Zeugnisse der glänzenden Augsburger Kunstgeschichte

28. November 2016 - 7:31 | Iacov Grinberg

Das Maximilianmuseum präsentiert mit Stolz die Neuerwerbungen 2001 bis 2015 und hat dafür einen Katalog verlegt.

Üblicherweise befinden sich die zahlreichen Neuerwerbungen in verschiedenen Sälen und Vitrinen des Museums. Gesammelt unter einem Einband, erlauben sie einige Rückschlüsse zu fassen und machen einige Umstände sichtbar.

Erstens werden Kunstobjekte aus vorigen Jahrhunderten ständig teurer und teurer. Sie werden oft als eine sichere Investition betrachtet und bei Versteigerung des einen oder anderen Objektes hat das Museum mit seiner wissenschaftsorientierten Finanzierung keine Chance. Um neue Objekte, die die Augsburger Geschichte bezeugen, zu erwerben, braucht das Museum Sponsoren und Mäzen. Das sind sowohl Vereine als auch Banken, wie die Stadtsparkasse und die Sparda-Bank, als auch Privatpersonen, die den einen oder anderen Gegenstand kaufen und dem Museum entweder als Schenkung oder als Dauerleihgabe übergeben, wie es bei fast allen neuerworbenen Objekten der Fall ist.

Zweitens springt eine Kleinzahl an goldenen und silbernen kirchlichen Objekte aus dem 16. – 18. Jahrhundert ins Auge, obwohl Augsburg nachweislich ein wichtiges Zentrum der Produktion solcher Objekte war und die Kirche sehr viel bestellt hat. Das ist kein Augsburger Spezifikum. Bis in unsere Zeit sind nur winzige Promille solcher Objekte erhalten geblieben. Einerseits waren Edelmetalle immer knapp und die alten Objekte werden ständig für die Fertigung der neuen, die den Geschmäckern der neuen Generationen der kirchlichen Würdenträger entsprachen, geschmolzen. Die zweite Ursache war die Säkularisierung um 1803 und die Napoleonischen Kriege. Alle Armeen sollten bezahlt werden, das einzige Zahlungsmittel war damals bare Münze, silberne oder goldene, so wurden die kostbaren kirchlichen Objekte zu Kriegsopfern. Und umso größer ist die wissenschaftliche Bedeutung von noch erhalten gebliebenen kirchlichen Objekten.

Drittens ist die Figurenauswahl für die Dekoration der profanen Objekte sehr eigentümlich. Die Kirche hatte einen großen Einfluss auf das damalige Leben und alle vorhandenen Abbildungen der biblischen Personen oder Heiligen wurden nach strengen Regeln gemacht. Abbildungen von historischen Ereignissen und Personen waren eine Seltenheit, da sie immer umgedeutet werden könnten. Die Schlacht auf dem Lechfeld, der auf einem großen silbernen und teilweise vergoldeten Tablett abgebildet ist, könnte dargestellt werden, da hinter dieser Schlacht der Augsburger Heilige Bischof Ulrich stand. Sehr verbreitet waren sowohl pflanzliches Dekor und Jagdszenen, da sie aus kirchlicher Sicht unbedenklich waren, als auch Darstellungen von Personen aus der antiken Mythologie.

Aber wie erlaubte die Kirche die Abbildungen der antiken, zweifelsohne heidnischen Götter? Erinnern Sie sich, dass auch zwei der drei Augsburger Prachtbühnen den heidnischen Göttern Merkur und Herkules gewidmet sind.

Jede Gesellschaft braucht Märchen. Volksmärchen taugten aus kirchlicher Sicht für die christliche Gesellschaft keinesfalls, da sie über Hexen, welche einige Jahrzehnte zuvor noch öffentlich verbrannt wurden, oder über Gespräche mit dem Teufel (Gott behüte!), Zwerge, Hausgeister, Heinzelmännchen und Kobolde erzählten. Auch ein aus unserer Sicht harmloses Märchen wie Rotkäppchen erzählte über eine Oma, die im Wald lebte (wahrscheinlich Hexe), ihre Enkelin, die im Wald mit rotem Käppchen (ein Zeichen von Hexerei) geht, einen Wolf, der mit ihr spricht (wahrscheinlich Werwolf) und den Jägern, die ihn töteten (wahrscheinlich Wilderer). Auf diesem Hintergrund waren die Figuren der antiken Mythologie die beste Lösung. Sie gehörten zum klassischen Altertum, waren zweifellos ausgedacht und es bestand keine Gefahr, dass jemand einen Tempel für Zeus baut und dort Opfer bracht. Und zufällige Bestrebungen, zu Ehren des Weingottes Bacchus Bacchanalien zu veranstalten, könnte man polizeilich eindämmen.

Noch springt die Feinheit der Fertigung der Objekte ins Auge. Das gilt sowohl für kleine und große Erzeugnisse aus Silber und Gold als auch für solche aus Ton, Bronze und Holz. Das bestätigt noch ein Mal, dass der Augsburger Ruf, einer der größten Kunstproduzenten des 16. bis 18. Jahrhunderts zu sein, nicht nur durch die Zahl der Erzeugnisse, sondern auch durch ihre hohe Qualität bedingt war. Mit Hilfe dieser Neuerwerbungen zusammen mit schon vorhandenen Objekten zeigt das Maximilianmuseum ein überzeugendes Bild der glorreichen Geschichte der Kunststadt Augsburg.
(Iacov Grinberg)

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