Zentrum für zeitgenössische Kunst

7. Juni 2016 - 8:51 | Patrick Bellgardt

Die Galerie Noah präsentiert Piene, Meese, Richter – große Kunst made in Germany. Patrick Bellgardt im Interview mit Galeristin Wilma Sedelmeier

a3kultur: Als wir uns Anfang 2015 zu Ihrem Amtsantritt zum Interview trafen, stand Gerhard Richter ganz oben auf Ihrer Wunschliste. Nun hat es geklappt: Ab dem 28. Juli präsentiert die Galerie Noah den laut Kunstkompass weltweit gefragtesten Künstler. Wie kam es dazu?
Wilma Sedelmeier: Bereits kurz nach meinem Amtsantritt hat sich eine Quelle aufgetan, aus der wir nun auch schöpfen können. Es ging von Anfang an um eine Ausstellung, die eventuell auch in einem Museum hätte gezeigt werden können. Bis zum Zuschlag haben wir nun alles in allem ein Jahr verhandelt, schließlich geht es bei einem Künstler dieser Größenordnung nicht zuletzt um hohe Versicherungssummen. Für ein solches Projekt muss man Geld in die Hand nehmen, das muss man klar sagen. Gezeigt werden 30 bis 40 Arbeiten – Malerei, Drucke, Zeichnungen und Editionen. Die Ausstellung speist sich vor allem aus einer Privatsammlung, aber auch aus dem Bestand einer Galerie, die direkt Werke aus dem Atelier Richter bezieht.

Zuletzt zeigten Sie Werke von ZERO-Mitbegründer Otto Piene. Mit Jonathan Meese folgt ab dem 10. Juni das Enfant terrible der deutschen Kunstszene – ein Künstler, der wie kein anderer polarisiert und provoziert. Was halten Sie von seiner Kunst?
Auch ich habe Meese zunächst kritisch gesehen. Vor ein paar Jahren habe ich ihn in Bayreuth im Zusammenhang mit seiner damals noch geplanten Parsifal-Inszenierung getroffen. Er ist persönlich ein sehr sympathischer und tiefsinniger Mensch, was mir gezeigt hat, dass hinter seiner Kunst sehr viel mehr steckt. Gerade in seinen früheren Arbeiten fehlt mir jedoch ein bisschen der Tiefgang. Dieses Infantile, aus dem Naiven Schöpfende, das bis hin zum Provokanten, Spätpubertären geht, kann natürlich ganz schnell in etwas Läppisches, Kitschiges abdriften. Aber: Jede Kunst ist ein Spiegel unserer Zeit. Ich habe mich Meeses Werk gegenüber inzwischen geöffnet. Er hat seine eigentlich tiefsinnige Art nun mit der Provokation verknüpft und kann seine Arbeiten in einen stärkeren Kontext stellen. Da hat er sich weiterentwickelt, weshalb ich mich sehr freue, ihn ausstellen zu dürfen. Im Fokus steht sein Wagner-Zyklus, der sich nicht nur mit dem Komponisten beschäftigt, sondern auch mit der deutschen Opernkultur insgesamt.

In Kooperation mit dem Büro für Popkultur haben Sie im vergangenen Jahr ein neues Ausstellungsformat ins Leben gerufen, das sich speziell an Künstler aus der Region richtet. Welche Rolle spielt die Galerie Noah innerhalb der freien Kunstszene?
Ehrlich gesagt keine besonders große, da wir aufgrund unserer Vorgeschichte ein ganz anderes Format fahren. Arbeiten von regionalen Künstlern, die erst mal nicht ein gewisses Renommee haben, sind dadurch nicht schlechter. Deshalb wollte ich mit diesem Projekt versuchen, den Glaspalast weiter zu öffnen und die freie Szene näher an das Haus zu binden – durchaus mit Erfolg, wir werden ernst genommen und bekommen viele Anfragen. Unser Publikum hat sich dadurch vergrößert, vielleicht auch verjüngt.

