Zwei Herzen, eine Brust

10. August 2016 - 8:35 | Jürgen Kannler

Kreativität und Geschäft, Kirche und moderne Kunst. Jürgen Kannler im Gespräch mit Martin Ziegelmayr

a3kultur: Herr Ziegelmayr, Sie betreiben seit fünfzehn Jahren mit einem ebenso speziellen wie erfolgreichen Konzept die Galerie MZ am Dom. Auch als Künstler sind Sie ein gefragter Mann. Wurde Ihnen die Begeis­terung für Kunst eigentlich in die Wiege gelegt?
Martin Ziegelmayr: Überhaupt nicht. Aber meine Mutter hat immer erzählt, dass ich mir bei Ausflügen von meinem Heimatort Batzenhofen in die Stadt nur Kirchen und Juweliere angeschaut habe – alles, was blinkt, hat mich interessiert.

Sie haben also Ihren Weg selbst gefunden?
Ja. Bei uns waren sakrale Kunst oder Kunst im Allgemeinen nie ein Thema. Ich habe Menschen bewundert, die zu Hause Bilder an den Wänden hatten, wir hatten keine. Darum habe ich begonnen, selber welche zu malen. Meine Eltern sind einfache Leute, aber sie haben uns Kindern immer alle Freiheiten gelassen. Ich kann mich noch erinnern: Als ich zehn Jahre alt war, hat mich meine Mutter gefragt hat, mit welchen Farben wir die Wände streichen sollen. Ich durfte wählen, und das wurde dann auch so gemacht.

Sakrale Kunst ist Ihr Spezialgebiet. Wie kam es dazu?
Nach einer Lehre zum Bankkaufmann habe ich eine Ausbildung als Goldschmied bei Wolfgang Eidel absolviert und die Silberschmiedetechniken vom damaligen Werkstattmeister Georg Schmied erlernt. Das sind eigentlich zwei Berufe. Ein Silberschmied bearbeitet größere Gegenstände, ein Goldschmied macht Schmuck. Aber nur Schmuck zu machen war mir zu wenig. Ich muss immer wieder an großen Objekten arbeiten – so kommt man zwangsläufig auf sakrale Gegenstände.

In diesem Bereich gibt es einen attraktiven, wenn auch sehr exklusiven Markt. War dieser kommerzielle Aspekt wichtig für Sie?
Auch. Aber vor allem fasziniert mich das Thema in all seinen mystischen Dimensionen. Gibt es etwas Faszinierenderes als einen viele Hundert Jahre alten Reliquienschrein?

Sie haben diese bemerkenswert schönen Räume in direkter Nähe zum Dom. Wie sind Sie dazu gekommen?
Ganz einfach. Angefangen habe ich 1985 mit einer Werkstatt im Haus von Leder Spring in der Karolinenstraße. Da hatte ich einen Fünfjahresvertrag und immer gesagt, dass ich nach diesen fünf Jahren keine Miete mehr zahlen, sondern ein eigenes Haus haben möchte, am besten mit ganz vielen Fenstern. Dafür wurde ich immer ausgelacht, weil die Leute meinte, dass es so etwas in der Innenstadt nicht gebe. 1989 habe ich dann einen Bischofsstab für den Vatikan gefertigt und bin nach Rom geflogen, um die Arbeit zu übergeben. Vor dem Abflug las ich am Flughafen im Immobilienteil der Süddeutschen Zeitung eine Anzeige: »Haus Nähe Dom zu verkaufen«. Ich rief sofort den Makler an, der mir sagte, er könne mir das Objekt leider nicht bis zu meiner Rückkehr reservieren. Als ich nach einer Woche wieder zurück war, meinte er, es sei wie verhext gewesen – kein Mensch hätte angerufen. Zehn Minuten später gehörte das Haus dann mir und ich begann sofort mit dem Umbau.

