Würde im Albernen

9. November 2019 - 11:35 | Gast

»Ich war schon immer ein Freund von ›unpassenden‹ Instrumenten«, schreibt Moritz Eggert in seinem Gastbeitrag zur »Silly Symphony«, die am 14. November beim Festkonzert zu Leopold Mozarts 300. Geburtstag uraufgeführt wird.

Es gibt eine Würde im Albernen – das weiß jeder, der schon einmal einen Film zum Beispiel von Charlie Chaplin gesehen hat. Wir Deutschen tun uns aber schwer mit Albernheiten, deswegen fehlen uns auch musikalische Humoristen wie etwa Erik Satie oder Gerard Hoffnung. Wir empfinden Exzentrik und Satire als eine Form von Respektlosigkeit.

Die sogenannte Albernheit ist aber nicht nur Ablehnung – der anarchische Widerstand zum Beispiel gegen Obrigkeiten (man denke an Chaplins Verfolgungsjagden mit Polizisten in »The Kid«) ist auch ein lebensphilosophisches Statement, nämlich dass das Individuum und der freie Wille sich nicht unterdrücken lassen, dass wir auch die Frechheit brauchen, um starre Konventionen und Obrigkeitshörigkeit zu überwinden. Deswegen schlägt unser Herz mit den Pennälern in der »Feuerzangenbowle«, deswegen freuen wir uns insgeheim an den Streichen von Max und Moritz – es ist nicht nur Schadenfreude, sondern auch die Freude daran, dass das Leben selber sich nicht bändigen lässt, dass es nicht gehorcht, und sich auch nicht immer einer Autorität anpasst. Insgeheim wissen wir sehr genau, dass Gehorchen nicht immer nur Gutes bringt, auch wenn unsere Gesellschaft oft Gehorsam fordert.

Die »Silly Symphonies« waren von Wahnwitz und Fantasie nur so strotzende Zeichentrickkomödien, die zum Erfolg von Disney entscheidend beitrugen, vor allem wegen der brillanten Musik von Carl Stalling, die bis heute die Ästhetik von Filmmusik entscheidend geprägt hat. Die Leopold Mozart oft zugeschriebene »Kindersinfonie« dagegen ist ein Stück, das seine Popularität vor allem aus dem Kontrast von »seriösem« Orchester mit eigentlich musikalisch eher ungeeigneten Kinderinstrumenten bezieht.

Ich war schon immer ein großer Freund von »unpassenden« Instrumenten (die Auswahl an solchen Instrumenten ist heute wesentlich größer als zu Zeiten Mozarts), da ich es liebe, Dinge zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, Konzertflügel und Trillerpfeifen oder Geigen und Quietschobjekte zum Beispiel. Der Ursprung von Kreativität ist aber immer die überraschende Kombination von Dingen, und so ist meine »Silly Symphony« der Versuch, möglichst ungeeigneten und albernen Instrumenten eine Form von widerständiger Würde zu geben. Die fünf Sätze meines Werkes sind tatsächlich sogar eher ernst gedacht und als Kommentar zu bestimmten Obsessionen unserer Zeit zu verstehen – was die Titel verdeutlichen: 1. Covfefe, 2. Abwanderung,
3. Zukunftsangst, 4. Talkshow, 5. Abendland.

Meine Hoffnung ist, dass gerade durch den Kontrast des sogenannten »Lächerlichen« und des »Ernsten« eine Intensität entsteht, die mit einem »normalen« Stück nicht zu erreichen wäre. Und ganz ehrlich: Was genau ist eigentlich »normal«? Und wer bestimmt, was »normal« ist?

Violinenvirtuose Christian Tetzlaff spielt gemeinsam mit den Augsburger Philharmonikern, Carlo Torlontano (Alphorn), Moritz Eggert, Johannes Gutfleisch und Iris Lichtinger (Spielzeuginstrumente) am 14. November um 19:30 Uhr zum 300. Geburtstag Leopold Mozarts. Das Festkonzert im Kongress am Park steht unter der Leitung von Domonkos Héja. Auf dem Programm stehen neben Eggerts Auftragswerk »Silly Symphony« Leopolds Sinfonia Pastorale G-Dur sowie Joseph Joachims Violinkonzert Nr. 2 op. 11.

www.mozartstadt.de

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