Wo komme ich her, wo bin ich, wohin will ich?

1. Januar 2018 - 7:40 | Jürgen Kannler

Karl Borromäus Murr hat mit der Eröffnung des tim im Jahr 2010 das Textilviertel auf den Stadtplan zurückgeholt. Er entwickelt dort einen Kunststandort, der den Spagat zwischen der textilen Vergangenheit und globaler Verantwortung schafft. Ein Kulturortporträt

Seit dem 12. Dezember läuft im tim, dem Staatlichen Textil- und Industriemuseum in Augsburg, die Ausstellung »Monkey Business«. Beate Passow, eine in München lebende Künstlerin, erkundet hier die Gründe und Abgründe des gegenwärtigen Europa. »Ein Kontinent, der in seinen Fundamenten erschüttert und aus den Fugen geraten erscheint«, wie es in der Schau heißt.

Die titelgebenden Motive, großformatige Tapisserien basierend auf Fotomontagen der Künstlerin, wurden in der Maschinenhalle des Museums gewebt. Die Arbeit mit dem Titel »Gibraltar« ist das Covermotiv dieser Ausgabe. Ein Berberaffe sitzt auf einem Kanonenrohr. Er wendet den Blick vom Betrachter. Unter ihm Europa, das er zu bewachen scheint. Er, der vor Jahrhunderten selbst den Sprung von Afrika nach Europa wagte, ist Passows Grenzwächter. Ein absurdes Gedankenspiel mit gefährlicher Wirkung im Realen, das Beate Passow hier aufnimmt, und obendrein stark in der Wirkung.

Das tim ist ein Kulturort, der in seinen Räumen den Austausch von Positionen fördert

Diesen in Schwarz-Weiß gehaltenen Webarbeiten stellt die Künstlerin eine Serie von bunt bestickten Steckbriefen gegenüber. Zu sehen sind Terroristen und Revolutionäre. Wer welcher Kategorie zuzuordnen ist, entscheidet letztendlich auch die Geschichte, wie bei Mosche Dajan. Von den Engländern in den 1940er-Jahren als Terrorist der Hagana-Bewegung in Haft genommen, war er 30 Jahre später als israelischer Außenminister maßgeblich am Camp-David-Abkommen beteiligt. Und wie verhält es sich bei Ulrike Meinhof? Als Mitbegründerin der RAF wurde die Journalistin über Fahndungsplakate in der BRD der 1970er-Jahre hundertausendfach zur Popikone. Die von Passow bei diesen Arbeiten verwendete Sticktechnik gibt den Steckbriefen eine Gemütlichkeit, die nicht zu ihren Inhalten passen will. Genau diesen Zwiespalt sucht und bedient sie mit ihren zur Fahndung ausgeschriebenen Zwitterwesen sehr gekonnt. »Passow weiß um den doppelten Boden bei ihrem Spiel mit der Banalität des Bösen«, sagt Karl Borromäus Murr, der als Leiter des tim die Arbeiten nach Augsburg geholt hat.

So viel ist klar: Die Künstlerin bezieht mit ihrem Werk Stellung. Und das tim ist ein Kulturort, der in seinen Räumen den Austausch von Positionen fördert und die Statements der hier Wirkenden eben nicht nur aushält, sondern in bester kuratorischer Verantwortung pflegt.

Seitdem das Haus im Jahr 2010 das Textilviertel auf den Stadtplan von Augsburg zurückgeholt hat, entwickelt sich dort ein Kunststandort, der in seinem komplexen Programmaufbau den Spagat zwischen der textilen Vergangenheit der Stadt und globaler Verantwortung im weitesten Kontext der hauseigenen Themen schafft. Eine Leistung, die international Beachtung findet und vor Ort ihr Publikum hat. Rund 100.000 Besucher, Jahr für Jahr. Und das in einem Teil der Stadt, in dem erwachsene Menschen auf dem Weg ins Theater immer noch verloren gehen können, weil es an der banalsten Beschilderung im Viertel fehlt, allen mobilen Navigationsinstrumenten zum Trotz.

Murr erklärte das tim anlässlich des 5. Geburtstags zum Labor der Moderne

Auch in ihrem achten Jahr weist die Dauerausstellung im tim keine größeren Abnutzungserscheinungen auf. Sie stellt das praktische Erlebnis in den Mittelpunkt. Historische und moderne Textilmaschinen, bedient von Zeitzeugen, die als Maschinenführer im Museum weit mehr sind als technische Hilfskräfte. Sie sind mit ihrem Förderverein das Rückgrat des Hauses und legitime Erben der hier veranschaulichten Textilgeschichte. In vielen Fällen weit mehr als alle Begünstigten, Stiftungen und Verwertungsgesellschaften der einstigen Besitzerfamilien dieser Textilimperien zusammen.

