»Wir liefern eine sehr hohe Qualität«

27. November 2020 - 11:29 | Patrick Bellgardt

Als Vorstand des BBK Schwaben Nord und Augsburg e.V. ist Norbert Kiening einer der wichtigsten Ansprechpartner für Künstler*innen in unserer Region. Die Große Schwäbische Kunstausstellung betreut er als Organisator und Jurymitglied. Ein Interview

Die Vernissage der 72. Großen Schwäbischen Kunstausstellung am Samstag, 28. November, fällt dem »Lockdown light« zum Opfer. Zunächst war nicht klar, wie es im Dezember weitergehen wird. Nach einer von der a3kultur-Redaktion dem Kulturreferat vorgeschlagenen »Umwandlung« der »Halle 1 – Raum für Kunst« im Glaspalast vom reinen Ausstellungsraum in eine Galeriefläche kann die Schau ab Dienstag, 1. Dezember, für das Publikum öffnen. Als Verkaufsausstellung ist die Große Schwäbische wie der Einzelhandel zu behandeln. Öffnungszeiten bis einschließlich Sonntag, 10. Januar: Montag bis Samstag, 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

a3kultur: Herr Kiening,
wie liefen die letzten Wochen?
Norbert Kiening: Wir veröffentlichen traditionell die Ausschreibung zur Großen Schwäbischen Kunstausstellung vor der Sommerpause und hatten Glück, dass gerade in der Woche vor dem »Lockdown light« die Einreichung der Kunstwerke durch die Bewerber*innen erledigt werden konnte. Zum Glück konnten wir unsere Juror*innen noch ins Tante Emma einladen. Dort wurde das ganze Lokal für unsere Jury reserviert, um die Distanzregeln einzuhalten. Die Auswahl der Kunstwerke ist ein echter Marathon. Ich danke an dieser Stelle unseren ehrenamtlichen Helfer*innen, dass sie diese »Tortur« so konzentriert und konstruktiv mitmachen.

Die Gruppierung, die ich seit vielen Jahren zusammen mit Josef Zankl im kleinen Team durchführe, ist in der großen Halle 1 – Raum für Kunst problemlos vonstattengegangen. Belastend bei den Aufbauarbeiten war allerdings die Maske, die das Atmen erschwert und letztlich beim Transport der bisweilen sehr großformatigen Skulpturen und Bilder sehr hinderlich ist.

Welche wirtschaftlichen Aspekte bringt die Große Schwäbische für die Teilnehmenden mit sich?
Wir können in jedem Jahr einige Verkäufe vermelden und abwickeln. Durch unsere Öffentlichkeitsarbeit – Podiumsdiskussion, begleitende Veranstaltungen, aber auch durch den repräsentativen Katalog und ein auch online angebotenes übersichtliches Werkeverzeichnis – bemühen wir uns sehr, die Ausstellung attraktiv zu gestalten. Nicht zuletzt erhöht der vor sechs Jahren ausgelobte Kunstpreis der Stadt Augsburg die Attraktivität. Für viele Einreichende hat dieses Forum einen hohen Stellenwert im künstlerischen Jahresablauf. In »normalen« Jahren ist die Große Schwäbische eine stark frequentierte Schau.

Wie hat sich bei den eingereichten Werken das Ausnahmejahr 2020 widergespiegelt?
Ein so allumfassendes Thema wie Corona fließt in vielen Aspekten in die künstlerische Arbeit ein – oft nicht auf den ersten Blick erkennbar. Doch bei einer Reihe von Werken ist bereits im Titel ablesbar, dass Corona in den Köpfen der Künstler*innen eine große Rolle spielt. Wie etwa bei Ingrid Olga Fischers »Kunst stärkt die Widerstandskraft – 7 Tage Corona-Lockdown«, einer siebenteiligen Hinterglasmalerei. Oder bei Joe Rieder mit der Fotografie »Corona-Zeit«. Eine prominente Arbeit, die sich dem Thema Krankheit widmet, ist sicher unser Preisträgerwerk von Iris Nölle-Wehn mit dem Titel »Die Patienten«.

