Wo lebt Brecht fort?

24. März 2020 - 9:45 | Gast

Wie wird, was Brecht sagen, erzählen, beschreiben, abbilden und ändern wollte, umgesetzt, erläutert und verstanden? Gedanken zur Konzeption und Zukunft des Brecht-Preises und -festivals. Ein Gastbeitrag von Knut Schaflinger


So viele Berichte.

So viele Fragen.
(Aus: Bertolt Brecht, »Fragen eines lesenden Arbeiters«)

»Wer Thomas Bernhards Buch ›Meine Preise‹ gelesen hat, kann ein bisschen erahnen, was in Schriftstellerinnen und Schriftstellern vorgeht, die in fremde Städte reisen, um sich dort ausgelobte Literaturpreise abzuholen. Ich vermute, Angst vor den Laudationes, den Lobreden lokaler Politikerinnen und Politiker gehört ein bisschen dazu.« So beginnt Eva Weber, Bürgermeisterin, Wirtschafts- und Finanzreferentin der Stadt Augsburg und Oberbürgermeisterkandidatin der CSU, am 18. Februar 2020 ihr Rede zur Verleihung des Brecht-Preises.

Warum Thomas Bernhard quasi als Pate, als Präludium oder doch nur Prunk? Weil sich B&B, Bernhard und Brecht, so leicht und schön gemeinsam denken lässt? Aber egal – die Gedanken sind frei. Nein, denke ich, Thomas Bernhard, dieser Meister des Schmähens und Schimpfens, des Schnaubens und Schnauzens, nein, dieser Thomas Bernhard hätte kaum Angst gehabt, »in diesem muffigen verabscheuungswürdigen Nest/In dieser Lechkloake.« (Aus: T. Bernhard, »Die Macht der Gewohnheit«) den sich dort ausgelobten Literaturpreis abzuholen.

Denn, auch das hat er uns in besagtem Buch zugemutet »Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein.« Warum also macht sich Eva Weber die Bernhardsche Suada zueigen, diese Schmähschrift, die die oder den Ausgezeichnete(n) mit spitzem Finger auf die Auszeichnenden weisen lässt. Will sie Sibylle Berg, der gewiss spitzzüngigen Brecht-Preis-Trägerin des Jahres 2020, mit dem Hinweis auf Thomas Bernhard zuvorkommen und sagen, jede Gemeinheit gegenüber der Stadt Augsburg ist eh schon in der Welt und also bitte: endlich Lob!

Immerhin: Sibylle Berg hat sich bei der Stadt Augsburg artig bedankt. Und am Ende ihrer Rede die ehrliche aber auch enttäuschende Bemerkung untergebracht: Mehr fällt mir nicht ein. Das ist nicht viel und ob es dem Preis angemessen ist, steht hier nicht zur Debatte.

Ist der Brecht-Preis nur kulturpolitisches Alibi, Augenwischerei, um der Welt zu zeigen, die Vaterstadt legt zu einem der bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands ein öffentliches Bekenntnis ab?

Der Brecht-Preis also! Vor 25 Jahren erstmals ausgelobt, um Persönlichkeiten auszuzeichnen, die sich durch die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart in ihrem literarischen Schaffen ausgezeichnet haben. Zehn Preisträger bis dato, über deren literarische Verdienste hier nicht geurteilt werden soll. Zur Debatte steht der Preis selbst. Wie wird er vergeben, was bewirkt er, wie wird er wahrgenommen? Vom Feuilleton aber auch von der Stadtgesellschaft.

Diese Frage zuerst: Ja, der Goldene Saal war neulich nahezu voll. Musik, Laudatorin, Preisträger. Applaus. Blumen. Publikum. Der Großteil davon durfte sich bei der Stadt kostenlos Eintrittskarten abholen, kulturinteressierte Laufkundschaft sozusagen, die am Ende dann auch noch bei einem Empfang auf Brecht oder Berg, also wieder B&B, kostenlos anstoßen durfte. Sie wissen ja: »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.«

Und der Preis? Ist der nur kulturpolitisches Alibi, Augenwischerei, um der Welt zu zeigen, die Vaterstadt legt zu einem der bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands ein öffentliches Bekenntnis ab? Wie setzt sich dessen Werk im Werk der Ausgezeichneten fort, was, im Geiste Brechts, hätten uns die Preisträger zu sagen? Nein, eine Laudatio allein kann das nicht leisten. Das kann nur der oder die Ausgezeichnete selbst. Also: vorlesen bitte!