Mit diesem Schatz als Basis – der Legitimation und zugleich Verpflichtung ist, die Kernthemen des Hauses umfassend zu verhandeln – setzte Karl B. Murr von Beginn an mit einer starken Serie von Sonderausstellungen Zeichen. Folgerichtig erklärte er das tim anlässlich des 5. Geburtstags zum Labor der Moderne. In diesem Zusammenhang hat er es sich auch zur Aufgabe gemacht, Traditionen infrage zu stellen und neu zu interpretieren. Untermauert und vorangetrieben wird dieser Anspruch mit einem Ausstellungsprogramm, das auf technischem Gebiet ebenso von sich reden macht wie im künstlerischen Parcours oder auf historischer Ebene.

Ein weiteres aktuelles Beispiel. Vor Kurzem wurde »Kahn & Arnold«, die Ausstellung über den Aufstieg, die Verfolgung und Emigration zweier Augsburger Unternehmerfamilien im 20. Jahrhundert, bis Ende 2018 verlängert. Begleitet wird diese Entscheidung von einem starken Rahmenprogramm im Kontext Erinnerungskultur, bei dem das tim aufzeigt, wie gute Vernetzungsarbeit funktionieren kann. Die sensible Art, wie sich das Haus des Themas annahm, hat seine Reputation nicht nur in Fachkreisen gemehrt. Insbesondere auch Mitglieder von Opferfamilien sprachen Dank und Achtung für die von Murr gewählten Worte der Entschuldigung für das in unserer Stadt an ihnen verübte Unrecht aus. Eine Geste, die weder die neuen Eigner der Textilwerke Kahn & Arnold nach »Arisierung«, Naziherrschaft und Weltkriegsende noch die Politik unserer Tage zu Werke brachten.Auch wenn »Kahn & Arnold« thematisch im hauseigenen Kontext Textil- und Industriekultur verankert ist, legt diese Schau den Fokus auf einen weiteren Schwerpunkt des tim: das Thema Vielfalt.

In Kooperation mit unterschiedlichsten Institutionen hat das Museum die Vielfalt unserer Stadt zu seinem Thema gemacht und sich damit nachdrücklich als Plattform für die Partizipation vor Ort empfohlen. Jedoch gab es im bisherigen Arbeitsverlauf einen Paradigmenwechsel. Wollte man vor einigen Jahren Vielfalt in Augsburg noch anhand vorwiegend türkischer Arbeitsmigranten nacherzählend in die Gegenwart führen, entschied man sich – auch angesichts der immer schwieriger werdenden politischen Verhältnisse in der Türkei – letztendlich für einen Stellungswechsel. »Nun steht die Frage nach der Zukunft im Vordergrund, genauer gesagt: Wir gehen der Frage nach, wie sich die Augsburger und Augsburgerinnen ihre Stadt im Jahr 2040 vorstellen. Dabei wird es um städtebauliche Visionen ebenso gehen wie um die Frage, in welcher Gesellschaft wir überhaupt leben wollen. Immer auch vor dem Hintergrund, aus der vertrackten Lage herauszufinden, in der wie stecken«, so Murr. In einem zweiten Schritt wird man sich der Gegenwart widmen und als letzten Schritt in die Vergangenheit wagen. Ein größeres Ausstellungsprojekt hierzu ist für 2019 in Planung.

Das Museum hat die Vielfalt unserer Stadt zu seinem Thema gemacht

Im kommenden Frühjahr wird zu diesem Themenfeld schon einmal das Projekt »#selfi« in Kooperation mit dem SJR angeboten. Barbara Kolb, im tim für die Museumspädagogik verantwortlich, entwickelte dieses Projekt für und mit Jugendlichen anhand der Fragestellung »Wo komme ich her – wo bin ich – wohin will ich«. Unterstützt wird sie dabei von Thomas Sing, einem Fotografen, der die Jugendlichen bei der Projektarbeit zu »#selfi« begleitet und porträtiert hat.

