Schöne Räume Lese-Inseln

8. Oktober 2016 - 8:48 | Jürgen Kannler

Die Grundschule im Augsburger Stadtteil Kriegshaber erhält für ihren Neubautrakt eine Lese-Insel und alle sind begeistert. Jürgen Kannler im Gespräch mit Initiator Kurt Idrizovic und Schulleiterin Susann Michaelsen

a3kultur: Was steckt hinter der Idee der Lese-Insel?
Kurt Idrizovic: Die Lese-Insel wurde damals im Zuge des Neubaus der neuen Stadtbücherei gegründet – zusammen mit dem NetzwerkLesen, einer Vereinigung von Augsburger Innenstadtschulen. Die Idee dahinter war, Kinder möglichst früh an das System der Stadtbücherei anzubinden, indem man kleine Filialen mit demselben Design und derselben Systematik in die Schulen integriert. Das war ein ambitioniertes Projekt, aber es ist tatsächlich gelungen.

Wie genau funktioniert eine Lese-Insel?
Kurt Idrizovic: Die Lese-Inseln sind moderne, kleine Schulbibliotheken, die sehr nah an das System der Stadtbücherei angelehnt sind. Man bekommt auch einen Ausweis der Stadtbücherei, das ist dasselbe Ausleih- und Ausweissystem.

Heißt das, dass auch die Bestückung und Ausstattung von der Stadtbücherei vorgenommen wird?
Kurt Idrizovic: Genau, wir haben auch eine eigene schulbibliothekarische Servicestelle dafür. Die Ähnlichkeit schafft ein Gefühl von Identität: durch das Design und die Einrichtung, aber auch durch die Qualität der Bücher. Eine Lese-Insel ist nicht nur eine Schulbücherei, sondern tatsächlich ein neues Bibliothekssystem, das mit neuen Medien arbeitet. Die Kinder sollen auch lernen, am Computer zu recherchieren, mit dem OPAC-System der Stadtbücherei – sodass sie von der Schule in die Stadtbücherei oder die Stadtteilbücherei gehen und sagen könne: »Das kenne ich schon alles und weiß, wie das geht.«

Wie bekommt eine Schule eine Lese-Insel?
Kurt Idrizovic: Die Schulen bewerben sich um das Lese-Insel-Projekt. Das heißt, dass großes Interesse vonseiten der Schulleitung und des Kollegiums vorhanden sein muss. Aber man braucht auch ein engagiertes Elternteam. Zusätzlich sind räumliche Voraussetzungen zu erfüllen: Man braucht einen geeigneten Raum in der Schule – wenn möglich, sollte es der schönste Raum der Schule sein, und er muss auch noch zentral liegen. So wie es hier an der Schule in Kriegshaber im besten Sinne der Fall ist.

Wie viele Projekte konnten bisher umgesetzt werden?
Kurt Idrizovic:
Seit 2011 gibt es mittlerweile acht Lese-Inseln an Augsburger Grund- und Mittelschulen. Uns war es von Anfang an wichtig, genau diese Schulen zu unterstützen und nicht etwa Realschulen oder Gymnasien. Die Lese-Insel in der Grundschule Kriegshaber ist die neunte Lese-Insel.

Frau Michaelsen, Sie sind die Rektorin der größten Grundschule Augsburgs. Von wie vielen Kindern sprechen wir da?
Susann Michaelsen:
Im Moment sind es 460 Schüler, aber die Prognose geht bis zu 600 Kindern. Deswegen bauen wir ja gerade sehr großzügig an. Wie es tatsächlich wird, weiß ich nicht – ob in die Neubaugebiete tatsächlich Familien mit Kindern einziehen oder ob ihnen das nicht zu teuer ist.

Ihre Schule erneuert sich gerade räumlich. Erfindet sie sich damit auch neu?
Susann Michaelsen:
Aber sicher. Wir haben mit dem fantastischen Neubau auch neue Medien bekommen. Es gibt Lerninseln mit interaktiven Whiteboards und in jedem Klassenzimmer einen Beamer. Die Lese-Insel ist außerdem mit einer Leinwand ausgestattet, mit der ein Bilderbuchkino gezeigt werden kann. Wir als Lehrkräfte haben natürlich auch die Aufgabe, uns in diese neuen Medien einzuarbeiten: Wir hatten verschiedene Fortbildungen dazu und überlegen nun, welches Material für den Unterricht verwendet werden kann. Gleichzeitig wollen wir es damit aber nicht übertreiben und mit den Kindern nur noch am Computer sitzen. Es soll eine gute Mischung werden, das wollen wir jetzt erproben.