Welche Rolle spielen für Sie digitale Angebote bei der Präsentation von Kunst?
Im Frühsommer waren wir als Verband einer der ersten, die eine komplette Ausstellungsreihe, nämlich die unserer neuen Mitglieder, online präsentiert haben. Dies hat wunderbar geklappt. Hier habe ich ganz besonders unserem zuverlässigen Webbetreuer Wolfgang Mennel und Anita Braxmeier zu danken. Immer mehr Angebote müssen ins Internet abwandern, notgedrungen. Sicher ist hier noch viel Arbeit zu leisten, um gut funktionierende Formate zu kreieren. Dies ist ein Weg, um Kunst in die Öffentlichkeit zu bringen und auf sich aufmerksam zu machen. Die virtuelle Präsentation auf dem Bildschirm ersetzt aber sicher nicht den Eindruck vor der originalen Arbeit mit ihrer Haptik, im räumlichen und ganz besonders im sinnlichen Erleben. Auch der Austausch in den Ausstellungsräumen ist für Künstler*innen, die sonst den Großteil ihrer Zeit in der Klausur des Ateliers verbringen, ein unverzichtbares Moment.

In den letzten Jahren forderten Sie immer wieder einen adäquaten und dauerhaften Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst in Augsburg. Die ehemalige Staatsgalerie Moderne Kunst im Glaspalast, die derzeit als »Halle 1 – Raum für Kunst« firmiert, bietet einen wunderbaren Rahmen für die Große Schwäbische … Was denken Sie, wird dieser Ort auch zukünftig der Kunst gehören?
Ich kann dies nur hoffen. Als Ergänzung zum H2 wäre das eine überaus sinnvolle Sache. Die räumlichen Gegebenheiten sind, wie Sie sagen, wunderbar. Neben einer hervorragenden Infrastruktur für den Auf- und Abbau – mit dem großen Tor, der ebenerdigen Zufahrt, den zwei Kabinetträumen für Installationen oder Projektionen – ist alles perfekt geeignet. Soweit ich es beurteilen kann, würde das auch wirtschaftlich Sinn machen: Das Aufsichtspersonal des H2 muss ja vorgehalten werden und die zugewandte und freundliche Zusammenarbeit mit Dr. Thomas Elsen und seinem Team spornt an, spannende Ausstellungen zu zeigen. Wir liefern hier mit der 72. Großen Schwäbischen wieder eine sehr hohe Qualität. Das macht uns auch ein Stück weit stolz.

Darüber hinaus könnten im Wechsel Ausstellungen eröffnet werden. Dies würde die Frequenz und das Interesse des Publikums erhöhen. In der Vergangenheit hat man die Erfahrung gemacht, dass es wenig attraktiv ist, jahrelang die gleiche Präsentation zu zeigen. Insofern wäre ein Wechselausstellungskonzept nur zu wünschen.

Oft werden die (Neben-)Kosten der Räumlichkeiten als zu hoch angeführt, allerdings bekommt man eine perfekt ausgestattete Museumshalle. Wir alle wissen, dass kommunale Projekte vielfältigen Kostenerhöhungen ausgesetzt sind. Hier dagegen sind die Kosten bekannt und weitgehend fix. Für die Große Schwäbische gilt im Übrigen: Wir holen Landesmittel ein. Dies ist für die Stadt Augsburg ein großer Vorteil, wenn man bedenkt, dass Ausstellungen in dieser Größenordnung erhebliche Kosten aufwerfen.

»Die Kunstszene ist jetzt darauf angewiesen, dass noch vor Weihnachten wenigstens ein Teil der coronabedingten Einkommensausfälle kompensiert wird«, schreibt der Vorstand des BBK-Landesverbands Bayern Christian Schnurer in seinem Grußwort zur Ausstellung. Welche Bilanz ziehen Sie im Hinblick auf die Situation der bildenden Künstler im Coronajahr 2020?
Dass dieses Coronajahr uns viel abverlangt, ist unbestritten. Es gibt aber auch spannende Erfahrungen, die wir nicht gemacht hätten, wenn die Situation nicht so wäre, wie sie ist. Ich denke da an eine Reihe von Projekten, die wir online platzieren konnten, oder Besprechungen, die wir über Videokonferenzen abwickeln mussten. Was jedoch fehlt, ist die spontane, persönliche Zusammenkunft – sei es zur Planung von Projekten, seien es unsere Mitgliederversammlungen oder Vernissagen, die immer Treffpunkte und Austauschmöglichkeiten sind. Ein Online-Verkauf von Kunstwerken ist mir persönlich in unserem Verband noch nicht bekannt geworden.

