Wunderkammer November

29. Oktober 2019 - 9:36 | Bettina Kohlen

Ein Filmemacher denkt über Oper nach, ein Architekt und ein Bildhauer erforschen Architektur in Oberitalien, Videokunst findet in der Kirche statt – und auch die Malerei kommt nicht zu kurz. Unsere Vorschläge für Kunst, die in der Region gerade zu erleben ist.

Alexander Kluge, einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films (der so neu nicht mehr ist), ist weit über 80 und hat jetzt in Ulm in der Kunsthalle Weishaupt und im benachbarten Museum Ulm eine opulente und komplexe Ausstellung zum Phänomen Oper in Szene gesetzt. Eine Wunderkammer mit neun Stationen bietet den Besucher*innen unzählige Möglichkeiten, Aspekte, Beispiele, Spiegelungen. Die verschiedenen Erzählstränge laufen parallel, verschränken sich, trennen sich, mediale Varianten überlagern sich. Dazwischen ankern Bühnenbauten von Katharina Grosse, Skulptur und Raum in einem. Hier tut sich ein faszinierender Kosmos auf, der keine dokumentarische Abhandlung sein will, sondern eine Inszenierung, die zur Reflexion anregt. Die Besucher*innen werden so selbst Teil des Ganzen, was ein intensives Erleben hervorruft, aber auch immer wieder heftige Überforderung, denn keineswegs (er)klärt sich das alles von selbst. Ja, das ist zweifellos ziemlich anstrengend. Und es ist illusorisch, alles was da passiert, zu fassen: Allein für das Filmmaterial würde man rund 20 Stunden brauchen … Wer aber den Ehrgeiz zur Vollständigkeit zu Hause lässt, der gewinnt.

Alexander Kluge – Die Macht der Musik. Die Oper – Tempel der Ernsthaftigkeit, bis 19. April 2020
www.kunsthalle-weishaupt.de www.museumulm.de


Bei Claudia Weil in Rinnenthal bei Friedberg dreht sich gerade alles um Tupfen, Punkte, Kreise. Da finden sich zarte kleine Papierarbeiten wie die von Valerie Kiock oder Nora Schattauer, klug austarierte Ölmalerei wie die von Dolf Verlinden, aber auch die spielerisch bewegliche Installation von Suzan Shutan. Auch streng konkrete Siebdrucke von Roland Helmer gibt es, die mit einigen Plexiglasobjekten von Marie-Luise Heller korrespondieren. 18 Künstler*innen bieten eine Fülle verschiedener Herangehensweisen an das Runde, schlüssig und überzeugend von Weil präsentiert. Alle Arbeiten können natürlich erworben werden.

dots, points, circles, bis 9. Dezember
www.galerie-claudiaweil.de


Dolf Verlinden ist auch bei augsburg contemporary in der Bergstraße vertreten. Andreas Stucken, Galerist der Zweigstelle Berlin und Claudia Weils Kooperationspartner, zeigt in dem kleinen Galerieraum mit dem großen Schaufenster eine Auswahl aus seinem Programm. Centerpiece ist dieses Mal eine prägnante Installation von Jürgen Paas. Die miteinander verschränkten Zielscheiben aus gewickelten farbigen Kunststoffbändern scheinen vor der Wand zu rotieren und mäandern zwischen Bild und Skulptur. Maria Wallenstål-Schoenberg arbeitet mit Ölfarbe, die sie mit dem Palettenmesser auf die Leinwand aufträgt. Ruhige Formen sitzen perfekt in der Fläche, doch die überlagerten Farbschichten gerieren eine subtile Tiefe.

de nun, bis 23. November
www.augsburg-contemporary.de


Die Maxgalerist*innen Anette Urban und Wolfgang Reichert haben ein Händchen für ungewöhnliche Schmuckobjekte. Aktuell zeigen sie Arbeiten, die mit der Wahrnehmung von Fläche und Raum spielen. Der Reiz der Ketten und Broschen von Antje Stutz liegt in der Verbindung der zarten Zeichenhaftigkeit der Linienführung mit einer rau metallischen Materialität. Simon Horns elegante Wandbroschen gewinnen ihre räumliche Tiefe durch die kalkulierte Kombination verschiedener farbiger Flächen. Highlight der aktuellen Präsentation sind die 101 weißen Objekte des japanischen Schmuckkünstlers Satoshi Nakamura. Diese »Stadtbroschen« sind inspiriert von traditioneller jemenitischer Baukunst. Versammelt man die Mini-Architekturen, wird daraus ein Stadtmodell. Nakamura fertigt diese kunstvollen Kleinbauten aus Kunststoff, akzentuiert mit sparsam eingesetzter Hologrammfolie. Überzeugendes Konzept plus sorgfältige Ausführung.