Woher kommt der durchschnittliche Besucher Ihres Hauses?
Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen zwei Gruppen: erstens die klassischen Besucher, oft auch Touristen, die sich unsere Ausstellungen und das Kunstmuseum Walter anschauen möchten, normalerweise aber nichts kaufen. Zweitens die potenziellen Kunden, wo wir vor allem Bayerisch-Schwaben und den Münchner Raum bedienen. Offensichtlich sind wir darüber hinaus zunehmend für Kunstsammler aus ganz Deutschland eine gute Adresse, wie regelmäßige Anfragen beweisen. International hatten wir bereits Kunden aus Peking und New York.

Wie schätzen Sie die Sammler ein: Wird Kunst der Kunst wegen gekauft oder doch eher als Geldanlage?
Eine gute Frage. Ich denke, da gibt es tatsächlich große Unterschiede. Die einen kaufen aus ästhetischen Gründen, weil es gefällt oder sogar aus Leidenschaft. Für andere – und das sage ich ganz ehrlich – zählt das Prestige. Nicht zuletzt wird Kunst als Kapitalanlage gesehen. In seltenen Fällen vereint ein Käufer all diese Aspekte. Zu sehen, wie groß die Freude an Kunst sein kann, ist natürlich toll und wohl mit der schönste Teil meiner Arbeit als Galeristin. Im Moment agiert man auf dem Kunstmarkt aber insgesamt etwas verhalten. Die Verkaufszahlen könnten überall besser sein, das weiß ich auch aus Gesprächen mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Galerien.

Der Glaspalast beherbergt nicht nur die Galerie Noah und das Kunstmuseum Walter, sondern auch das H2 – Zentrum für Gegenwartskunst und die Staatsgalerie Moderne Kunst. Welche Synergien ergeben sich da?
Sehr wenige bis gar keine. Gleich nachdem ich als Galeristin gestartet bin, wollte ich alle an einen Tisch bringen. Das gestaltete sich leider als schwierig, und irgendwann distanziert man sich von einer solchen Idee. Die engste Verbindung haben wir mit dem H2 und seinem Leiter Dr. Thomas Elsen, der hier seit Jahren eine tolle Arbeit leistet. Wir setzen uns immer wieder zusammen und tauschen uns aus. Nichtsdestotrotz fährt er ein ganz anderes Programm als wir und muss schauen, dass er sich als städtische Institution von uns als privater Verkaufsgalerie abhebt. Die Münchner Verantwortlichen der Staatsgalerie mit ins Boot zu holen, war bislang fast unmöglich. Das ist sehr schade, schließlich könnte sich der Glaspalast als Zentrum für zeitgenössische Kunst deutschlandweit bestens vermarkten.

Der Glaspalast hatte in der Vergangenheit mit seiner Randlage zu kämpfen – Stichwort ÖPNV. Hat sich hier etwas getan?
Da hat sich leider nichts bewegt. In meinen Augen müsste die Stadt endlich vorpreschen, um den Glaspalast stärker und einfacher zu bedienen. Es fehlt insbesondere an Hinweisschildern und einer direkten, bequemen Busverbindung aus der Innenstadt. Aber auch hier gilt: Gemeinsam wären wir stärker! Skurrilerweise bedingt das eine Defizit das andere. So heißt es aus München vonseiten der Staatsgalerie, man kümmere sich zunehmend ungern um die Augsburger Dependance, vor allem aufgrund der so schlechten Ausschilderung. Hier sollte doch etwas getan werden!

Neben den kommenden Ausstellungen von Jonathan Meese (10. Juni bis 24. Juli, Vernissage: 9. Juli, 19 Uhr) und Gerhard Richter (29. Juli bis 18. September, Vernissage: 28. Juli, 19 Uhr) präsentieren die Galerie Noah und das Kunstmuseum Walter in Kooperation mit Bluespots Productions die Inszenierung #killyourdreams. Mit Worten, Schauspiel, Musik, Tanz und multimedialen Installationen wird ein gewaltiges und ehrliches Generationenporträt gezeichnet. Das Stück führt auf ungewöhnliche Weise durch die Räume des Glaspalasts, durch die Welt der Möglichkeiten und Entscheidungen einer Generation. Die Premiere wird am 16. Juli um 20 Uhr gefeiert. Weitere Termine: 17., 23., 24., 30. und 31. Juli. Tickets gibt es ab Ende Juni in der Galerie Noah und in der Buchhandlung am Obstmarkt.
www.galerie-noah.com

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