Zwei × vier

26. August 2015 - 8:07 | Jürgen Kannler

Sowohl die Schwäbische Galerie in Oberschönenfeld als auch das Künstlerhaus Marktoberdorf präsentieren Ausstellungen, zu denen jeweils vier Künstler der Gegenwart geladen wurden. Das Konzept ging auf, in beiden Fällen.

Marktoberdorf: Über dieses Künstlerhaus im benachbarten Allgäu können wir seit Jahren nur Bestes berichten. Maya Heckelmann, die dem ebenso eigenwilligen wie genialen Backsteinbau als Kuratorin und Leiterin in dieser Zeit sehr unaufgeregt ihre dennoch bestimmte Handschrift verpasste, macht dort eine ausgezeichnete Arbeit. Ihr Sommergruß an alle Kunstfreunde der Region ist in vierfacher Ausfertigung noch bis zum 20. September zu sehen. Er hört jedoch auf den eigenwilligen Titel »Kuns|T|Raum«.

Im Entree hängen einige großformatige Arbeiten von Maximilian Moritz Prüfer. Seine witzig-blumigen Titel wie »Vorstellung von 5 Ballungen von Handlungswahrscheinlichkeit bezüglich des Überlebensinstinkts Nahrung zu sich zu nehmen« nehmen den Arbeiten nichts von ihrer Würde. In Augsburg ist Prüfer übrigens kein Unbekannter. Schließlich besuchte er hier die FH Gestaltung, stellte gelegentlich aus und wurde 2014 mit dem Kunstförderpreis der Stadt bedacht. Sehr überzeugend sind auch die Skizzenbücher des jungen Mannes, die im unbedingt sehenswerten Altbau des Künstlerhauses im Ausschnitt unter Glas zu bewundern sind.

Doch wer zu Prüfer will, muss erst an Sebastian Omatsch vorbei. Der geborene Steirer wuchs in Marktoberdorf auf und hat somit Heimrecht. Sein genialer Fahrkartenentwerter im Eingangsbereich beschenkt die Besucher mit seriellem Spaß wie dem »Jungen im Meer« mit seinen viel zu locker sitzenden Schwimmpufferln. Im Keller des Hauses lässt Omatsch seiner Lust am Klangbasteln freien Lauf. Eine Art Badeweihersteg verbindet einige der wundersamsten Kassettenrekorder der 60er- bis 80er-Jahre, die im Raum umherschwimmen und fleißig ihren akustischen Beitrag zur Installation leisten (Foto).

Der Malerin Brigitte Stenzel obliegt es, mit ihren gemalten Kunststücken den Keller mit dem Dach zu verbinden. Ob Blumenkränze oder die ganze frohe Vogelschar, die studierte Philosophin versteht es, vertrauten Sujets neue Eindrücke abzugewinnen. In ihren großformatigen Arbeiten steht die Künstlerin neben der atmosphärisch in Szene gesetzten Natur sich selbst Modell.

Zusammengehalten wird »Kuns|T|Raum« von den wunderbaren Arbeiten Marten Georg Schmids. Als 77er-Jahrgang ist er der alte Mann des Quartetts und zeigt dem jungen Gemüse immer wieder mal, wo der Hammer hängt. Den braucht Schmid auch bei der Montage seiner luftig-eleganten Holzskulpturen und filigranen Seilverknüpfungen, wie sie uns überall auf dem Gelände begegnen. Dass die Ausbildung des in Karlsruhe an der Akademie veredelten gelernten Schmieds gelungen ist, wird in den nächsten Jahren sicherlich weitere Kreise ziehen.


Oberschönenfeld: Die Schwäbische Galerie wird seit Jahren fachmännisch vom Bezirk betreut. Das Spektrum reicht von beschaulich bis modern und von dekorativ bis ausdrucksstark. Damit bedient der Bezirk eine wichtige und von den Künstlern sehr geschätzte Funktion in unserem Kulturleben. Wie wichtig, davon kann sich jeder bis zum 18. Oktober ein eigenes Bild machen. Denn so lange wird das derzeitige Projekt »Hier – jetzt – heute« noch laufen.

Der drei Stock hohe, fein renovierte ehemalige Stadel bietet in der unteren Etage zuerst Arbeiten von Christian Hörl und Christian Hof. Hörl ist dabei derjenige der beiden, der ein deutliches spielerisches Vergnügen in sein Schaffen legt. Als Basis seines »Hier« dienen Fotos von Stadt, Land, Fluss. Diese werden auf Aluplatten gebannt und mit Lack nachbearbeitet. Das Ergebnis sind zum Teil recht coole Arrangements, die auch preislich im Rahmen bleiben.

Sein Kollege Hof macht es sich da einfacher. Möchte man meinen. Der Konzeptkünstler hat sich entschlossen, eine schöne Reihe seiner oft unscharfen Motive aus den Vorspannsequenzen von Krimiserien ins beschauliche Oberschönenfeld zu bringen. Man steht vor den Drucken auf Alu-Dibond und rätselt, aus welchem Lieblingsmehrteiler die einzelnen Motive stammen. Das führt natürlich zu nichts, bringt einem jedoch die Arbeit Hofs im wahrsten Sinne des Wortes näher. So erfährt man einiges über sein »Jetzt« und damit über seinen Beitrag zur Schau.

In der mittleren Etage zeigt Dorothea Dudek ihre teils recht großformatigen Menschen- und Straßenbilder. Die gelegentlich noch irgendwie unfertig wirkenden Arbeiten der in Lodz geborenen und in Augsburg ausgebildeten Malerin üben trotzdem eine sanfte Anziehung auf den Betrachter aus. Das Programmheft spricht von einem »Doppelleben der Wirklichkeit«. Es wird sicher eine Freude sein, Frau Dudek in Zukunft noch einige Male zu begegnen.

Den Abschluss des klösterlichen Kunstquartetts macht in der Schwäbischen Galerie Jo Thoma. Ihre Fotostudien, natürlich auf Alu-Dibond, zeigen vielleicht ein »Heute«, wie es sich vor Kurzem noch in der einstigen Motorcity Detroit abgespielt haben mag. Ihre Motive wirken dabei seltsam ortsungebunden. Auch der Faktor Zeit scheint keine wesentliche Rolle zu spielen.

www.kuenstlerhaus-marktoberdorf.de
www.schwaebisches-volkskundemuseum.de

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