Woran Frauen und Männer noch arbeiten müssen

6. März 2017 - 14:20 | Janina Kölbl

Unter dem Titel »Feminismus ist für alle da« gastierte die britische Feministin Laurie Penny zusammen mit Landsmann Jack Urwin im Rahmen des Brechtfestivals in der Brechtbühne.

»Feminismus ist für alle da«: So schien es am vergangenen Sonntagnachmittag wahrhaftig zu sein, wenn man sich das Publikum anschaute – die Veranstaltung war restlos ausverkauft. Vielleicht lag es aber auch an der zierlichen Frau mit dem Kurzhaarschnitt, ihr Name: Laurie Penny. Die Britin erlangte in den letzten Jahren mit ihren Büchern wie »Meat market« oder »unsagbare Dinge« einen hohen Bekanntheitsgrad – mit gänzlich neuen feministischen Theorien.

»Es gibt eine neue Generation , Politik zu machen«. So leitete Moderatorin Meredith Haaf den Nachmittag ein. Die freischaffende Autorin und Journalistin, unter anderem für das Missy Magazin und die SZ tätig, sprach sich selbst mit ihren Bücher wie »Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht« gegen biologische Geschlechterzuschreibungen aus.

Nach einer kurzen Vorstellung der Runde legte Penny los: »Männer müssen über das Thema Gender sprechen«, so die 30-Jährige, während sie immer wieder in ihr Notizbuch kritzelte. Und weiter: »Frauen müssen verstanden werden und nicht einfach nur darüber reden bringt nichts.« Feminismus sei demnach nicht nur ein bloßes Label, das man aufgedrückt bekommt, sondern er muss aktiv gelebt werden.

Einen anderen Standpunkt, der jedoch mit Pennys Thesen im Laufe der Debatte vereinbar schien, sind die ebenso neuartigen Postulate Jack Urwins – ein junger Londoner mit einer tragischen Vergangenheit: Sein Vater starb an einem Herzinfarkt, als er 10 Jahre alt war. Dieser hätte verhindert werden können, wenn er bloß darüber gesprochen hätte. Und das scheint genau der Punkt zu sein, an den Urwin in seinem Buch anknüpfen möchte: »Es ist Teil der Maskulinität nicht über Emotionen zu sprechen«, sagt er. So fiel er im Teenageralter irgendwann in ein tiefes Loch, in eine Depression, weil er glaubte, es wäre unmännlich und nicht attraktiv über seine Probleme zu sprechen. Irgendwann fing er damit an, etwas grundsätzliches zu ändern. Er brach das Eis, sprach erstmals mit männlichen Freunden über seine Depression. Urwin veröffentlichte jüngst sein Buch »Boys don't cry« – ein Werk voller neuer Männlichkeitsideale.

»Männer«, so der 25-Jährige, »machen oftmals andere dafür schuldig, wenn es ihnen selbst nicht gut geht. Anstatt zu reden, übertragen sie ihre negativen Emotionen auf ihr Umfeld.« So werden unter anderem sogar Vergleiche mit Trump als Personifikation der gefährlichen emotionalen Instabilität gezogen.

Im zweiten Teil der Diskussion beginnen Augsburger Schauspieler*innen  Ausschnitte aus den Werken der beiden vorzulesen. Hierbei werden weitere Gemeinsamkeiten in den Thesen der beiden sichtbar: Sowohl Penny als auch Urwin sehen Traumata der Männer als eine Ursache dafür an, dass diese sich auf die Behandlung der Frau auswirkt. Das Geschlecht wird als eine Art Zwangsjacke der Seele angesehen, die natürliche Geschlechterordnung sei geradezu »faschistisch«.

Das Fazit der rund zweistündigen Unterhaltung: Langfristige Veränderungen können nur dann erreicht werden, wenn Männer anfangen, Emotionen auszusprechen, anfangen auch anderen Männer zuzuhören, sich als Feministen wahr zu nehmen. So scheint das Festhalten an dem biologischen Geschlecht und dem dazugehörigen oktroyierten Wertecodex ein Ende zu finden.

www.brechtfestival.de

Kritik am Auftritt Pennys übte unterdes die Hochschulgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) an der Universität Augsburg. Die Feministin stand bereits Anfang 2016 im Zentrum einer international beachteten Diskussion über antiisraelische Statements, Antizionismus und Antisemitismus. Unter dem Titel »Feel-Good Against Israel« hat die Augsburger DIG-Gruppe die Vorwürfe gegen Penny genauer unter die Lupe genommen. Download des Papiers unter:
http://a3kultur.de/sites/default/files/broschuere_feel-good_against_isra...

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