Wenn Brechts literarisches Vermächtnis auch als ein politisches und soziales zu definieren wäre, dann bliebe zu wünschen, dass sein Konzept des Lehrstückes, also, der Versuch, Publikum zu animieren, sich aktiv mit Problemen der Zeit auseinander zu setzen, sich in Gestalt und Rahmen der Preisverleihung wiederfände. Die Träger*innen des Preises wären zu verpflichten, einen öffentlichen Auftritt zu gestalten – eine Lesung! Erst damit wirkt der Preis in die Stadtgesellschaft hinein, kann er mehr sein, als ein ohnedies kaum über die Stadtgrenze hinausreichendes Medienspektakel.

Was wäre dem Preis noch zu wünschen? Eine kleine Schwester oder ein kleiner Bruder! Ein Förderpreis also! In Zeiten in denen oft die immer gleichen Jurys die immer gleichen Autor*innen auszeichnen, bis dann der nächste Stern am literarischen Himmel erscheint, wäre ein kleiner Trabant doch auch ein lichtschenkender Himmelskörper. Also, verehrte Jury, man macht nichts falsch, wenn man auch jüngere Autoren, die den Vergabeanspruch des Preises erfüllen, bedenkt und beehrt. Preise sind in Zeiten, da der Literaturbetrieb seine mäzenatische Dauerförderung längst eingestellt hat, überlebensnotwendig. Sie sind Einkommen fürs Auskommen! Für junge Autor*innen gilt das allemal!

Und warum nicht den Förderpreisträger verpflichten, einen Unterrichtstag in irgendeiner Augsburger Schule zu gestalten, um dort mit Schülern über Brecht zu reden und was der uns, vermittelt durch das eigene Werk, heute zu sagen hätte. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Das lohnt sich!

Und warum nicht den Bürger*innen der Stadt bei der Vergabe mehr Transparenz gewähren. Die Bertolt-Brecht-Preis-Trägerin 2020 haben, unter der Leitung des Augsburger Kulturreferenten, sieben weitere Jury-Mitglieder vergeben. Brechtexperten allemal, Literaturkritiker, Literaturwissenschaftler, Dramaturgen, Intendanten. »Die Jurysitzungen werden analog abgehalten, in aller Regel,« so teilt Kulturreferent Thomas Weitzel mit, »ergibt sich eine lebhafte Diskussion um die Vorschläge«. Warum das Ringen um die Frage, wer soll aus welchen Gründen bedacht werden, nicht öffentlich machen? Ein Expertentreffen in Sachen Literatur und wie sie gesellschaftliche Entwicklungen künstlerisch reflektiert und eventuell gar bewältigt. Die abschließende Abstimmung kann und sollte dann ja anonym sein. Warum keine Vertreter*innen der Stadtgesellschaft zusätzlich berufen, um teilhaben und verstehen zu können, wie und weshalb Preisgerichte so wie geschehen entscheiden. Kurzum: lernen können! Wäre gut.

Warum also den Preis, von dem zu wünschen wäre, es wären »die Preise«, nicht dazu zu machen, wofür er gedacht ist: die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart öffentlich zu führen. Dagegen hätte Brecht wohl nichts.

Die Stadt muss Vertrauen haben in die Festivalleitung, Vorschuss gewähren, aber auch klar machen: Nach drei Jahren ist wirklich genug.

Auch nicht gegen ein Brechtfestival. Aber bitte eines, das nicht vornehmlich und laut als Rummel daher kommt (siehe meine persönliche Festival-Bilanz auf dieser Website) sondern eines, das Organisation, Abläufe, Auftritte und Publikum grundsätzlich ernst nimmt, das ihm nicht unterstellt, es hätte sein Konzept nicht verstanden. Und Konzeption und Kontinuität braucht so ein Festival! Und Kuratoren, die nicht, quasi wie zur Probe, bestellt sind, jedes Jahr erneut einen Nachweis ihrer Leistungsfähigkeit abliefern müssen. Gebt ihnen eine Chance zur Entwicklung, zur Auseinandersetzung mit dem Augsburger Publikum, um selbst zu lernen, sich zu verbessern. Wir beide hätten das verdient – Zuschauer und Veranstalter.