Melange 12, bis 15. November
www.maxgalerie.de


Die Moritzkirche hat sich seit geraumer Zeit als Kunstort etabliert, jetzt rückt die Annakirche auf. Hier hat die Medienkünstlerin Bärbel Hische einen Teil des Kirchenraumes mit einer dominanten weißen Stoffbahn verstellt. Dieser Eingriff, der Raum und Kunstwerke verbirgt, schafft die Projektionsfläche für verschiedene Videosequenzen, die in sich ruhig und unspektakulär sind, aber miteinander eine stille rhythmische Choreografie bilden. Einfach immer mal wieder in die Kirche setzen …

Bärbel Hische. White Silence, bis 20. November
www.st-anna-augsburg.de


Sebastian Lübeck hat sich als Motor und Kurator der Contemporallye ziemlich verdient gemacht, aber eigentlich ist er ja Künstler – auch wenn er das zeitweise in den Hintergrund gerückt hat. Wie sich das in diesem Jahr entwickelt hat, ist derzeit im Höhmannhaus zu besichtigen. Die Besucher*innen sehen sich einer auffallenden Menge von gemalten Totenschädeln gegenüber, einem Vanitas-Symbol, Verweis auf die Vergänglichkeit. Hier sorgen sie aber auch für Irritation, da manche Schädel wie ein Helm wirken und somit eine Umkehrung von innen nach außen zeigen. Lübecks Farben untermauern das Beunruhigende: an Beckmann erinnerndes Pink, Türkis und Gelb schimmert bedrohlich vor dem stumpf dunklen Hintergrund. Lübecks Hero ist Francis Bacon, den er immer wieder malt, auf den er sich aber auch in seiner Kunst immer wieder bezieht. Die Kunst des Barock verbindet die Dinge miteinander, da sie für Bacons Werk bedeutsam ist und auch in Lübecks Arbeiten anklingt. Eindrucksvoll.

Sebastian Lübeck, bis 1. Dezember im Höhmannhaus
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de


Das Südtiroler Fensterbauunternehmen Finstral hat in seinem Studio in Friedberg einen ungewöhnlichen Ausstellungsraum integriert, in dem die Kuratorinnen Kathrin und Sarah Oberrauch überzeugend Kunst der Gegenwart zeigen, eine echte Bereicherung für die Region. Bis zum nächsten Sommer ist hier das Projekt Italomodern zu Gast. Die Brüder Martin und Werner Feiersinger, Architekt der eine, Bildhauer der andere, haben sich mit der Architektur der Nachkriegszeit in Oberitalien auseinandergesetzt. In 115 Fotografien zeigen sie die große Bandbreite und die Facetten dieses Bauens, sie untersuchen die besonderen Strukturen, die skulpturale Qualität, aber auch die Funktionen und den Kontext. Bescheidene kleine Wohnhäuser stehen gleichberechtigt neben Hochglanzbauten. Es geht hier keinesfalls um schicke Architekturfotografie, sondern um eine Bestandsaufnahme, die die Vielfalt zeigt, aber nicht bewertet. Dieser Blick auf das norditalienische Bauen der Jahre 1946 bis 1976 lohnt sich unbedingt, on top kann man in wunderbaren Büchern schmökern.

Italomodern. Architektur in Oberitalien 1946–1976, bis 15. Juli 2020
www.finstral.com


Abbildung: Alexander Kluge – Mondrian-Maschine Nr. 3: Puschkin’s lost diary. In Zusammenarbeit mit Sarah Morris, Filmstill. (Die Oper – Tempel der Ernsthaftigkeit)

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