Zwölf Tage, zwölf Imame

Martin Schmidt
12. Oktober 2015

Am 14. Oktober beginnt Muharrem, der erste Monat des islamischen Kalenders. Er zählt 30 Tage und geht bis 12. November. In diesem Monat begehen die Aleviten ihr Muharrem-Fasten. Es ist ein Trauerfasten und dauert zwölf Tage.

Gedacht wird des Todes von Imam Hüseyin bei der Schlacht von Kerbela (heutiger Irak) im Jahr 680. Hüseyin war das Enkelkind des Propheten Mohammed. Die Schlacht dauerte zehn Tage, es wird jedoch zwölf Tage gefastet, um aller zwölf Imame der Aleviten zu gedenken. Darum nennt man das Muharrem-Fasten auch Oniki Imam (»12 Imame«). Alle Imame, bis auf den letzten, nämlich Muhammed Mehdi, der noch heute im Verborgenen leben soll, sind nach Ansicht der Aleviten ermordet worden.

Ein Spross Hüseyins, nämlich Zeynel Abidin, überlebte die Schlacht von Kerbela und konnte als vierter Imam die Reihe der religiösen Oberhäupter fortsetzen – für die Aleviten ist Kerbela bis heute ein wichtiges, identifikationsstiftendes Geschehen. Hüseyin steht bei den Aleviten für den Kampf für Gerechtigkeit und Humanität – ethische Grundsätze, die die Gläubigen in der Erziehung ihres Nachwuchses vermitteln wollen.

Beim Muharrem-Fasten darf erst nach Sonnenuntergang gegessen und getrunken werden. Voraussetzung ist aber, dass das Essen vegetarisch ist und man kein reines Trinkwasser zu sich nimmt. Man will keinem Lebewesen Leid zufügen und gleichzeitig durch den Verzicht auf reines Wasser dessen gedenken, dass Imam Hüseyin und seine Angehörigen in der Wüste von Kerbela verdursteten. Für die Fastenzeit gilt ebenfalls: keine Feierlichkeiten, das Vermeiden von Streitigen und von Geschlechtsverkehr. Am 13. Tag, wenn das Fasten vorüber ist, backen die Aleviten eine traditionelle Süßspeise, Aşure. Im Gedenken an die zwölf Imame besteht sie aus zwölf Zutaten.

www.alevican.de

*** Was ist ein Imam? Dieser arabische Begriff bedeutet im Kontext des Korans so viel wie »Vorsteher« oder »Richtschnur«, ein Imam ist dementsprechend in der Nachfolge des Propheten Mohammed das religiös-politische Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft. Aber auch der Vorbeter beim Ritualgebet wird Imam genannt, ebenso dient der Begriff als Ehrentitel für muslimische Gelehrte. Die Aleviten kennen zwölf Imame. Der erste Imam ist Ali (598–661), er ist der Cousin und übrigens auch Schwiegersohn des Propheten Mohammed, von dem Mohammed gesagt haben soll: »Wer Ali nicht liebt, liebt mich nicht.«

*** In Augsburg leben rund 5.000 Aleviten. Die Alevitische Gemeinde Augsburg zählt etwa 500 Mitglieder und befindet sich in der Bozener Straße 4a im Augsburger Stadtteil Lechhausen.

*** Die Aleviten sind eine Religionsgemeinschaft, die sich im 13./14. Jahrhundert in Anatolien gebildet hat. Man unterscheidet ethnisch türkische und kurdische Aleviten.

*** Aşure. (Aschura) ist eine Süßspeise, die bei allen Muslimen, aber auch bei armenischen Christen bekannt ist. Sie besteht aus mindes-
tens sieben Zutaten; bei den Aleviten, um der zwölf Imame zu denken, aus zwölf Ingredienzien. Die Süßspeise wird als Zeichen der Dankbarkeit und Nächstenliebe unter den Nachbarn und Bekannten verteilt. Die Zutaten werden einzeln gekocht und dann vermischt. Es gibt verschiedene Rezepte, die auf einer Zusammenstellung aus diesen Zutaten beruhen: weiße Bohnen, Kichererbsen, (Puder-)Zucker, Feigen, Korinthen, Weizen, Rosinen, Walnüsse, Zimt, Wasser, Salz, Granatapfelkerne, Reis, Aprikosen, Orange und Rosenwasser. Nach islamischem Glauben geht das Dessert übrigens auf Noah zurück: Dieser soll, so glaubt man, als die große Sintflut vorüber war, aus seinen letzten Vorräten diese Süßspeise zubereitet haben. Auf festem, trockenen Boden angekommen, soll es ihm und den Überlebenden der Arche als Festmahl gedient haben. Aşure trägt deswegen auch oft den Namen »Noahs Suppe« oder »Noahs Pudding«. Die Aleviten feiern mit Aşure aber auch, dass Zeynel Abidin, der Urenkel Mohammeds, die Schlacht von Kerbela überlebte. Das Wort Aşure kommt aus dem Arabischen und bedeutet »zehn« – womit der zehnte Tag des islamischen Monats Muharrem gemeint ist.

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