Wunderbare Architekturfotografie

18. Mai 2015 - 9:01 | Iacov Grinberg

In der Museumsdependance »Ehemalige Synagoge in Kriegshaber« ist aktuell die Ausstellung »Jüdische Ritualbäder – Fotografien von Peter Seidel« zu sehen.

Den Kern dieser Ausstellung bilden Fotoaufnahmen von meist sehr alten Ritualbädern – Mikwen, genauer gesagt, ihren Überresten. Nach den Vorschriften des Judaismus sollen verheiratete Frauen jeden Monat dort eintauchen, für Männer ist Eintauchen keine Pflicht, aber vor Jom Kippur besuchen auch gläubige Juden die Ritualbäder. Früher war eine Mikwe ein unentbehrlicher Teil einer jüdischen Gemeinde, die auch ein Gebetshaus und ein Friedhof haben sollte. Sie war wichtiger als eine Synagoge, da man auch in einem beliebigen Haus gemeinsam beten kann. Eine Mikwe zu ersetzen wäre aber sehr schwer.

Während der Aufklärung, als die Menschen die Religion für sich bequemer machen wollten und viele Quasi-Judaismen entstanden, einige liberale (mit verschiedenen Graden von Liberalismus), einige konservative (mit verschiedenen Graden von Konservatismus) und einige reformistische (auch mit verschiedenen Graden von Reformismus), sind die Mikwen allmählich aus den jüdischen Gemeinden verschwunden. In Einheitsgemeinden, wie in Augsburg von 1913-1917, gab es ein Gemeindezentrum mit Mikwe, (heute wegen Bauzustand schon zubetoniert), bei liberalen, wie in Frankfurt am Main um 1900, war das Gemeindezentrum bereits ohne Mikwe gebaut. Heute gibt es bei fast 100 neuen und wiederhergestellten Synagogen nicht mehr als 30 Mikwen.

Auch wenn für Sie die jüdische Religion und entsprechende Einrichtungen nicht interessant sind, ist es zweckmäßig, diese Ausstellung zu besuchen und die ausgestellten 16 Bilder zu bewundern. Die analog gemachten Aufnahmen, ohne jegliche Photoshop-Bearbeitung, werden als Bilder auf durchsichtigem Medium mit Beleuchtung gezeigt.

Da man nackt eintauchen sollte, wurden Mikwen oft im Inneren eines Gebäudes, z.B. in Kellern gebaut, mit sparsamem Licht. Solche Gebäude von innen aufzunehmen, ist eine schwierige Aufgabe. Der Fotokünstler hat diese Aufgabe wunderbar gelöst.

Die Hauptsache und das Problem bei solchen Aufnahmen ist das Licht. Um es zu organisieren braucht der Künstler, wie er sagt, manchmal mehr als eine Woche, um alles Wesentliche sichtbar zu machen. Einige Aufnahmen, wie zum Beispiel die Mikwe von Ostia Antica (gebaut um 350) und die Mikwe aus Frankfurt am Main (gebaut um 1260) gehören zweifelsohne zur „Auslese“ der Architekturfotografie.

Die in der Ausstellung gezeigten 16 Aufnahmen bilden nur einen kleinen Teil des Schaffens von Peter Seidel. Er ist ein anerkannter Meister von Architekturaufnahmen, machte solche für viele unterirdische Einrichtungen. Die ausgestellten Bilder sind auch im Katalog abgedruckt, der Eindruck von großformatigen Bildern mit innerer Beleuchtung ist aber unvergleichbar stärker. Es ist unbedingt empfehlenswert, diese Arbeiten zu bewundern, was bis zum 26 Juli  möglich ist.
(Iacov Grinberg)

Foto: Peter Seidel

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