Politik & Gesellschaft

»Wie beim FCA – nur ohne Stehplätze«

Jürgen Kannler
29. November 2015

So trocken kommentierte der Augsburger Sozialamtsleiter Wolfgang Leichs die Kick-off-Veranstaltung zum Bürgerbeteiligungsprozess »Zukunft der Theaterlandschaft« in der Brechtbühne. Die Veranstalter hatten es nicht geschafft, mit ihrer Einladung in den vielfältigen gesellschaftlichen Szenen der Stadt zu landen. Trotzdem platzte die Studiobühne an diesem Abend aus allen Nähten und überzählige Besucher wurden vor die Videoleinwand im Nebenraum gebeten. 

Aufgrund der aktuellen Debatte, wie sich Kulturreferent Weitzel ausdrückte, sah sich das Rathaus veranlasst, einen Teil des anstehenden Kulturentwicklungsplans vorzuziehen. Weitzel zielte damit auf den offenen Brief, der den OB im Mai erreicht hatte und das Thema Theaterneubau befeuerte. Kulturschaffende fordern darin den Bürgerbeteiligungsprozess sowie den einstweiligen Planungsstopp für das ebenso umstrittene wie kostspielige Projekt.

Als Moderatorentrio wurden Tina Gadow, Bastian Lange und Patrick S. Föhl bestätigt. Die beiden Erstgenannten durften im letzten Jahr schon bei der Zukunftswerkstatt Gaswerk mitwirken. Ein Thema, um das es zu ruhig geworden ist. Ein Zeichen für den Bürgerbeteiligungsprozess? Auf der Brechtbühne stelle das Trio sich und seine Pläne vor, ohne dabei viel Neues zu sagen. Frau Gadow stieß mit ihrer Art von Wohlfühlmoderation sogar einige Besucher deutlich vor den Kopf und erntete mit ihrem Beitrag unfreiwillige Lacher. So plädierte sie leidenschaftlich gegen eine »ja, aber«- und für die »ja, und« Debattenkultur, ohne zu bemerken, dass zumindest hier im Süden »ja und« auch für »egal« steht. Was es heißt, den laufenden Prozess »so neutral wie nötig« zu begleiten, wird das Trio in den kommenden Monaten zeigen. 

Wachgeküsst wurde das Publikum an diesem Abend von Peter Spuhler, heute Generalintendant in Karlsruhe, vorher in Heidelberg. Er referierte frisch über sein bald zehnjähriges Theaterbaustellenjubiläum und trat leidenschaftlich für Transparenz am Bau ein, für ein multifunktionales Haus für alle Teile der Stadtgesellschaft und nicht zuletzt eine starke Einbindung des Bürgertums in die Baufinanzierung. Damit lieferte er den ersten brauchbaren Gegenentwurf im Rahmen des Bürgerbeteiligungsprozesses zu den gegenwärtigen Theaterplänen der Stadt.  

Auch die Workshops an den Folgetagen im nicht barrierefreien Kulturhaus abraxas, wie von Stadtrat Benedikt Lika kritisiert wurde, erfreuten sich regen Zulaufs – der üblichen Verdächtigen. Die  Theaterleitung hatte vielen Mitarbeitern die Teilnahme am Bürgerbeteiligungsprozess ermöglicht. Dass die einzelnen Tischrunden der Workshops zeitweise  einer »Gruppentherapie für Theatermitarbeiter« glich, wie vielfach bemerkt wurde, ist absolut in Ordnung. Schließlich sind diese Menschen ganz direkt von der verantwortungslosen Stadttheaterpolitik in Augsburg betroffen. Dafür waren ihre Beiträge in den abschließenden Fishbowl-Diskussionen allerdings eher rar gesät.

Einen wirklich unangenehmen Beigeschmack hatte die suggestive Art der Fragestellungen in den Workshops. In welche Richtung ein Meinungsbarometer tendiert, das Werte lediglich auf einer Skala zwischen glücklich und bedenklich misst, kann jeder selbst erahnen, dem die Bedeutung des Wortes ausgewogen nicht ganz fremd ist. Welche Auswertung diese Tischrunden durch die Moderatoren des Bürgerbeteiligungsprozesses erfahren haben, ist knapp zwei Wochen nach den Workshops noch ungewiss. Leider reicht es aus diesem Grund auch in puncto Transparenz und zeitnahe Kommunikation bisher nur zu einem »mangelhaft« für den Bürgerbeteiligungsprozess. Aber der ist ja noch lange nicht zu Ende.

Für eine Überraschung sorgte Kulturreferent Thomas Weitzel mit einer Wortmeldung kurz vor Ende des ersten Workshoptags. Er beabsichtige, den laufenden Prozess um das Thema Förderstruktur und Richtlinien für die Theaterlandschaft zu erweitern. Es soll also in den kommenden Runden auch um die  Zuschusspolitik der Kulturstadt Augsburg gehen. Das könnte spannend werden. 

Weitere Bürgerbeteiligungsprozess-Termine auf: www.augsburg.de/kultur/theatersanierung/buergerbeteiligung
 
Foto: Siegfried Kerpf, Stadt Augsburg

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