Wirklich klein, aber fein

28. Oktober 2016 - 14:56 | Iacov Grinberg

Vom 7. bis 9. Oktober fanden in Mering die Papiertheater-Opernspiele statt. Weltweit die ersten, wie eine sorgfältige Recherche gezeigt hat. Außer vier deutschen Theatern waren ein Ensemble aus Dänemark und eines aus der Ukraine angereist.

Die Blütezeit des Papiertheater-Genres waren die 20er- und 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Die damals erschienenen Puppenopernbühnen waren sehr verbreitet. Mit ihnen konnte man zu Hause Bühnenhandlungen mit Hilfe von Pappfiguren nachspielen. Mit der Verbreitung von Schallplatten entstanden verkürzte Varianten der bekannten Opern, wobei sie nicht von Amateuren, sondern von erstklassigen Operndirigenten geschaffen wurden. Sie dauerten 45 bis 75 Minuten, die Parteien wurden von berühmten Sängern gesungen und auf einem Satz der Schallplatten eingeritzt. Es waren zwei Grammophone erforderlich, damit der Abschluss einer Platte in den Beginn der Folgenden überging. Für solche verkürzten Varianten wurden gedruckte Blätter mit Dekorationen und Figuren verlegt, die man ausschneiden sollte, um damit die Handlung der Oper auf einer kleinen, üblicherweise ca. DIN A3 großen Bühne vorzuführen.

Heute versuchen die wenigen verbliebenen Anhänger dieses Genres es wiederzubeleben und weiterzuentwickeln. Die Meringer Opernspiele waren jedoch keinesfalls nur eine nur eine Ansammlung von Liebhabern. Die Authentizität wurde großgeschrieben. In einigen Stücken bewegten sich die Figuren wie in alten Zeiten parallel auf der Bühne, in anderen konnten sie frei agieren und sich auch umdrehen. Man scheute sich nicht, für den Hintergrund moderne elektronische Technik zu verwenden. Eine Vorführung wurde von historischen Grammophonen begleitet, eine andere von Livemusik. Das Repertoire enthält nicht nur klassische Opern, sondern auch ein Stück in ukrainischer Sprache, von dem uns kaum bekannten Komponist Leontowitsch aus den 20er-Jahren. Das Bühnenbild war manchmal eher modernistisch als klassisch.

Wir versuchten zu verstehen, warum eine solche Vorführung einen größeren Eindruck macht, als eine Oper im Fernsehen. Der Ton im TV ist besser und das Bild, besonders beim Heimkino, wesentlich größer. Es scheint uns, dass die Ursache in einer ganz spezifischen Atmosphäre liegt.

Die Opernbühne ist groß, entsprechend groß ist der Saal. Eine Opernvorführung ist – ob wir das möchten oder nicht – ein gesellschaftliches Ereignis. Noch heute kleidet man sich festlich. Eine Oper im Papiertheater ist prinzipiell anders, nämlich ein Kammerereignis. Hier sammelte (und sammelt) sich eine kleine Gruppe von Gleichgesinnten – maximal 20 bis 25 Menschen, eine Gruppe mit familiären oder freundschaftlichen Verbindungen. Sie bilden zusammen den Zuschauersaal, eine äußerst wichtige Komponente jeder Vorführung. Und ausgerechnet dieser spezifische Zuschauersaal bestimmt die wunderschöne Atmosphäre und die Anmut der Vorführung.

Die Festspiele sind schon vorbei, aber in der Nähe, in Mering, bleibt das Papiertheater Multum in Parvo weiter bestehen. Besuchen Sie die Vorführungen dieses Theaters, am besten zusammen mit einigen Ihrer Freunde und Bekannten. Erleben Sie die einzigartige Atmosphäre des Papieroperntheaters.
(Iacov Grinberg)

www.papiertheater.net

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