Zwischen den Kulturen

10. August 2020 - 7:27 | Sarvara Urunova

Sarvara Urunova ist seit vielen Jahren Teil der a3kultur-Redaktion. Ihre Fachgebiete sind Klassik und Jazz. In ihrer Reportage über die russischsprachige Community in Augsburg untersucht sie die Rolle der Sprache für die Menschen.

Augsburg ist als Stadt mit einem großen Migrant*innenanteil bekannt. Fast ein Drittel davon sind die Menschen, die Russisch sprechen, obwohl nicht alle russischsprachigen Mitbürger*innen aus Russland kommen. Unter ihnen sind die sogenannten Russlanddeutschen, die vor allem in Kasachstan geboren sind, die Kontingentflüchtlinge, die zum größten Teil aus der Ukraine anreisten, und diejenigen, die aus verschiedenen ehemaligen Sowjetrepubliken nach Deutschland zum Studieren kamen. Zuletzt trifft man auch immer öfter Menschen aus Moldawien, die sich mit der rumänischen Staatsangehörigkeit den Zugang nach Europa verschafften. All diese Bevölkerungsgruppen sind durch eins verbunden: durch die russische Sprache.

Die Sprache, die in der Familie gesprochen wird, wird zum Wegweiser für das ganze Leben

Wie kam es dazu, dass die russische Sprache so viele Völker vereinen konnte? In den 20er- bis 30er-Jahren wurde in allen sowjetischen Schulen Russisch als Pflichtfach eingeführt. Hundertausende russische Fachkräfte aus verschiedenen Bereichen wurden über die ganze Sowjetunion, die aus 15 Republiken bestand, verteilt, viele darunter in Stalins Zeiten schlichtweg deportiert. Auch die Russlanddeutschen aus der Wolga­gegend, wo sie ursprünglich seit Katharina der Großen am meisten angesiedelt waren, wurden in den Kriegsjahren vor allem in die zentralasiatischen Republiken vertrieben. So konnte sich Russisch schnell verbreiten. Es wurden nicht nur Fabriken gebaut, sondern auch Schulen und Universitäten, was für die sowjetischen Republiken die Erhöhung des Bildungsstandards bedeutete und auch die Entwicklung der kulturellen Identität stark beeinflusste.

Zweifellos sind die Sprache und die Entwicklung der kulturellen Identität eines Menschen eng miteinander verknüpft. Es fängt in der Familie an. Die Sprache, die in der Familie gesprochen wird, wird zum Wegweiser für das ganze Leben. Auch wenn die Sprache sich von der sozialen und der regionalen Umgebung des Individuums unterschiedet. So geschah es auch mir, als ich in der Sowjetzeit in einer zentralasiatischen Republik geboren wurde und Russisch zu meiner Erstsprache wurde, obwohl meine Eltern nach ihrem Nationalmerkmal gar nicht russisch  waren. Ich sprach Russisch in der Familie, mit meinen Verwandten und meinen Freund*innen, in der Schule und draußen beim Spielen.

Die Sprache der Heimat habe ich nicht gelernt zu sprechen. Zum einen gab es keine wirkliche Möglichkeit, mich in der Sprache des Landes zu unterhalten, zum anderen gab es auch keinen wirklichen Grund, in der Nationalsprache zu sprechen, da alle, die mich umgaben, Russisch konnten. So kam es, dass viele aus meiner Generation, die in den Großstädten lebten, die Kultur der Heimat nur als eine Nebensache wahrnahmen und sich an den russischen Kulturstandards orientierten. Die Kultur der Heimat hinkte hinterher, es gab nur wenige Autor*innen, die die Werke in der Heimatsprache erfassten, Theaterstücke in der Landessprache waren eine Rarität. Was nicht vergessen wurde, waren die großen Dichter*innen der Vergangenheit, die Jahrhunderte davor ihre Werke schufen. Doch die russische Sprache prävalierte und entwickelte sich mit der Zeit zu einer Bildungssprache, die die Tore nicht nur zur russischen, sondern auch zur europäischen Kultur öffnete.

