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30. September 2018 - 8:10 | Patrick Bellgardt

Am ersten Oktoberwochenende wird das Wittelsbacher Schloss Friedberg nach über dreijähriger Sanierung und Modernisierung wiedereröffnet. Künftig soll die frühere Grenzfeste als Kultur- und Veranstaltungszentrum glänzen.

Die einstige Hausherrin Christina von Dänemark hätte ihre Freude gehabt: Anfang Oktober wird ein neues Kapitel in der wechselhaften Geschichte des Wittelsbacher Schlosses aufgeschlagen (mehr zur Historie lesen Sie unten auf dieser Seite). Als modernes Kultur- und Veranstaltungszentrum könnte das über dem Lechrain thronende Wahrzeichen Strahlkraft in die gesamte Region haben.

Die Veranstaltungsräume im Schloss stehen künftig sowohl städtischen Events als auch freien Kulturmachern, bürgerschaftlichen Initiativen und Privatpersonen zur Verfügung. Nicht wenige Kreative erhoffen sich durch die Wiedereröffnung eine Palette neuer Möglichkeiten, hatte der laufende Bürgerbeteiligungsprozess zum Kulturentwicklungskonzept Friedberg doch jüngst einen Mangel an geeigneten Aufführungs- und Ausstellungsräumen im Stadtgebiet deutlich gemacht. Die Erwartungen, aber auch die Vorfreude sind dementsprechend hoch.

Im Erdgeschoss bieten der von Kreuzrippengewölben überspannte Rittersaal und die anschließende Remise eine Größe von jeweils 170 Quadratmetern. Der Große Saal im ersten Stock kann je nach Bestuhlung bis zu 380 Gäste aufnehmen. Für dieses neue, barrierefrei zu erreichende Herzstück wurden Zwischenebenen herausgenommen, womit ein außergewöhnliches Raumerlebnis unter dem Schlossdach ermöglicht wird. Die dem Saal vorgelagerte Fürstengalerie kann zur Verköstigung der Gäste genutzt werden. Zwei kleinere Stuckräume im Obergeschoss – das Herzogin-Christina-Zimmer und das Herzog-Ludwig-Zimmer (jeweils 50 Quadratmeter) – eignen sich beispielsweise für Lesungen, Seminare und Vorträge. Zuletzt bietet der von Arkaden umgebene Renaissance-Innenhof als Open-Air-Location maximal 500 Personen Platz.

Vom Veranstaltungsbereich getrennt wird im Südflügel ein runderneuertes Museum die Friedberger Stadtgeschichte präsentieren. Die Eröffnung der über zwei Ebenen verlaufenden Ausstellung ist für das Frühjahr 2019 geplant. Neben einer archäologischen Abteilung werden Schätze der Uhrmacherkunst, Fayencen sowie sakrale Kunst zu sehen sein. Das Thema Wallfahrt wird ebenso beleuchtet wie Werke bedeutender Friedberger Künstler des 20. Jahr­hunderts. Das inhaltliche Konzept stammt von Museumsleiterin Dr. Alice Arnold-Becker, die Gestaltung erarbeitete das Münchner Atelier Hammerl & Dannenberg. Abrunden lässt sich der zukünftige Museumsbesuch mit einem Aufenthalt in einem kleinen Café samt Außenterrasse.

22,9 Millionen Euro beträgt die aktuelle Kostenprognose für das Sanierungsprojekt Wittelsbacher Schloss. 15,2 Millionen Euro bestreitet die Stadt aus Eigenmitteln, 7,7 Millionen Euro fließen aus Förderzuschüssen und Spenden in den Topf. 13 Planungsbüros, 32 Gutachter und 46 Fachfirmen waren bislang an diesem Großbau beteiligt. Unter Federführung des Baureferats wurde nach mehreren Konzeptideen und einem Bürgerentscheid 2013 zunächst mit der Hangsicherung und der Ringmauersanierung begonnen. Die anschließenden Hochbaumaßnahmen umfassten seit 2015 die Erneuerung des Dachstuhls und der Außenwände. Der Innenhof erhielt ein neues Pflaster und der Arkadengang eine Orangerie. Im Inneren wurde der Bau in großen Teilen in den Rohzustand versetzt. Alte Bodenbeläge wichen geschliffenem Estrich und geölten Eichendielen. Neu eingebaute Aufzüge ermöglichen den Besuchern einen barrierefreien Zugang.