Die Stadtpolitik muss sich, wenn sie denn eine Festivalleitung bestellt hat, aus deren Arbeit heraushalten. Es sollte keine Deutungshoheit im Rat geben, wie viel Brecht – je nach Haltung und Meinung – die Stadt verträgt. Nein! Sie muss Vertrauen haben in die Festivalleitung, Vorschuss gewähren, aber auch klar machen: Nach drei Jahren ist wirklich genug.

Erst das schafft, neben Kontinuität, auch Vielfalt. Und genau das ist, was so ein Brechtfestival zu leisten hat: Das wirkungsmächtige Werk dieses Augsburger Autors nicht nur im historischen Kontext zu präsentieren, sondern nach jenen Formen in der darstellenden Kunst, der Musik, der Literatur zu suchen, in denen Brecht auch heute noch weiterlebt. Tanz, Puppenspiel auch Malerei! Alles denkbar. Her damit! Und vor allem Debatte! Brecht schrieb auch dieses Buch: »Flüchtlingsgespräche«. Da gäbe es ja einiges zu sagen. Und zu bereden – in der Friedensstadt.

Solches findet aber nicht nur wer, neben aller Expertise, ausreichend Zeit hat zu planen und zu suchen, das findet nur, wer auch ausreichend Mittel dazu hat. Die Stadt muss sich fragen, ob sie das Festival, dieses kulturelle Alleinstellungsmerkmal Augsburgs, ausreichend finanziert, sie muss ermöglichen, dass auch größere Produktionen den Weg in Brechts Heimatstadt finden. Und auch: jüngere Autor*innen. Wo in der zeitgenössischen Dramatik, im Theater, lebt Brecht fort? Welche Texte, Stücke, Produktionen greifen auf, setzen fort, weisen hin? Wie wird, was Brecht sagen, erzählen, beschreiben, abbilden und ja: ändern wollte, umgesetzt, erläutert, verstanden? Wie wird sein Erbe lebendig gehalten und gemacht? Wo findet er Widerhall in regionalen Produktionen, wie steht es und findet man ihn, in anderen literarischen Gattungen? In »sozialen« Netzwerken vielleicht oder gar!

Vor allem aber: Wie erzeugt man Stimmung? Durch ein Zentrum, bestimmt. Im martini-Park. Stimmt auch. Aber besser im Sommer. Dann friert keiner beim Schlangestehen. Noch besser wäre: Es gäbe, weil gut organisiert, diese Schlangen nicht, sondern selbstbestimmtes Verweilen, Innehalten, Reden und Staunen!

So, vor allem, kommt Brecht zum Publikum. Denn: »Ein Mann, der etwas zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.« (Bertolt Brecht)

Es bleibt viel zu tun. Wir schaffen das!

Ich benötige keinen Grabstein, aber
Wenn ihr einen für mich benötigt
Wünschte ich, es stünde darauf:
Er hat Vorschläge gemacht. Wir
Haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift wären
Wir alle geehrt.      
(Bertolt Brecht)

So viele Fragen.
So wenig Antworten.


Knut Schaflinger, geb. 1951 in Graz/Österreich, Studium in Wien, bis 1995 freier Filmemacher beim Bayerischen Fernsehen in München. Bis 2016 Redakteur und Chef vom Dienst bei den ARD-Tagesthemen in Hamburg. Ehemals Dozent an der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und an der Bayerischen Akademie für Fernsehen in München. Wohnhaft in Augsburg.

Ehem. Mitarbeit in freien Theatergruppen in Wien, Graz, München und Augsburg. Lyriker. Veröffentlichungen in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien, elf Einzelbände, letzter Titel: »Die Unentbehrlichkeit der Farben«, Gedichte, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist/Köln, November 2018. Mehrere Auszeichnungen und Preise, u. a. Finalist Christine-Lavant-Preis 2003, Lyrikpreis Feldkirch 2005, Nominiert für den Dresdner Lyrikpreis 2014.

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