In der Migration wird die Sprache zu einem Anker

Dabei entstand öfter das Gefühl, sich in der eigenen Heimat fremd zu fühlen. Man gehörte weder zu den Russ*innen noch zu den Einheimischen, weil man die eigene Sprache nicht konnte und sich nicht wirklich als Einheimische*r fühlte. Das Gefühl der Entwurzelung in der eigenen Heimat war ein verbreitetes Phänomen, das eigentlich für die Menschen kennzeichnend ist, die durch Migrationserfahrungen geprägt sind. Doch die Sprache blieb der Hauptfaktor der kulturellen Zugehörigkeit.

In der Migration wird die Sprache zu einem Anker. Die russischsprachigen Migrant*innen blieben der Sprache treu. Für die Generation Ü50 ist Russisch trotz guter Integration die Hauptsprache, die tagtäglich zu Hause oder im Freundeskreis gesprochen wird. Das russische Fernsehen ist fast in jedem Haushalt ein fester Bestandteil. Deutsch wird dabei meist nur im Beruf oder beim Einkaufen verwendet.

Die Verbindung zur Heimat spielt eine große Rolle auch im kulturellen Bereich. Der Wunsch, die kulturelle Tradition fortzusetzen, wird unter anderem in den Angeboten für die Kinder sichtbar. In Augsburg gibt es mehrere Schulen, die Russisch für Kinder ab fünf Jahren unterrichten, auch andere Fächer wie Mathematik, Musik oder Kunst werden auf Russisch in der frühkindlichen Erziehung eingesetzt. Mehrere Tanzschulen in Augsburg wurden von russischsprachigen Tanzlehrer*innen gegründet. Mit aufwendig kos­tümierten Volkstanzinszenierungen in Bezug auf die Kulturen der Ex-Sowjetunion nehmen die jungen Tänzer*innen auch außerhalb von Augsburg an Tanzwettbewerben teil und erreichen gute Platzierungen.

Ein weiteres Zentrum für kulturelle Begegnungen in russischer Sprache ist die Augsburger Synagoge. Das historische Gebäude wurde zu einem sicheren Zufluchtsort für Tausende Menschen mit jüdischen Wurzeln aus der Ex-Sowjetunion. Hier fühlen sie sich willkommen und angenommen. Für viele von ihnen ist der tägliche Weg in die Synagoge längst zur Gewohnheit geworden. Die Gemeinde ist nicht nur ein Treffpunkt, um das aktuelle Tagesgeschehen zu besprechen, sondern auch um Alltagsprobleme aller Art zu lösen. Eine in der Synagoge beherbergte Bibliothek bietet die Möglichkeit, Bücher in russischer Sprache auszuleihen. Verschiedene Feste werden gemeinsam organisiert und gefeiert. Immer wieder finden hier auch die deutsch-jüdischen Begegnungen statt, die den Dialog zwischen den Kulturen thematisieren. Auch gibt die Israelitische Kultusgemeinde Schwaben Augsburg regelmäßig die zweisprachige Zeitung »Vestnik/Der Anzeiger« heraus, an der Kulturinteressierte der jüdischen Gemeinde der Kontingentflüchtlinge mitarbeiten. Das Kulturangebot für die Kinder beinhaltet eine Sonntagsschule bei der Synagoge, wo sie ebenfalls Russisch lernen können.

Das Univiertel ist in Augsburg als Klein-Moskau bekannt. Hier im neu gebauten Einkaufszentrum »Petershof« lässt sich das Gefühl der verlorenen Heimat aufleben. Die Schaufenster im Erdgeschoss schmücken die wohlbekannten Souvenirs wie Matrjoschkas und Samoware. Für diejenigen, die sich nach dem Geschmack des heimatlichen Essens sehnen, werden gleich vor dem Eingang die traditionellen Fleischspieße auf kaukasische Art gegrillt und verkauft. Die Lebensmittel, die noch öfter in einer Verpackung präsentiert werden, die an die Originale aus der Sowjetzeit erinnert, findet man im Supermarkt. Auch im Friseursalon und im Reise­büro oberhalb des Supermarkts wird Russisch gesprochen. In der Veranstaltungshalle nebenan werden Geburtstage und Hochzeiten mit reichlich russischem Essen und Heimatmusik organisiert. Auch Konzerte der russischsprachigen Künstler*innen, die aus verschiedenen Städten Deutschlands kommen, finden hier öfter statt. Solche Konzerte sind vor allem für ein kleines Publikum konzipiert.

