Wiener Volkstheater mit Scharfblick

12. August 2019 - 14:02 | Dieter Ferdinand

Im griechischen Theater Heretsried wurde am 9. August Nestroys »Das Mädl aus der Vorstadt« aufgeführt

Griechenland im Westen von Augsburg? Das Ehepaar Marlies und Sebastian Bernhard hatte in Sizilien ein Amphitheater erlebt und war davon so begeistert, dass es in seinem großen Garten ein solches Theater mit Geschick und Fantasie baute. Seit 1986 sitzen naturnah bis zu 300 Zuschauer*innen im Halbrund um die Spielstätte. Berührungsängste gibt es nicht, die Vorstellungen sind ausverkauft. Vor der Aufführung und in der Pause wird das Publikum kulinarisch versorgt. So war es auch, als das Münchner Sommertheater die Posse »Das Mädl aus der Vorstadt oder Ehrlich währt am längsten« von Johann Nepomuk Nestroy unter der Regie von Ulrike Dissmann zum Besten gab. Wenige Requisiten waren nötig, anfangs ein Spiegel und ein geschmückter Tisch.

Nestroy (1801 – 1862) war österreichischer Dramatiker, Schauspieler und Opernsänger. Seine Stücke sind der Höhepunkt des Alt-Wiener Volkstheaters. Ihm ging es nicht um harmlose Unterhaltung, er schuf eine dramatische Satire. Der Autor spielte in der 1841 uraufgeführten Posse selbst die Hauptrolle und zog das Publikum in seinen Bann durch Wortwitz und hintergründigen Humor, mit dem er der Gesellschaft und deren Verfall den Spiegel vorhielt: resigniert-amüsierte Einsicht in die Unberechenbarkeit des Geschicks. Lange Zeit war dies sein meist gespieltes Werk.

Die Darsteller*innen des Münchner Sommertheaters artikulierten deutlich, Mimik und Gestik überzeugten. Die Lieder wurden anrührend vorgetragen, das Publikum einbezogen und ausführlich zum Lachen gebracht. In dem Verwechslungsspiel kommt das Leben in seiner ganzen Breite zu Geltung und Sprache. Dabei sind Kalauer, Zoten, Witze hemmungslos einbezogen und durch psychologischen Scharfblick, Wahrheitsliebe und verständnisvollen Humor geadelt.

Nach vielen Verwirrungen, Lügen, Nachstellungen, Beschuldigungen, Bekenntnissen und Ablenkungsmanövern kommt schließlich alles ins Lot: »Der Zufall muss ein b’soffner Kutscher sein, wie der die Leut‘ z’ammführt, des is stark«, resümiert Christoph Hirschauer als Winkelagent Schnoferl, nachdem er von Simone Krischke als Frau von Erbsenstein zur Ehe angenommen ist. Sophie Isermann lebt das schüchterne »Mädl«, die Stickerin Thekla. Sie bekommt ihren geliebten Gigl (Nikodemus Drost) zum Mann.

»Ende gut, alles gut«: begeisterter Applaus für die gesamte Ensembleleistung und einen unterhaltsam-hintergründigen Abend.

www.griechisches-theater-heretsried.de

Abbildung, von links (klick hier zum Vergrößern): Rosalie, Näherin (Simone Krischke), Sabine, Näherin (Victoria Spindler), Kauz, Spekulant (Mathis Manz), Schnoferl, Winkelagent (Christoph Hirschauer), Madame Storch, Wäschehändlerin (Romana Wagner), Herr von Gigl (Nikodemus Drost). Foto: Sebastian Bernhard

 

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