Zweierlei Freiheit

2. Mai 2020 - 10:11 | Gast

Serie »75 Jahre Befreiung« – Teil 10: Deutsch-amerikanische Erfahrungen. Ein Gastbeitrag von Dr. Stefan Paulus

Im Laufe des Frühjahrs 1945 besetzten amerikanische Truppen Bayern. Mit der kampflosen Übergabe Augsburgs an das amerikanische Militär vor 75 Jahren, am 28. April 1945, endete für die Bevölkerung der alten Fuggerstadt nicht nur der von deutschem Boden ausgegangene Zweite Weltkrieg, sondern auch die menschenverachtende Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus. Es war vor allem einer Gruppe mutiger Augsburger Bürger zu verdanken, die sich sinnigerweise selbst als »Freiheitsbewegung« bezeichneten, dass die durch die Luftangriffe vom 25./26. Februar des Vorjahres bereits schwer gezeichnete Stadt unter Inkaufnahme weiterer Verluste und Zerstörungen nicht in einen sinnlosen Endkampf getrieben wurde.

Gleichwohl betrachteten die Augsburger die amerikanischen Besatzer in den ersten Nachkriegsmonaten nicht ausnahmslos als willkommene »Befreier« vom Joch der Nazi-Diktatur. Die fortan vollständige Kontrolle der öffentlichen Ordnung durch eine fremde Besatzungsmacht wurde von vielen freilich auch als Belastung empfunden, ja als Vorzeichen einer unsicheren Zukunft. Doch schon bald sollten diese Vorbehalte im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Demokratisierung, des heraufziehenden Ost-West-Konflikts und des langsamen wirtschaftlichen Aufstiegs verschwinden: Aus den amerikanischen Besatzern und Siegern wurden tatsächliche Befreier und sogar Freunde, die bis zu ihrem Abzug 1998 das Augsburger Stadtbild nachhaltig prägten.

Die amerikanische Militärpräsenz brachte aber auch für Teile der hier stationierten US-Truppen ein bis dato unbekanntes Freiheitsgefühl mit sich. Obgleich sie nach Deutschland gekommen waren, um das Land von einer tief rassistischen Diktatur zu befreien und in eine freiheitliche Demokratie zu verwandeln, gehörten insbesondere afroamerikanische GIs damals einer Armee an, in der die sogenannte Rassentrennung noch konsequent praktiziert wurde. So paradox es auch klingen mag: Im Land der ehemaligen Feinde und Täter, die sie nun als Repräsentanten einer bedeutenden Siegermacht akzeptierten, erfuhren afroamerikanische GIs erstmals eine Gesellschaft ohne Rassendiskriminierung, die in ihrer Heimat noch bis weit in die 1960er-Jahre hinein den Alltag bestimmte und speziell in den Südstaaten der USA sogar gesetzlich verankert war.

Im Gegensatz dazu konnten die afroamerikanischen Soldaten während ihrer Stationierung in Deutschland, und dies gilt auch für die amerikanische Garnisonsstadt Augsburg, weitgehend ungezwungen dieselben Orte betreten wie Weiße oder sogar Beziehungen zu weißen Frauen eingehen, was in ihrer Heimat undenkbar gewesen wäre. Der ehemalige Vier-Sterne-General und US-Außenminister Colin Powell sprach rückblickend von einem »Hauch von Freiheit« (»breath of freedom«), den er Ende der 1950er-Jahre während seiner Dienstzeit in Deutschland verspürt habe. Und eben diese spezifische Freiheitserfahrung sollte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung um Malcolm X und Martin Luther King durch die Abertausenden von Rückkehrern in der Folgezeit einen enormen Auftrieb verleihen. Somit wurde ein wichtiger Grundstein für die Überwindung der Rassentrennung in den USA also gerade in demjenigen Land gelegt, das selbst für den rassistisch motivierte Massenmord an Millionen Menschen verantwortlich war und 1945 von amerikanischen Truppen mitbefreit wurde, in deren Reihen auch unzählige afroamerikanische Soldaten für die Ideale von Demokratie und Freiheit tapfer gekämpft hatten.

Dr. Stefan Paulus ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg.


Zum 75. Jahrestag der Befreiung Augsburgs durch die Amerikaner am 28. April 1945 hat die a3kultur-Redaktion eine Reihe von Autor*innen, Historiker*innen und Menschen der Stadtgesellschaft um einen Gastbeitrag gebeten – zu lesen in den kommenden Wochen hier auf a3kultur.de!

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