Auch personell hat sich die Stadt Friedberg neu aufgestellt. Seit November 2017 arbeitet Sonja Weinfurtner daran, den neuen Kulturort möglichst schnell zu etablieren. Die gebürtige Niederbayerin, die zuletzt in diversen Abteilungen und Redaktionen beim Bayerischen Rundfunk aktiv war, ist als Veranstaltungsmanagerin für das Wittelsbacher Schloss vielseitig tätig – von der Entwicklung eines Marketingkonzepts über die Programmgestaltung bis zur Partnersuche in den Bereichen Catering, Technik und Ticketing. Unterstützt wird Weinfurtner von Christine Lichtblau und Andreas Steber vom städtischen Gebäudemanagement. Ihnen obliegt die Koordination und Buchung aller privater Feiern, wie Geburtstage oder Hochzeiten.

Die Terminplanung ist eng gestrickt: An maximal 165 Tagen im Jahr dürfen Veranstaltungen stattfinden – eine Vereinbarung, die mit den Anwohnern getroffen wurde. In den ersten Monaten nach der Wiedereröffnung stehen zunächst ausgewählte Leuchtturmprojekte auf dem Programm, um das Schloss als Location für Events unterschiedlichster Couleur zu präsentieren und den neuen Kulturort in der Region zu verankern. Bereits 2020 wird er landesweit im Fokus stehen – als Schauplatz der Bayerischen Landesausstellung zum Thema »Die Wittelsbacher als Städtegründer«.

Zur Wiedereröffnung erwartet die Besucher am 6. und 7. Oktober ein umfangreiches Programm bei freiem Eintritt. Unter dem Motto »Ein Fest für Friedberg« finden zwischen 10 und 22 Uhr Darbietungen von über 30 regionalen Gruppen auf drei Bühnen statt. Jeweils um 11, 14 und 18 Uhr werden Führungen durch das Schloss angeboten.

www.wittelsbacher-schloss.de


Grenzfeste, Witwensitz, Kulturzentrum

Im Jahr 1257 – sieben Jahre vor der Stadtgründung – wird die Grenzfeste errichtet. Fast drei Jahrhunderte lang hält sie allen Angriffen stand, ehe die Anlage 1541 infolge eines Brands zerstört wird. Dem Zeitgeist entsprechend wird die Burg im Stil eines Jagd- und Lustschlosses wiederaufgebaut. Ganz zur Freude der nachfolgenden Nutzer: Ab 1568 entwickelt sich Friedberg zu einem Zentrum des höfischen Lebens. Die neue Schlossherrin Christina von Dänemark, Herzoginwitwe von Mailand und Lothringen, gilt als lebenslustig und nutzt die Nachbarschaft zur Reichsstadt Augsburg, um repräsentativ Hof zu halten. Prunkvolle Bankette sind keine Seltenheit.

Während des Dreißigjährigen Kriegs werden Stadt und Schloss 1632 und 1646 zweimal geplündert und niedergebrannt. Der Wiederaufbau zieht sich über Jahrzehnte hin. 1754 lässt Kurfürst Maximilian III. Joseph eine Fayencemanufaktur im Schloss errichten. Die hier bis 1768 hergestellten Keramiken festigen, wie auch die noch renommiertere Uhrmacherkunst, den Ruf Friedbergs als Kunsthandwerkerstadt. 1886 findet das neu gegründete kunsthistorische Museum im Schloss ein Zuhause. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs dient das alte Gemäuer zunächst als Unterkunft für Flüchtlinge und Wohnungssuchende. In den Folgejahren sind zahlreiche Behörden wie die Polizei, das Bezirksschulamt oder die Forstverwaltung im Schloss beheimatet. Mit dem Landesvermessungsamt zieht 2006 die letzte Institution dieser Art aus. Ein Jahr später, im 750. Jubiläumsjahr, erwirbt die Stadt Friedberg das Wittelsbacher Schloss für 125.000 Euro vom Freistaat Bayern.

Foto: Stefan Heinrich

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