Eine wunderbare Synergie

4. Februar 2018 - 21:11 | Iacov Grinberg

Im Münchener Haus der Kunst ist derzeit die Ausstellung »Procession« von Kiki Smith zu sehen.

Nach anstrengenden Gesprächen im Patentamt hatten wir uns dazu entschieden, uns am Feierabend etwas Schönes zu gönnen und (da wir schon in München waren) das Haus der Kunst zu besichtigen. Wir mussten uns nicht beeilen, da das Haus jeden Donnerstags bis 22 Uhr geöffnet hat.

Das 1937 in monumentalem Klassizismus errichtete Gebäude hat keine eigene Sammlung, es organisiert und zeigt Ausstellungen zeitgenössischer und moderner Kunst. Im Erdgeschoss erwartete uns die Archiv-Galerie 2017/18 unter dem Titel »Sommer 1937 in München«. Sie berichtet sowohl über die »Erste große deutsche Kunstausstellung 1937« als auch über die fast gleichzeitig stattgefundene Ausstellung »Entarte Kunst«. Die zahlreichen authentischen Dokumente und Aufnahmen machen die geschichtlichen Ereignisse fast hautnah spürbar. Schon diese Galerie rechtfertigt vollständig den Besuch des Hauses.

Die ausgestellten Installationen »Kapsel 07« von dem aus Kolumbien stammenden, in London lebenden Oskar Murillo und die »Kapsel 08« der russischen Medienkünstlerin Polina Kanis sowie die ortsspezifische Installation »Centrifuge« von der amerikanischen Künstlerin Sarah Sze beeindruckt uns leider wenig. Wir verstehen, dass sie von renommierten Spezialisten ausgewählt sind und einige neue Tendenzen und Richtungen in der modernen Kunst veranschaulichen. Doch unsere Gefühle (Kunst soll doch auch Gefühle ansprechen!) haben sie, im Unterschied zu der Archivgalerie, nicht angesprochen.

Dann erfuhren wir, dass am gleichen Abend die neue Ausstellung »Procession« der amerikanischen Künstlerin Kiki Smith ihre Eröffnung feiert. Der Name der Künstlerin sagte uns bis dato nichts, die Eröffnungsreden waren wie üblich voller Lob an alle Beteiligten, deren Namen und Positionen in der Münchener Gesellschaft wir nicht kannten, bis wir schließlich zusammen mit anderen Ungeduldigen in die Ausstellung selbst kamen.

Man nennt Kiki Smith die Pionierin einer neuen Skulptur. In den Sälen der Ausstellung waren in der Tat ihre zahlreichen Skulpturen aufgestellt, gehängt, oder an der Wand befestigt. Wenn sie ein Menschenwesen darstellen, sind die Proportionen des Körpers anatomisch richtig, nur die Posen und oft auch die Oberfläche sind etwas ungewöhnlich. Ausgestellt wurden auch skulpturale Abbildungen einiger Körperteile, sowohl sichtbar als auch im Inneren des Körpers verborgen. Einige Skulpturen zeigten das Erscheinen einer Frau aus einem Wolf oder einem Hirsch. Nein, nicht alle Skulpturen waren angenehm, manche auch abstoßend, aber es gab keinen Zweifel, dass es hier um wirkliche Kunst geht.

Weiter gab es auch viele Papierarbeiten von verschiedenen Ausmaßen, Objekte mit schwer definierbaren Formen und sehr große Wandteppiche. Wir waren verzaubert und plötzlich bemerkten wir, dass viele Personen den letzten Saal, wo eine Projektion gezeigt wurde, verließen. Wir eilten dorthin und verweilten dort dann 25 Minuten. So lange dauert der Film »Das Universum der Künstlerin Kiki Smith«, der 2013 im Auftrag von ARTE von Claudia Müller gedreht wurde.

Man weiß, dass die bei einer Ausstellung zu sehenden Objekte oft Erklärungen und zusätzliche Informationen erfordern. So organisiert man Begleittexte, Führungen und Vorträge. Diesmal spielte ein Film die zentrale Rolle. Er berichtete über die Künstlerin und ihren Schaffensprozess, zeigte sie mit teilweise auf dieser Ausstellung vorhandenen Arbeiten und einige andere aus ihrem umfangreichen Oeuvre. Nach dem Film kehrten wir zurück in die Säle der Ausstellung und sahen die Kunst mit anderen Augen.

Es war für uns auch beim Betrachten des Filmes wichtig, dass wir viele der dort auf der Leinwand gezeigten Arbeiten in ihren realen Ausmaßen schon gesehen hatten. Für einen Zuschauer ohne diese Kenntnisse wären viele Aussagen des Filmes ziemlich schlecht verständlich. Der Film unterstützte die Ausstellung und diese unterstütze ihn. Zusammen lieferten sie viel mehr als es nur der Film getan hätte oder nur die Ausstellung selbst. Ein klassisches Beispiel von Synergie!

Ein guter Film über eine(n) Künstler*in ist eine Seltenheit und so eine wunderbare Synergie der real ausgestellten Objekte und eines erläuternden Filmes ist etwas ganz Einzigartiges. Wir empfehlen Ihnen, liebe Leser*innen das selbst anzuschauen und zu erleben.

Wir verstehen, dass München zwar nicht besonders weit von Augsburg ist, eine Fahrt aber auch nicht kostenlos ist. Es gibt jedoch eine Möglichkeit zu sparen: Am ersten Donnerstag jedes Monats ist der Eintritt im Haus der Kunst von 18 bis 22 Uhr kostenlos, Sie können dabei 8 Euro Eintritt pro Person sparen. Da die Ausstellung bis zum 3. Juni läuft, können Sie diese Möglichkeit am 1. März, 5. April und 3. Mai nutzen. Viel Vergnügen beim Bewundern!

www.hausderkunst.de

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