Politik & Gesellschaft

Zusammenhalt

Fabian Linder
3. August 2022

Zusammenhalt, Solidarität, Rücksichtnahme waren wahrscheinlich die Wörter, die wir am häufigsten im letzten Jahr gehört hatten und von denen sehr viele Menschen sehr schnell sehr müde wurden. Leider ist es so, dass das Wort »Zusammenhalt« seit dem 24. Februar 2022 eine neue Dringlichkeit bekommen hat. Ein Gastbeitrag von Olga Grjasnowa

Der Zusammenhalt kann zudem nicht mehr warten, auf einen anderen Tag verlegt werden. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine, hat Europa zum Zusammenhalt bewegt, sehr viele Menschen, die sich bereits seit 2015 oder noch früher in der Flüchtlingshilfe engagiert haben, helfen wieder. Viele neue Menschen sind hinzugekommen. Nur ist es leider nicht immer so, dass die Hilfe und die Aufmerksamkeit gerecht oder auch nur annährend gleich verteilt wären. Polen, ein Land, das zwar sehr viele Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen hat, baut zugleich einen Zaun an der Grenze zu Belarus um andere Geflüchtete aufzuhalten. In der Öffentlichkeit wird sehr gerne über die vermeintliche Nähe deutscher Politiker*innen zu Russland geredet, aber vergessen, dass Angela Merkel kurz vor dem Ende ihrer Amtszeit mit dem belarussischen Diktator Lukaschenko telefonierte, um Flüchtende aufzuhalten und dass, sie mit einem anderem, nicht unbedingt lupenreinen Demokraten ein Flüchtlingsabkommen unterzeichnet hatte, um wieder Menschen von der Flucht nach Europa abzuhalten. So sind Menschen, die die ukrainische Staatsbürgerschaft haben und die, die in der Ukraine studiert haben und ebenfalls geflohen sind, einander bisher nicht rechtlich gleichgestellt, obwohl es ein Leichtes wäre. Die Drohung schutzsuchenden Menschen die Einreise nach Europa zu ermöglichen wurde für Diktatoren zu einer noch effektiveren Waffe, als etwa eine Atombombe. Für einen Kontinent, der sich gerne als die Wiege der Demokratie und der Menschenrechte inszeniert, eine besorgniserregende Entwicklung.

Es ist jedoch unmöglich zugleich bestimmten Menschen die Fürsorge und den Schutz anzubieten und anderen diesen abzusprechen. Selbst wenn ich zu der Kategorie der Menschen angehören würde, denen dieser Schutz gewährt wird – und dieser wurde mir und meiner Familie großzügig 1996 gewährt – würde ich mich davor hüten, den Motiven zu trauen. Deswegen habe ich solch ein Problem mit der Worthülse »Europäische Werte«. Denn diese machen sich zwar ziemlich gut in einer Talkshow, sind dann aber doch nicht universell und können daher recht schnell entzogen werden, oder neu interpretiert werden. Wie etwa der polnische Zaun.

Dabei ist genau das das Kern des Problems – Zusammenhalt, Solidarität und Zuflucht können nicht selektiv angewandt werden, sie sind universell und gelten für alle. Unsere Welt ist eine globale und wir brauchen einen globalen Zusammenhalt, genauso wie den lokalen, wobei der lokale keineswegs mit provinziell gleichzusetzen wäre. Der große, globale Zusammenhalt kann nur wachsen, wenn dieser auch im Kleinen funktioniert. Dazu gehört, dass man jemandem hilft den Kinderwagen zu tragen, ein öffentliches Gebäude so baut, dass es barrierefrei zugänglich ist, sich mal nicht über laute Kinder beschwert und hilft, so gut oder so viel es geht.

Deswegen darf der Zusammenhalt nicht ohne die Verantwortung gedacht werden. Mag sein, dass Verantwortung etwas ist, von dem wir alle – gelegentlich oder recht häufig – versuchen wegzurennen, aber wir müssen uns ihr stellen. Wir haben eine gewisse Verantwortung für den Zustand dieser Welt und für unsere Nachbarschaft und nur das wenigste davon ist abstrakt. Ich nehme mich da nicht heraus: Ich glaube und ehrlich gesagt fürchte ich es auch, dass die jetzige Lage mich deutlich mehr angeht als andere. Nicht, weil ich mich als Russin oder russisch-sprachig definiere, es vielleicht bin oder doch nicht bin oder einen russischen Namen trage, jedoch auf eine Art und Weise, die ich selber noch nicht artikulieren kann. Der jetzige Zusammenhalt basiert auf einem »wir« gegen »die anderen«, es ist nicht zwingend falsch, denn es herrscht tatsächlich Krieg, aber ich würde mir wünschen, dass Zusammenhalt auch im Frieden und ohne Feinde möglich wäre. Und er sogar noch stärker wird.

Olga Grjasnowa wurde 1984 in Baku, Aserbaidschan, geboren. 1996 übersiedelte die Familie als Kontingentflüchtlinge nach Hessen. Für ihren Debütroman »Der Russe ist einer, der Birken liebt« wurde sie vielfach ausgezeichnet, »Gott ist nicht schüchtern« wurde zum Bestseller. Zuletzt erschien von ihr der Roman »Der verlorene Sohn« sowie das Sachbuch »Die Macht der Mehrsprachigkeit. Über Herkunft und Vielfalt.« Olga Grjasnowa lebt mit ihrer Familie in Berlin.

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