Literatur

Das Wort oder die Silbe

Gino Chiellino
23. März 2016

Geht man davon aus, dass nicht die Wörter, sondern die Silben, aus denen sich die Wörter zusammensetzen, das Wesentliche einer Sprache ausmachen, dann wird man sein blaues Wunder erleben. Mein blaues Wunder bestand darin, dass ich beim Deutschlernen damit begonnen habe, nach der Ur-Silbe der deutschen Sprache zu suchen. Dabei ist es mir nicht anders ergangen als damals J.W. von Goethe bei der Suche nach der Ur-Pflanze in Palermo am 17. April 1787: »Ob ich nicht unter dieser Schaar die Urpflanze entdecken könnte? Eine solche muß es denn doch geben! Woran würde ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären.« Ich in jedem Fall habe die Ur-Silbe der deutschen Sprache nicht gefunden. Was ich herausgefunden habe, ist die absolute Priorität des Doppelvokals au gegenüber anderen Doppelvokalen wie eu oder ei. In 0,45 Sekunden hat Google au 4.090.000.000 irgendwo herausgefischt, dagegen eu nur 3.210.000.000 und in 0,73 Sekunden. Aber damals, als ich die Priorität des Doppelvokals au erahnt habe, gab es Google noch nicht und einen PC konnten sich nur die wenigsten gönnen. So bin ich anders mit meiner empirischen Feststellung vorgegangen: Wie ein angehender Chirurg habe ich angefangen, Wörter zu zerlegen, in denen der Doppelvokal au vorkam.

Das Spiel half mir manche schwachen Stunden des Deutschlehrers mit Profit zu bestehen. Es könnte sein, dass ich geahnt habe, dass das Spiel mir half, die zu erlernenden Wörter sinnlich zu erfassen. Da ich es mir nicht erklären konnte, wieso ein Mensch durch Biertrinken blau wird, habe ich irgendwann das Spiel auf Blau angewandt, und schon hatte ich aus einem Wort drei: Blau, lau, Au. Aus dem Spiel ist im Lauf der Zeit eine Fingerübung geworden, die mir hilft, dichterische Abstinenzkrisen zu überwinden. Da ich zusätzlich in der Nähe der Wertachauen lebe, hat es dazu beigetragen, dass ich die Au als Ort des Geschehens für meine Fingerübungen festgelegt habe. Nachfolgend finden sich acht der Ergebnisse meiner Suche nach der Ur-Silbe der deutschen Sprache:

Kabeljau (Hommage an Maurilio Minuzzi)
ohne Kabel
lief
durch die Au
das Jau

Aus (als unbelehrbarer 68er)
wie immer
in der Au
lassen die USA
die Sau raus

Autor (Skepsis hilft)
in der Au
kündigt sich an
ein Tor als Autor

Grau (hoffnungsvoll)
unerwartet
lichtet sich
das Grau
aus dem Gau
in der Au

Taub (idyllisch)
taub
löst sich auf
das Tau
in der Au

Violau (Unsinn)
die Ola
nicht die Viola
erreicht die Au

Audio (mystisch)
per Audio
entschleiert sich
ein fremder Gott
durch die Au

Bau (interkulturell)
vor seinem Bau
lauert el Zorro
in der Au

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Freunden der Ausländer verstehen. In der Tat versteht man sich nicht deshalb, weil man die gleiche Sprache spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen, selbst wenn die Ur-Silbe der deutschen Sprache wie damals die goethesche Ur-Pflanze unentdeckt bleibt.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet. Das neueste Buch Chiellinos, »Interkulturelle Literatur in deutscher Sprache: Das große ABC für interkulturelle Leser«, erschien beim Verlag Peter Lang, Bern.

www.chiellino.eu

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