Für unsere Kolleg*innen, die freiberuflich tätig sind, ist die Situation sicher schwer, wenn auch sehr verschieden. Viele Kunstschaffende verbessern ihre Einkommenssituation, indem sie Kurse anbieten. Da bekomme ich unterschiedliche Rückmeldungen. Zum Teil sind Kurse möglich, anderswo dürfen sie nicht mehr stattfinden und stürzen die Anbieter in Schwierigkeiten. Wieder andere führen sie online durch, was natürlich eine gewisse Logistik verlangt.

Inwieweit steht der BBK mit der Politik in unserer Region im Austausch?
Allein die Liste der Vorworte für unseren Katalog zeigt, dass wir gut vernetzt sind. Mit der Stadt Augsburg über das Kulturreferat mit dem neuen Referenten Jürgen Enninger. Mit dem Bezirk Schwaben und dem Bezirkstagspräsidenten Martin Sailer, der sehr kunstinteressiert ist und auch in seiner Eigenschaft als Landrat viele Projekte anschiebt. Es gibt regelmäßige Kontakte in die Region, nach Kloster Irsee, nach Donauwörth, nach Wertingen, nach Marktoberdorf und in viele weitere Kommunen, wenn dort Kunstprojekte geplant werden. Hier teilen wir uns die Aufgaben mit unserem Schwesterverband Allgäu/Schwaben Süd und dessen Vorsitzender Dr. Karin Haslinger, zu der ich in engem Kontakt stehe.

Wie beurteilen Sie die bislang verfügbaren Corona-Hilfsprogramme seitens der Politik?
Sehr nützlich waren und sind die Hilfen für Soloselbstständige, sofern Künstler*innen diese für sich in Anspruch nehmen konnten. Als Verband standen wir hier in mehreren Fällen beratend zur Seite. Die Rückmeldungen sind unterschiedlich: von »habe ich bekommen« über »wurde abgelehnt« bis hin zu »habe ich vorsichtshalber wieder zurückbezahlt«. Kunstschaffende sind halt sehr vorsichtig und wenig geübt im Antragswesen. Die Komplexität von Zuschussanträgen macht auch unserem Verband zu schaffen, da wir uns kein entsprechendes Fachpersonal leisten können.

Das Kulturreferat der Stadt Augsburg hat kürzlich zu »runden Tischen« geladen. Zunächst mit Vertretern der freien Theaterszene bzw. Mitgliedern der Club- und Kulturkommission. Ist ein solches Format auch für die bildende Kunst angedacht?
Ich habe dem Kulturreferenten Jürgen Enninger zum Amtsantritt schriftlich gratuliert und um einen Antrittsbesuch angefragt, der aber noch nicht stattgefunden hat. Positiv stimmt mich, dass Herr Enninger den BBK als wichtigen Ansprechpartner genannt hat. Insofern gehe ich davon aus, dass Gespräche mit den Akteuren der bildenden Kunst, also auch mit uns, stattfinden werden und dass der Kulturreferent versucht, in einem partnerschaftlichen Miteinander das Beste zu erreichen. Der BBK ist seit Jahrzehnten ein zuverlässiger Partner für die Stadt Augsburg, ich selbst bin seit über 30 Jahren für die bildende Kunst aktiv.

Norbert Kiening, geboren 1959 in Dachau, arbeitet seit 1989 als freischaffender Künstler. Seit 2005 ist er Vorstand des BBK Schwaben Nord und Augsburg e.V.

Sonderveröffentlichung zur Großen Schwäbischen in unserer aktuellen Print-Ausgabe, Dezember 2020

www.kunst-aus-schwaben.de
www.norbert-kiening.de

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