Für die junge Generation ist Deutsch zur Erstsprache geworden. Sie nimmt die  deutsche Kultur als ihre eigene wahr

Für ein breiteres Publikum werden die Konzerte der russischen Stars angeboten, die von den großen Agenturen deutschlandweit veranstaltet werden. In Augsburg bietet der Kongress am Park die Plattform für solche Konzerte. Immer häufiger ist auch russisches Theater zu Gast in der Stadt. In den gut besuchten Theaterstücken werden die aus dem Fernsehen aktuell bekannten Schauspieler*innen gerne live erlebt.

Die Migrant*innen bleiben meistens unter sich. Die Konzerte werden oft gemeinsam besucht, auch die Konzerte der heimischen Veranstal­ter*innen. Die von mir interviewten Personen, die noch zur älteren Generation gehören, schätzen sehr die klassische Musik. Keines der frei zugänglichen Konzerte des Leopold-Mozart-Zentrums wird verpasst, auch die traditionellen Symphoniekonzerte der Augsburger Philharmoniker erfahren große Beliebtheit bei den sich für Klassik interessierenden Migrant*innen.

Viele Künstler*innen wünschen sich Integration auf allen Ebenen. Manche verleugnen sogar die alte Heimat

Die junge Generation erlebt da natürlicherweise eine ganz andere Entwicklung. Deutsch ist für sie zur Erstsprache geworden, Russisch wird mit starkem Akzent oder nur sehr wenig gesprochen. Sie nehmen die deutsche Kultur als ihre eigene wahr, nur werden sie auch von den Einheimischen immer noch als russisch empfunden. Nun bleibt da die Frage, wie sie als diejenigen, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen, das Heimatgefühl erfahren. Findet auch hier eine Entwurzelung statt?

Der Wunsch nach Anerkennung und Angekommensein ist groß

Auch den Kulturschaffenden geht es nicht anders. Sie befinden sich zwischen zwei verschiedenen Kulturen und können auf keine der beiden verzichten. Die kulturelle Identität, geprägt von gleichwertigen Kulturen, kann man nicht einfach abstreifen. Der Weg ist nicht immer einfach. Viele Künstler*innen wünschen sich die Integration auf allen Ebenen. Manche verleugnen sogar die alte Heimat, indem sie ganz auf die russische Sprache verzichten. Manche finden einen Ausweg, indem sie beide Sprachen und Kulturen integrieren. Auf die Frage, ob die Bereitschaft, sich für das deutsche Publikum zu öffnen, vorhanden ist, bekommt man eine eindeutige Antwort: Der Wunsch nach Anerkennung und Angekommensein ist groß. Deutschland wird zweifelslos als zweite Heimat wahrgenommen. In diesem Fall spielt nicht einmal die Sprache eine bedeutende Rolle, sondern die Bereitschaft, das gegenseitige Anderssein anzunehmen.

Info: Zehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg machte der Anteil der Vertriebenen aus Osteuropa 15,5 % der Bevölkerung aus. Augsburg blieb auch für die in den 90er-Jahren kommenden Aussiedler*innen und Spätaussiedler*innen attraktiv. 2018 lebten 21.051 Aussiedler*innen aus vielen unterschiedlichen Herkunftsländern in der Stadt. Hinzu kommen 1746 Personen aus der Russischen Föderation. (Quelle: Sachstandsbericht Migration, Flucht und Integration, Stadt Augsburg, Büro für gesellschaftliche Integration, 2020)

Über die Autorin: Sarvara Urunova, geboren in einer zentralasiatischen Republik, kam als DAAD-Stipendiatin nach dem Studium der Germanistik an der Khujand State University nach Deutschland. Ab 2006 studierte sie Deutsch als Fremdsprache, Kunstgeschichte und Romanistik an der Universität Augsburg. Seit 2019 ist sie Dozentin für Deutsch als Fremdsprache an der Kolping-Akademie in Augsburg.

Bild: Kyrillische Schrift gehört im Petershof, wie hier bei »Podarok« Geschenkartikel, zum Alltag dazu. Foto: Frauke Wichmann

 

 

 

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