Unter dem Titel »Phönix« bringt das tim nach den Osterfeiertagen die Arbeit des Berliner Modekünstlers Stephan Hann dem Publikum näher. Hann wurde durch seine aufsehenerregenden Modeobjekte aus Recyclingmaterialien berühmt. Seine Handwerkskunst hat er unter anderem in seiner Pariser Zeit in den 20000er-Jahren bei Swarovski und Loulou de la Falaise verfeinert – durchaus ein Kontrastprogramm zu den aktuellen, ebenso zeitkritischen wie fantastischen Objekten aus Tablettenblistern oder anderen Spuren unserer Wegwerfkultur. Das tim präsentiert »Phönix« ab dem 6. April bis in den Sommer.

Einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Bedeutung als Kulturort zieht das tim aus seiner Vernetzungsarbeit

Eine weitere Schau, die im Bereich Gegenwartskunst mit textilen Materialien angesiedelt ist, wird Koho Mori-Newtons »No Intension«. In Japan geboren, lebt der Künstler heute in Stuttgart. Mit Stoffbahnen von oft imposanten Maßen schafft er warme, strukturale Orte und begehbare Labyrinthe, geformt aus Kopien von Kopien von Kopien – Echos aus Stoff, wenn man so will. Einen Begriff aus der Akustik zu bemühen ist bei Mori-Newton angebracht. Schließlich ist der leidenschaftliche Jazzmusiker mit der Sängerin Lauren Newton verheiratet und im Rahmen seiner Augsburger Schau wird es zu einigen bemerkenswerten Konzerten kommen, auch unter seiner Mitwirkung. »No Intension« läuft vom 29. August bis 28. Oktober im tim.

Einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Bedeutung als Kulturort zieht das tim aus seiner Vernetzungsarbeit. Diese ist für das regionale Kulturleben von besonderer Bedeutung. Sie verbindet lokale Kulturarbeiter*innen, Programme und Initiativen erfolgreich mit internationalen Formaten, Künstler*innen und Institutionen. So ist das tim parallel zu seinem eigenen Programm immer wieder Gastgeber für Konzerte und Theaterprojekte oder öffnet seine Hallen für Stars wie die Antilopen Gang oder Algier im Rahmen des nächsten Brechtfestes.

Auch der Artist in Residence 2018 des Projekts »Welcome in der Friedensstadt« wurde von Karl B. Murr kuratiert. Der slowenische Künstler Miha Štrukelj wird auf Einladung des Vereins Hoher Weg im Sommer 2018 einige Wochen in Augsburg verbringen und in dieser Zeit eine Ausstellung zum Thema Utopie des Friedens erarbeiten, die im Rahmen des Hohen Friedensfestes im tim zu sehen sein wird.

Ende November zieht der legendäre Textilmarkt im tim für ein Wochenende wieder Tausende Besucher*innen in das Museum. Kurz vorher wird jedoch unser Verlag studio a mit dem art3kultur­salon im tim einen zweitägigen Kongress samt Ausstellung für Macher*innen im Kontext Kunst der Gegenwart organisieren.

Der Platz für diesen Beitrag reicht nicht, um wirklich alle Termine, die im Programm des Textil- und Industriemuseums für 2018 gelistet oder heute schon fixiert sind, zu berücksichtigen. Dennoch vermitteln die gegenwärtig bekannten Themen einen Eindruck davon, wie wichtig dieser Kulturort für Augsburg und die ganze Region ist. Kein Wunder also, dass der Leiter des Hauses Karl B. Murr die gesamte Museumslandschaft der Stadt ab sofort im Kulturbeirat der Stadt Augsburg vertreten wird. Berufen wurde er in dieses bedeutende Ehrenamt von Thomas Weitzel, dem Kulturreferenten der Stadt.

Drei Jahre lang wird Murr in dieser Funktion voraussichtlich tätig sein. Drei wichtige Jahre für die Museumslandschaft der Stadt. 2018 startet das Kulturreferat im Rahmen des allgemeinen Stadtentwicklungskonzepts (STEK) das Panel, in dem es im Schwerpunkt um Museen, Galerien und Ausstellungsorte gehen soll. Ein Kulturbereich, in dem nicht zuletzt vonseiten der Vertreter städtischer Einrichtungen in den letzten Jahren beachtliches Unbehagen gegenüber der Politik angewachsen ist. Das ist es nicht unerheblich, wer diese Gruppe als Vertreter im Kulturbeirat in den Steuerungsgruppen vertritt. Murr um diese Vertretung zu bitten, zeugt von geschickter Diplomatie. Er ist in diesem Kulturbereich nicht nur erstklassig vernetzt, sondern genießt auch den nötigen Respekt unter den Kolleg*innen. Und nicht zuletzt können ihn die Untiefen städtischer Kulturpolitik als Leiter eines staatlichen Museums wenig anhaben.    

www.timbayern.de

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