Sie haben in Augsburg Ihre Galerie, Ihre Werkstatt und Ihre Wohnräume. Sie leben aber auch in Florenz.
In Florenz habe ich nur eine Wohnung mit Werkstatt. Keine Galerie und keine Kundschaft. Dort will ich in Ruhe arbeiten. Es gibt kein Telefon, nur ein 20-Euro-Handy, das ich nie benutze.

Der Galerist und Geschäftsmann lebt hier in Süddeutschland und der Künstler in der Toskana?
Das kann man so sagen. In Florenz kommen mir die besten Einfälle, weil ich dort meine Ruhe habe.

Wo lebt es sich besser?
Sagen wir es so: Wenn ich in Augsburg bin, zieht es mich nach Florenz, und wenn ich in Florenz bin, möchte ich nach Augsburg. Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Florenz ist sehr elegant, das Motto ist »Leben und leben lassen«. Augsburg ist da anders: Da gibt es schon auch den Neidfaktor. In Florenz besteht natürlich auch ein ganz anderes kulturelles Angebot, und ich lebe da mitten im Zentrum. Dort herrscht auch eine Freundlichkeit, die man in Augsburg leider nicht vorfindet.

Zu Ihrem Portfolio zählen auch einige italienische Künstler. Haben Sie die in der Toskana entdeckt?
Einige davon. Gabriele Grones zum Beispiel bin ich zum ersten Mal in Florenz begegnet. Das ist auch eine amüsante Geschichte: Ich war in seiner Ausstellung, ging aber zuerst an den Bildern vorbei, weil ich dachte, das seien Fotografien. Als ich danach zufällig an einem Zeitschriftenstand in einem Magazin geblättert habe, war darin eines seiner Werke abgebildet – und darunter stand: Öl auf Holz. Ich bin dann gleich wieder zurück zur Galerie, weil ich diesen Mann unbedingt kennenlernen wollte. Für die erste Ausstellung in meiner Galerie hat er neun wunderbare, kleinformatige Porträts gemalt und wir haben alles noch bei der Vernissage verkauft. Die Nachfrage war enorm. Da wurde ich natürlich gefragt, warum ich nicht mehr Arbeiten hänge. Die Antwort darauf war einfach: Jedes dieser Bilder braucht seinen Platz. Mehr als diese neun wollte ich nicht ausstellen.

Eines dieser Bilder war ein Selbstbildnis von Grones. Ist es nun Teil Ihrer privaten Sammlung?
Aber natürlich. Ich sammle ja nur Selbstbildnisse, das ist meine Passion. Irgendwann muss man als Sammler anfangen, sich auf ein Thema zu konzentrieren.

Ist das Zusammentreffen mit Gabriele Grones beispielhaft dafür, wie Ihnen die Kunst begegnet?
Das kann man so sagen. Ich laufe aus Prinzip niemandem nach und setze eher auf Künstler, die schon eine gewisse gefestigte Richtung in ihrer Arbeit erkennen lassen. Das schließt in der Regel die Zusammenarbeit mit ganz jungen Künstlern aus. Idee und Handwerk sollten zusammenpassen – doch da hapert es oft gewaltig. Aber nicht generell, wie Sie im Herbst sehen werden.

Viele Arbeiten Ihrer Schauen finden in der Regel Abnehmer, sofern sie zum Verkauf stehen. Wie haben Sie sich Ihre Kundschaft aufgebaut?
Schon während meiner Zeit als Gold- und Silberschmied konnte ich schöne Geschäftspartnerschaften aufbauen. Das hat sich im Lauf der Jahre eben weiterentwickelt. Es liegt vielleicht auch daran, dass ich ein sehr bodenständiger und treuer Mensch bin. Mit einigen Händlern arbeite ich zum Beispiel schon seit dreißig Jahren zusammen, obwohl andere Quellen günstiger liefern könnten. Das interessiert mich aber nicht. Ich setze auf Beständigkeit und Verlässlichkeit. Das ist bei meiner Kundschaft vielleicht ebenso.

