Ausstellungen & Kunstprojekte

Zwischen Öko und Spiritismus

Manuel Schedl
2. August 2022
Die Parade des Wasservogels zog vom Siebentischpark zum Annahof. Fotos: Manuel Schedl

Mit der »Parade des Wasservogels« wurde die zweite Nacht des »Water and Sound«-Festivals eingeleitet. Unbefangene Kunst- und Spaßaktion oder mehr?

Es mutet fast ironisch an, dass in diesem viel zu trockenen Sommer der Himmel ausgerechnet zur Parade des Wasservogels am vergangenen Freitagabend seine Schleusen öffnete. Die etwa 100 Teilnehmer*innen der Parade – Familien, Mitwirkende und Musiker*innen – erfuhren ebenso ihre rituelle Waschung wie der vom Augsburger Künstler Sebastian Giussani gefertigte Bambusvogel selbst.

Doch wer wollte sich in diesen Zeiten über einen satten Regenguss beschweren? Mit ein bisschen (Aber)Glauben ließe sich sogar die steile These aufstellen, eine höhere Macht hätte der Kunstaktion und dem Festival der Kulturen »Water and Sound« damit ihren ganz eigenen Segen gegeben.

Damit sind wir bei den Fragen: Eine Art Prozession, angeführt von einem hölzernen Vogel, begleitet von internationalen Künstler*innen wie Laura Misch (Future Jazz), der Marching Band »Drums & Brass« oder dem »Saharan Dance Workshop« zieht gut gelaunt durch den Siebentischwald und die Rotes-Tor-Anlagen, erntet verwunderte Blicke von Passanten und taucht im urbanen Raum unerwartet in der Schusslinie rasant um die Ecke sausender Radler auf. Hat das ganze –  übrigens in Anlehnung an eine altägyptische Legende entstandene   Ritual mitsamt seinem irritierenden Moment einen Sinn?

Menschen brauchen Rituale. Die Kirchen bieten sie, der Sport und auch das Brauchtum. Warum nicht auch die Kunst?

In den Tagen der Debatte um »Layla«-Leitkultur und kulturelle Aneignung durch Rastazöpfe tragende Weiße wird hier –  vielleicht erstmals, vielleicht nur einmalig  – ein neuer, originärer Brauch gefeiert, fremdartig wirkend in diesen Breiten, sicherlich, aber vielleicht auch mit einem Hinweischarakter auf die Ressource Wasser, die mit Blick auf die vergangenen Dürrejahre in Europa so selbstverständlich nicht mehr ist, was uns mit fernen Teilen der Welt wie den Wüstenregionen Afrikas verbindet.

So bleibt der Eindruck einer postmodernen Verquickung von Karneval (seinerseits ja auch religiös begründet), Spritismus und symbolträchtiger Öko-Botschaft. Pseudo-Paganismus? Götzendienst? Hippie-Kitsch? Möglich. Aber wenn die ganze Welt brennt, kann man ruhig einmal das Wasser ehren.


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