Politik & Gesellschaft

Wissensspeicher der Moderne

Jürgen Kannler
3. Juni 2016

Das neue Stadtarchiv ist das Kernstück einer geplanten Reihe von Kultureinrichtungen, wie wir sie in dieser Qualität und unmittelbaren Nachbarschaft in Augsburg noch nicht gesehen haben. Im Herzen des Textilviertels gelegen flankiert dieses Triptychon aus tim (seit 2010), Stadtarchiv (seit 2014) und Archäologischer Sammlung (in Planung) in einigen Jahren gewissermaßen den Zugang zu einem neu belebten Quartier auf dem Gelände der ehemaligen Kammgarnspinnerei AKS, das in den letzten Jahrzehnten in die historisch wertvolle Bausubstanz hineingeplant wurde und nun Bauabschnitt für Bauabschnitt fertiggestellt wird.

Wer in den kommenden Monaten bei einer der regelmäßig angebotenen Führungen durch das neue Stadtarchiv dabei sein will, sollte sich frühzeitig um einen Platz dafür bemühen. »Das Interesse der Augsburger an ihrem neuen Stadtarchiv ist riesig«, freut sich Michael Cramer-Fürtig. Als Direktor des Hauses lässt er sich nicht nehmen, Besucher immer wieder auch selbst durch die 4.450 Quadratmeter große Anlage zu führen. Seine Begeisterung für seinen Arbeitsplatz ist ansteckend. Vielleicht braucht es diese unmittelbare Form der Leidenschaft, um ein Projekt wie das Stadtarchiv in Augsburg zu stemmen.

Mit publikumswirksamen Bildern, die schnell ihre Wirkung entfalten, kann kaum ein Archiv punkten. Es ist eher ein langsames Geschäft, jedoch, sofern es ordentlich betrieben wird, eines von großem Wert und noch größerer Verantwortung. Schließlich übertragen wir den Archiven die Funktion eines kollektiven Langzeitgedächtnisses. Das heißt, bevor er sich daran macht, die Dinge zu ordnen und abzulegen, muss der Archivar entscheiden, was denn wirklich Relevanz hat, nicht nur aus heutiger Sicht. Die jährliche Übernahmequote liegt rückstandsbedingt derzeit noch bei ca. 15 bis 20 Prozent des angebotenen Schriftguts, soll sich aber in Zukunft auf 5 Prozent einpendeln. »Der Archivar denkt in Jahrhunderten«, lässt Cramer-Fürtig wissen. Er betreibt eine »Langzeiteinrichtung für kulturelles Erbe« und versteht sein Archiv in gewisser Weise auch als Haus der Geschichte, als Gedächtnis der Kommune.

Stadtarchiv transparent

Dem Besucher öffnet sich das Stadtarchiv über eine Art öffentlicher Campus. Im rechten Flügel finden forschende Gäste einige Reihen mit einladend konzipierten Arbeitsplätzen sowie Sonderräume für Karten, Mikrofilme, und audiovisuelle Medien. Dem gegenüber liegt ein Vortragssaal für rund 150 Besucher. Auch diese Einrichtung braucht in ihrer Funktion und Wirkung keinen Vergleich zu scheuen. Überhaupt erlebt der Besucher die Arbeit des für Planung und Bau verantwortlichen Architekturbüros Schuller + Tham als ebenso zurückgenommen wie gelungen. Der Umgang mit jüngerer historischer Bausubstanz scheint dem Team, wie schon beim Kongress am Park, zu liegen. So erfreut den Besucher immer wieder die reizvolle Einbeziehung der ebenso eigenwilligen wie überraschenden Tageslichtführung der Shedhallen oder die fast schon poetische Anmutung der zweigeschossigen Regalanlage, die eigens für Augsburg konstruiert wurde. Diese Pionierleistung der Archivarchitektur wurde in vier separate Brandabschnitte eingebaut, die sich im hinteren Teil des Komplexes befinden, ebenso wie die zwei für die künftige Archivierung vorgesehenen Magazinabschnitte, in denen zurzeit noch das Archivmaterial in einem riesigen Zelt mittels Stickstoffbehandlung systematisch ungezieferfrei gemacht wird.

Zwischen diesen klimatisierten Lagerräumen, die mit ihren fahrbaren Regaleinheiten rund zwei Drittel der Gesamtarchivfläche in Anspruch nehmen, und dem Publikumsbereich am Eingang befinden sich Büros und Werkstätten zur Digitalisierung und Aufbereitung. In der Etage darüber liegen die Arbeitsräume der Archivare.     

Als Michael Cramer-Fürtig im Jahr 2002 antrat, um ein völlig neues Kapitel Archivgeschichte in Augsburg zu schreiben, verließ er eine gesicherte Position im Münchner Hauptstaatsarchiv und konnte bereits auf einige wissenschaftliche Erfolge verweisen. »Mich hat schon immer Grundlagenarbeit interessiert«, damit erklärt Cramer-Fürtig, der sich selbst auch als »Generalist« bezeichnet, seinen Wechsel nach Augsburg. Das besagt wohl nicht weniger, als dass er damals bei null oder etwas darunter starten musste. Das alte Stadtarchiv an der Fuggerstraße platzte aus allen Nähten und war vom Brotkäfer befallen, einem Ungeziefer, das nicht nur die Nähe des Stadtmarkts zu schätzen wusste, sondern auch die 500 Jahre Stadtgeschichte, die in feuchten Archivkellern in Papierform vor sich hin rotteten. 14 Jahre später hat Cramer-Fürtig sein Team von 8 auf 25 Mitarbeiter ausgebaut und leitet eines der modernsten Stadtarchive Europas. Um solche Ergebnisse einfahren zu können, braucht es mehr als Kennerschaft in seinem wissenschaftlichen Fachgebiet. Es braucht Überzeugungskraft, Verhandlungsstärke, den nötigen Biss bei Budgetdiskussionen und im Fundraising sowie ein Quantum an Leidenschaft.

Nachdem nun seine Aufgaben als Bauherr weitgehend abgeschlossen sind, will Michael Cramer-Fürtig sein Haus zu einem transparenten Stadtarchiv mit Vorbildcharakter machen. Dazu gehören öffentliche Veranstaltungen, die in einem Jahresprogramm zusammengefasst wurden und ihren Höhepunkt 2016 beim Tag der offenen Tür am 25. Juni finden werden. Im Alltäglichen bezieht sich dieser Anspruch aber auf die Vernetzung und Austauschinitiative, bei der das Stadtarchiv Augsburg in Bayern eine Vorreiterrolle einnimmt.  Außerdem freut er sich darauf, die archiveigenen Sammlungen von historischem Fotomaterial oder handgezeichneten Plänen und Landkarten auszubauen. Vor allem das Thema Quellenerschließung ist ein Aufgabenbereich, dem Cramer-Fürtig nun mehr Aufmerksamkeit widmen möchte. Als Beispiel nennt er die Geschichte der Neubürger in den letzten Jahrzehnten, die es zu bewahren gilt. Sein Haus wird seinen Beitrag dazu leisten. Alles in allem sind das Bereiche, die sich hervorragend dazu eigenen, ihr Publikum zu erreichen. Wir werden also noch einiges hören vom neuen Augsburger Stadtarchiv, unserem Wissensspeicher der Moderne.

www.stadtarchiv.augsburg.de

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