Zukunft der freien Theater

Freie Plätze
9. September 2019 - 10:25 | Gast

In einem Gastbeitrag fordert der Leiter des Augsburger Sensemble Theaters, Sebastian Seidel, einen großen kulturpolitischen Wurf für die freien darstellenden Künste.

Die freien darstellenden Künste in Deutschland haben sich längst zu einer etablierten und gesellschaftsrelevanten Impulskraft für Theater, Tanz und Performance entwickelt. Mittlerweile wird rund ein Viertel aller Produktionen frei produziert (und dabei nicht eingerechnet sind die Produktionen der sogenannten Privattheater).

Gespielt wird auch in Augsburg mit einer enormen Experimentierfreude, die weit über das topografische Verständnis von »Bühne« hinausreicht. Die freie Theaterszene öffnet aufgrund ihrer Flexibilität und Mobilität andere Handlungsräume und kann auf aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen wendiger reagieren als die »großen Flaggschiffe« der Theaterhäuser.

Während aber Stadt- und Staatstheater mit Ensemblebetrieb für ihre Arbeit adäquat ausgestattet sind, Gehälter und Honorare entsprechend den Tarifverträgen erhöht werden und der Unterhalt und die Sanierung der Spielstätten Millionen verschlingen, muss um das kulturpolitische Bewusstsein für eine entsprechende Förderung der freien Theaterszene Jahr für Jahr neu gekämpft werden.
Neben einer kontinuierlichen Erhöhung der Fördermittel braucht es vor allem auch die Stärkung von Strukturen, durch die ein nachhaltiges Produzieren für die Künstler*innen erst möglich wird, und damit geht es auch um die Ausarbeitung ausdifferenzierter Fördermodule.

In Städten wie Leipzig, München, Hamburg und Berlin ist es in den vergangenen Jahren gelungen, die Förderungen erheblich (z.B. in Leipzig um 1,6 Millionen/München um 1,3 Millionen) zu erhöhen. Auch in Augsburg wurden zur Förderung der »Theaterlandschaft« erste wichtige Schritte zur Sicherung des vielfältigen Angebots unternommen. Dabei aber darf es nicht stehenbleiben!

Jetzt muss in Augsburg ein großer, kulturpolitischer Wurf entwickelt werden, der zwei Dinge enthalten muss:

1. visionärer Entwicklungsplan 2030 für die gesamte freie Theaterszene, um nicht in einigen Jahren wieder von vorn beginnen zu müssen. Dabei geht es neben den Finanzen auch um bezahlbare Räume in einer immer teurer werdenden Stadt! (Stichworte sind faire Bezahlung, Mindesthonorar, soziale Absicherung, Mieten)

2. durchlässige, transparente und flexible Förderstrukturen, die einerseits nachhaltiges künstlerisches Arbeiten erlauben und sogleich andererseits den Einstieg hoffentlich nachwachsender Gruppen ermöglichen, die es dringend braucht! (Stichworte sind Nachwuchsförderung, Konzeptionsförderung, Projektförderung, Wiederaufnahmeförderung, institutionelle Förderung – bundesweite Vergleichsvorlagen dafür hat der Bundesverband Freie Darstellende Künste geliefert)

Das Ziel muss sein, die freien darstellenden Künste auch in Augsburg so zu stärken, dass sie sich vor allem darauf konzentrieren können, was sie ästhetisch ausmacht:

Immer neue Inszenierungen und Narrative hervorbringen, die von der Komplexität des Zusammenlebens in einer offenen Gesellschaft erzählen und auf ein breites, kulturell und sozial divergierendes Publikum hin orientiert sind.


Die Ständige Konferenz der Kulturmacher*innen startet im Herbst ihre Aktionen zur Kommunalwahl 2020. Bei der Veranstaltungsreihe »Auf Wiedervorlage« werden bis März verschiedene Themenfelder verhandelt. Den Anfang macht die Augsburger Theaterlandschaft. Sensemble-Leiter Sebastian Seidel lädt hierzu am 25. Oktober in sein Theater im Textilviertel. www.staendige-konferenz.de

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