Sie haben Ihre Galerie quasi auf persönlichen Empfehlungen aufgebaut?
So ist es. Ich mache aus Prinzip keine Reklame. Trotzdem kommen die Leute für manche Ausstellungen aus Frankfurt oder Hamburg. Früher bin ich noch auf die Art Basel gefahren, um mich zu informieren, das mache ich heute nicht mehr. Ich glaube, im Kunsthandel erfolgt gerade ein großer Umbruch, dem ich sehr skeptisch gegenüberstehe.

Auch Ihre eigenen Werke werden sehr geschätzt. Der Künstler Ziegelmayr spielt aber keine Rolle in der Galerie MZ – warum ist das so?
Ich möchte das strikt trennen. Kunst muss völlig unabhängig und frei sein. Darum mache ich auch generell keine Verträge mit meinen Künstlern. Ich verstehe mich selber als Einzelgänger und lehne aus diesem Verständnis heraus auch Netzwerke ab.

Durch Ihre Werkstatt ist in den letzten Jahrzehnten sakrale Kunst aus allen Epochen gewandert. Sie haben es in Ihren Arbeiten dennoch geschafft, sakrale Anschauungen und moderne Gegenwartskunst zusammenzubringen.  Wie reagiert darauf ein Auftraggeber wie zum Beispiel die katholische Kirche?
Manchmal sehr heftig. Ich bin ja auch ehrenamtlich Verwalter der Kirche St. Peter am Perlach – was glauben Sie, was ich da manchmal für Reaktionen auf unsere Kunstaktionen bekomme! Aber das müssen die Leute ertragen. Ich kann nicht die sechsundfünfzigste barocke Madonna ausstellen.

Verstehen Sie sich als progressiven Katholiken, im Sinne von Papst Franziskus?
Als sehr kritischen Katholiken, ja. Papst Franziskus packt die Themen gut an, aber ob er wirklich damit durchkommt, ist die andere Frage. Denn da sind wir wieder bei den Netzwerken, die für mich einfach ein Übel sind.

Sie bewerben Ihre Kunstaktionen in St. Peter gerne mit riesigen Transparenten. Funktioniert »laute« Werbung für diesen ruhigen Raum?
Natürlich, vor allem wegen unserer sehr prominenten Lage direkt am Rathaus. Im Schnitt kommen jeden Tag 500 bis 600 Leute nach St. Peter. Das ruft natürlich Reaktionen hervor, positive und negative. Teilweise kommen auch böse Briefe zu unseren Kunstaktionen, aber damit muss man leben. Ich weiß jedoch, wo die Grenze ist. Wir sind immerhin der älteste noch stehende Kirchenbau (1182) der Stadt – nur Teile des Doms sind noch älter – und haben mit unserer Knotenmadonna eine Bildikone, die weltweit große Verehrung und Bewunderung erfährt und gegenwärtig oftmals als Kopie bei Pressekonferenzen im Vatikan zu sehen ist.

Sie organisieren momentan ein Kunstprojekt in St. Peter, das in die Zeit des Hohen Friedensfestes fällt. Wie gefällt Ihnen die Ausrichtung des Festivals?
Ich finde, das artet aus, der eigentliche Sinn geht verloren. Bei so großen Events bin ich sehr skeptisch – irgendwie ist da vieles dilettantisch.

Wenn wir gerade schon beim Thema Events sind: Erzählen Sie doch noch etwas über die nächsten beiden Projekte, die Sie planen.
Als Nächstes kommt Ende September ein junger Augsburger, der gerade ein Jahr auf Reisen war. Was er bisher gemacht hat, hat mir sehr gut gefallen – es sind Collagen. Ich will jetzt aber noch keinen Namen nennen. Ende des Jahres werde ich das Thema »Zensur« aufgreifen – die gibt es nicht nur im Nahen Osten, sondern auch hier in Augsburg.

www.galerie-mz.de

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