Der Winter kann kommen!

30. Oktober 2018 - 14:22 | Renate Baumiller-Guggenberger

Ballettpremiere mit »Vier Jahreszeiten« von Ricardo Fernando im Martini-Park

Das Zähneklappern in klirrender Kälte, aber auch die Klarheit und Behaglichkeit des Winterzaubers, die Antonio Vivaldi in den letzten drei Sätzen seines erfindungsreichen Zyklus »Le quattro stagioni« (1725) musikalisch betörend widerspiegelt, wurde auch in der neuesten Kreation von Augsburgs Ballettchef Ricardo Fernando zum finalen Höhepunkt. Elegant und doch vorsichtig tastete sich Irupé Sarmiento als Eiskönigin übers Eis, führte Gustavo Barros als geschmeidiger Kältepatron die winterweiße Gesellschaft, die kraftvoll der Erstarrung trotzte, übers Glatteis.

Choreografisch gesehen kristallisierte sich der Winter als eindrücklichstes Quartal heraus. Für einen bildstarken Prolog – »Aller Anfang gebiert sich aus Stille« – steckte Ricardo Fernando fünf Tänzer in die Enge gläserner Keimzellen, aus denen sich der Neubeginn der Natur entfaltet. Schnell folgte eine alberne Frühlings-Balz und im Sommer vermisste man trotz sinnlicher Göttinnen-Präsenz zunehmend tänzerische Glut und Spannung, die insbesondere in den Ensembleszenen für mehr als eine gefällige Illustration der barocken Naturkulisse gesorgt hätte. Der Herbst versetzte nach der Pause eine spleenige Jagdgesellschaft in Erntedanklaune.

Die Idee, die originalen »Vier Jahreszeiten« mit dem minimalistischen Duktus des »Concerto for Violin and Orchestra No.2« von Philipp Glass zu kombinieren, erwies sich insgesamt als überraschend stimmig, zumal die souveräne Interpretation von Soloviolinist Jérome Ben Haim für Nachdruck sorgte. Sie verlieh der Choreografie, die fein geformte Neoklassik in Soli, Duo- und Trio-Momenten nahtlos mit hinlänglich bewährtem Bewegungsvokabular des Modern Dance mischte, wegweisende Impulse und subtile Kontraste. Getragen vom Konzept der Ausstatter (Bühne: Peer Palmowski/Kostüme: Helena de Medeiros) vertraute Choreograf Ricardo Fernando dem intensiven Ausdruckspotential der populären Vivaldi-Komposition. Wohltuend wirkte die Konzentration von Auge und Ohr auf das Bühnengeschehen, das aus dem Graben heraus rhythmisch gelenkt wurde und den Takt vorgab. Dominant gaben die beiden Leuchtkörper am Bühnenhimmel (Ring und Quadrat) den Wechsel der jahreszeitlichen Atmosphäre vor, während das Orchester unter der Leitung von Augsburgs Zweitem Kapellmeister Ivan Demidov, dem Glass offenbar doch näher lag als die barocke Stilistik, musikalische Konstanz demonstrierte. Dass sich die tonmalerische Poesie und die harmonisch geschliffene Schönheit sowie die im Detail versteckten Geheimnisse der zwölf Monate entfalten durften, war nicht zuletzt der virtuosen Meisterleistung von Agnes Malich (Violine) zu danken.

Wie im echten Leben dürfte jeder Zuschauer im aktuellen Ballettabend sicher seinen jahreszeitlichen Favoriten entdecken. Am Ende der Samstags-Premiere gab es hörbar die »ganzjährige« und begeistert klingende Zustimmung des Publikums für die Gesamtleistung des Ballett-Ensembles.

Weitere Termine:
www.staatstheater-augsburg.de

Foto: Jan-Pieter Fuhr

Weitere Positionen

6. Juli 2019 - 8:15 | Renate Baumiller-Guggenberger

Ganz klassisch – die a3kultur-Klassik-Kolumne im Juli

1. Juli 2019 - 12:57 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere von Andrew Lloyd Webbers Rockoper »Jesus Christ Superstar« auf der Freilichtbühne am Roten Tor

1. Juli 2019 - 8:41 | Gast

Quergelacht: die a3kultur-Kabarett-Kolumne im Juli. Von Marion Buk-Kluger

28. Juni 2019 - 8:01 | Iacov Grinberg

Die neue Ausstellung »Immer Kopf« in der Galerie Süßkind zeigt Arbeiten von Mike Mayer.

26. Juni 2019 - 13:00 | Thomas Ferstl

Der Juli ist bald da, die Temperaturen steigen und die Kinoleinwände zieht es hinaus an die frische Luft. Projektor – die a3kultur-Filmkolumne

21. Juni 2019 - 10:23 | Bettina Kohlen

Ein Kaiser und ein Dichter spielen in diesem Sommer große Rollen im Augsburger Ausstellungsgeschehen.

21. Juni 2019 - 10:20 | Iacov Grinberg

Seit zwei Monaten tagt das »Philosophische Café« im Brechthaus. Das Thema der letzten Sitzung war »non-verbal«

Fotomontage: Susanne Thoma, Foto Haller: Fred Schöllhorn
19. Juni 2019 - 16:29 | Susanne Thoma

Pareaz e.V. hat zusammen mit dem Quartiersmanagement Oberhausen ein Projekt der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit mit dem Titel »Bring' den Haller auf den Platz!« gestartet.

17. Juni 2019 - 8:40 | Jürgen Kannler

»Positive und kreative Utopien zu entwickeln, bedeutet nicht Naivität, sondern praktische Vernunft« – tim-Direktor Karl B. Murr im Interview mit a3kultur

14. Juni 2019 - 14:04 | Patrick Bellgardt

Vom 14. bis 16. Juni steigt das Internationale Django Reinhardt Festival im Parktheater des Kurhauses Göggingen. Der Augsburger Vibraphon-Virtuose Wolfgang Lackerschmid gestaltet den Abschluss des Gipsy-Jazz-Events. Ein Interview