stadtgebiet verteilt oder darüber hinaus?
Wir wirken schon jetzt in die Region hinein, sind Wirtschaftsfaktor, Impulsgeber und in der Stadtgesellschaft gar nicht so unsichtbar. Mit unseren zahlreichen Konzerten, Ringvorlesungen,  Vorträgen und Ausstellungen sind wir einer der größten Veranstaltungsanbieter in der Region. Etliche Lehrstühle halten Kooperationen mit Unternehmen und Institutionen, wir bringen den Nachwuchs zu den DLR-Schülerlaboren und Kinderunis an den Campus, sind in den  Innovationspark involviert und gestalten mit unserer neuen Medizinischen Fakultät das Gelände beim Universitätsklinikum. In der Innenstadt werden wir in Kürze mit unserem Leopold-Mozart-Zentrum musikalisch präsent sein und im Frühjahr im Pop-up-Store »Zwischenzeit« in der Annastraße. Ideen für Kooperationen, gemeinsame Vorhaben und Forschungsprojekte zu regionalen Fragen haben wir noch etliche.

An der Augsburger Universität wird unter anderem zu Themen wie Frieden, Ethnologie, Religion … geforscht. Gewinnen diese Bereiche in der Lehre wieder an Bedeutung, nachdem zuletzt – diesen Eindruck konnte man gewinnen – vor allem technisch-mathematische Inhalte nachgefragt wurden?
Prägend für unsere Universität und auch unseren Blick auf die Wissenschaft ist Interdisziplinarität. Jede wissenschaftliche Frage hat mehrere Facetten und ohne die Geistes- und Sozialwissenschaften ließen sich technische und naturwissenschaftliche Inhalte und Fragestellung kaum konfliktlos in die Gesellschaft integrieren. Aber wir betrachten diese Fächer nicht primär als Begleitdisziplinen der Naturwissenschaften im Sinne einer ethisch-moralischen Richtschnur. Das können sie auch gar nicht leisten, denn dafür sind sie nicht ausgebildet. Wir forschen und lehren ganz bewusst und selbstverständlich im sehr breiten Spektrum der Kernkompetenzen unserer Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften.  

Alle Bereiche unserer Universität sind mit einem engen Netz an Kooperationen verbunden, die sich in unseren großen Zentren manifestieren, die die ganze Bandbreite von Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften bis hin zu Naturwissenschaften überspannen und vereinen. Dieser Austausch macht uns stark und hilft, neues Wissen und neue Perspektiven zu generieren. Das Jakob-Fugger-Zentrum, das Zentrum für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung, das Wissenschaftszentrum Umwelt sind Beispiele für Zentren und Foren, in der sich die Fachdisziplinen gegenseitig herausfordern, ergänzen und zu neuen Fragen verbinden. Wir glauben, dass es die Rolle der Wissenschaft mit all ihren Disziplinen und der Universitäten ist, in Zeiten globaler Herausforderungen Erkenntnisse und Leitlinien für eine humane Gesellschaft mitzugestalten.

Über welches Geschenk aus unserer Kulturregion zum 50. Geburtstag der Universität würden Sie sich als Präsidentin besonders freuen?
Dass die Augsburger, Augsburgerinnen und Menschen aus dem Umland noch öfter den Weg an die Uni finden, unsere verschiedenen Veranstaltungen besuchen und die Universität erleben als Ort des öffentlichen und freien Austauschs, und des aufgeklärten und demokratischen Diskurses, auch jenseits rein akademischen Denkens.

Circa 20.000 Studierende in rund 90 Studiengängen an 8 Fakultäten – das sind die aktuellen Zahlen der Universität Augsburg. »Wie studiert es sich heute?« fragt die a3kultur-Sonderveröffent­lichung zum 50. Geburtstag des größten Bildungs- und Kulturortes unserer Region. Download der Gesamtausgabe 

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