Wir bereuen keine Sekunde

20. Juni 2016 - 8:25 | Jürgen Kannler

a3kultur im Gespräch mit Valentin Holub, Bratschist und Geschäftsführer der Bayerischen Kammerphilharmonie.

a3kultur: Herr Holub, wie meistert Ihr Ensemble eigentlich die Repertoireauswahl?
Valentin Holub: Unterschiedliche Musiker haben unterschiedliche Stärken in unterschiedlichen Repertoirebereichen. Bei der BKP potenziert sich das wohl noch ein wenig. Das hat viel damit zu tun, dass wir an so unterschiedlichen Orten leben, so unterschiedliche Repertoires spielen und dabei so unterschiedliche Leute treffen. Es gibt bei uns natürlich Mitglieder, die leuchtende Augen bekommen, wenn es um Neue Musik geht oder eine Uraufführung ansteht. Die künstlerische Findungsphase ist somit in der Tat ein interessanter Prozess. Es gibt dabei einen engeren Kern von drei bis vier Leuten, den künstlerischen Vorstand, wenn Sie so wollen, der die einzelnen Ideen prüfen und durchbringen muss.

Gibt es, wenn Sie mit der BKP ohne Dirigenten spielen, in der Praxis eine andere Qualität? Sie kennen beide Seiten.
Ja, auf jeden Fall ist das eine andere Qualität. Sie können es sich so vorstellen: Man übt als junger Mensch erst einmal viel zu Hause, und dann kommt man ins Jugendorchester. Ab diesem Zeitpunkt ist eigentlich immer ein Dirigent da. Das zweifelt man lange nicht an, bis man merkt, es geht auch ohne.

Unser Kammerensemble ist selbstverwaltend, es gibt keine Struktur, die auf eine Person zugeschnitten ist. Was nicht heißen muss, dass es nicht ein paar Entscheider gibt. Es ist trotzdem so, dass der Grundgedanke ein demokratischer ist. Das heißt, bei uns gibt es Eigeninitiative, und es gibt den Begriff des kollektiven Gedankens, den ich auch sehr interessant finde.

Die BKP ist ein Ensemble ohne echtes Stammhaus. Wie beurteilen Sie die Situation in puncto Konzertsäle in Augsburg?
Den Kleinen Goldenen Saal empfinde ich eigentlich schon als unsere Heimspielstätte. Er ist sehr gut geeignet für einen großen Teil unseres Repertoires. Allerdings ist die Kapazität bei gut 300 Plätzen gedeckelt und das ist manchmal eindeutig zu wenig. Dass die BKP nicht konsequent an einem Ort spielt, hängt mit unseren Programmen zusammen, zu denen wir thematisch passende Auftrittsorte suchen.

Wenn man all die Spielstätten zusammen vor Augen hat, die wir allein in einer Spielzeit in Augsburg bespielen, wird man feststellen, dass man hier eine große Auswahl an unterschiedlichen Klängen und Kapazitäten hat.

Im Parktheater haben wir eine trockene Akustik, aber es herrscht dort eine tolle Stimmung, weil es eine vom Publikum sehr gerne besuchte Spielstätte ist. Bei diesem Ort beobachte ich mit wachem Interesse, was dort gegenwärtig in Sachen künstlerische Ausrichtung passiert, die bis zum dubiosen Abschied von Christian Ehlers sehr konsequent geführt war. Aber es gibt ja einige Alternativen, nicht zuletzt auch sakrale Bauten. Was uns in Augsburg aber fehlt, ist natürlich ein moderner Konzertsaal mit rund 600 Plätzen.

Sie unternahmen vor einigen Jahren mit der BKP einen Umzug von München zurück nach Augsburg. Was sind die Standortvorteile dieser Stadt für ein Ensemble wie das Ihre?
Das ist für mich eine ganz klare Sache. In Augsburg war es eben möglich, etwas ganz Neues aufzubauen. In München muss man immer etwas Extremes machen, wenn es neu sein soll. Etwas Extremes machen ist cool, aber es grenzt künstlerisch ein. Es gab keine einzige Sekunde, in der wir unsere Entscheidung bereut haben.

Es ist Bewegung in unserer kleinen Mozartstadt. Welche Veränderungen können Sie als Klassik-Aktivposten feststellen?
Ich sehe es als sehr positiv an, dass die Mozart-Verantwortlichkeit nun in einer Stelle gebündelt ist. Das hat sich in den letzten Jahren als überfällig herausgestellt. Generell finde ich diesen Schritt richtig.

Sie feiern in dieser Spielzeit den 25. Geburtstag der BKP. Was wünscht sich das Orchester zum Fest?
Hauptsächlich dass es uns gelingt, noch mindestens 25 Jahre dranzuhängen, mit derselben Energie und künstlerischen Qualität. Und dass wir das Ganze auch finanzieren können.

Wie finanzieren Sie sich heute?
Wir sind dank »un-schaetz-bar«, unserem 120 Mitglieder großen und aktiven Freundeskreis, recht gut aufgestellt, kämpfen aber jedes Jahr hart um unser Budget zusammenzubekommen. Nach meinen Beobachtungen gibt es in der Region einige Mittelständler, die ihre Verantwortung in der Gesellschaft ernst nehmen und die Kultur nach ihren Möglichkeiten sehr großzügig unterstützen. Was aber fehlt, ist echte Unterstützung durch die großen Player. Wenn ein hier ansässiger Großkonzern die Klassik mit einem mittleren fünfstelligen Betrag unterstützt und das als großes Engagement gefeiert wird, finde ich das bedenklich.

Woran liegt das mangelnde Engagement der Industrie für die Kulturregion?
Das hat bestimmt eine Vielzahl von Gründen, wie so vieles im Leben. Allerdings kann man sagen, dass die allgemeine Stimmungslage in Augsburg nicht automatisch beinhaltet, dass es schick ist und Spaß macht, hier an diesem Standort in Kultur zu investieren. Diese Haltung könnte man ändern.

Nächster Termin: 3. Juli, 18 Uhr »un-er-hört: Tango!« im Parktheater

www.kammerphilharmonie.de

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