Hat eine Lese-Insel denn überhaupt noch etwas mit der klassischen Schulbibliothek gemeinsam?
Susann Michaelsen:
Das ist hier schon etwas ganz anderes. Es gab immer schon eine Schülerbücherei an der Schule, die sehr gut von meiner Kollegin Frau Hirmer betreut worden ist – sie setzt sich jetzt auch federführend für die Lese-Insel ein. Die klassische Bücherei am Laufen zu halten war schwierig, auch weil der Raum anderweitig mitbenutzt werden musste. Allein die Ausstattung der Lese-Insel gestaltet sich ganz anders. Auch ich lerne damit wieder, was Kinder heute gerne lesen – denn wie man hier sieht, sind es nicht »Pippi Langstrumpf« und »Die kleine Hexe«. Auch für die Erwachsenen ist es toll, sich noch einmal mit der gängigen Kinderbuchszenerie zu befassen.

Es wurde bereits erwähnt, dass eine Schule verschiedene Kriterien erfüllen muss, um eine Lese-Insel zu bekommen. War es von Anfang an klar, dass die Grundschule Kriegshaber das möchte – oder gab es Diskussionen?
Susann Michaelsen:
Das kann ich nur bedingt beantworten, weil ich erst seit zwei Jahren an der Kriegshaber Schule bin und das so im Vorfeld nicht mitbekommen habe. Ich vermute, dass das im Zuge des Anbaus von den Verantwortlichen so geplant worden ist, gerade weil die Schule in den letzten Jahren sehr viel in Sachen Leseförderung gemacht hat und auch schon eine Schulbibliothek hatte. Lesen lehren und Kinder zum Lesen animieren ist eine ganz zentrale Aufgabe von Schule. Deswegen kann einer Grundschule nichts Besseres passieren, als so eine Lese-Insel zu haben.

An der Grundschule Kriegshaber gibt es fast 500 Kinder aus rund 50 Ursprungsländern. Was bedeutet diese Vielfalt für Ihre Arbeit?
Susann Michaelsen:
Sehr viel Differenzierung und natürlich auch sehr viel Sprachförderung. Gerade das kann man sehr gut mit Lesen kombinieren. Kindern lernen eine Menge über Bücher und erweitern so ihren Sprachschatz. Auch schon im Vorfeld der Einschulung ist sehr viel an sprachfördernden Maßnahmen zu leisten: Wir haben dafür sieben verschiedene Kurse, eine Förderlehrerin betreut Schüler auch einzeln. Übergangsklassen haben wir allerdings nicht. Auch Erstklässler ohne Sprachkenntnisse lernen normalerweise sehr schnell, vor allem wenn die Eltern mitziehen und der »Background« stimmt. Nur wenn diese Voraussetzungen gar nicht gegeben sind, muss man vielleicht über den Besuch einer Übergangsklasse nachdenken.

Es ist also auch von Bedeutung, aus welchem Milieu die Kinder kommen?
Susann Michaelsen:
Auf jeden Fall. Auch gerade was die Mitarbeit der Eltern in den Gremien angeht. Die Sprachbarriere ist da noch wesentlich höher als bei den Kindern, das ist sehr schwierig. Vor allem die Mütter sprechen oft nur sehr gebrochenes Deutsch – wenn, dann sind es die Väter, die Deutsch aufgrund ihrer Arbeit beherrschen müssen. Viele türkische Mütter sind Hausfrauen und kommen nur selten raus, die erreichen wir nicht. Sich da eine Lösung zu überlegen, wird eine der zentralen Aufgaben für die Zukunft sein.

In Ihrer Schülerzeitung gehen Sie sehr selbstverständlich und leichtfüßig mit dem Thema Vielfalt um – spiegelt diese Stimmung den Alltag an Ihrer Schule wider?
Susann Michaelsen: Definitiv, alle im Kollegium sind froh über diese Vielfalt. Ich habe zehn Jahre lang in Göggingen ein ganz anderes Schülerklientel unterrichtet und empfinde es als ausgesprochen positiv, dass hier so viele verschiedene Nationen zusammenkommen. Wir gehen damit sehr entspannt um und finden das, trotz der zusätzlichen Aufgaben und Herausforderungen, sehr schön.

Die finden die Kinder aus einem nicht muttersprachlich deutsch geprägten Haushalt Zugang zu Einrichtungen wie der Lese-Insel?
Susann Michaelsen:
Über die Lehrkräfte und die Förderlehrerin, unsere sehr engagierte Frau Hirmer. Und über unsere Lesepaten, die sich gerade dieser Kinder annehmen und sie ans Buch heranführen: Sie lesen vor und lesen mit. Das kann Übungscharakter haben, aber auch gerade über das Vorlesen kann man die Lust am Selberlesen wecken. Da ist es egal, aus welchem Land man kommt – und auch wenn das Bildmaterial erst einmal größer ist als der Text, macht das ja nichts. Die Ausleihrate ist bei den deutschen Schülern nicht unbedingt höher als bei den ausländischen Kindern.

Kurt Idrizovic: Es ist natürlich auch so, dass hier nicht nur eine Ausleihorganisation zur Verfügung gestellt wird. Unabhängig davon, dass es neue Medien und Bücher gibt, soll hier auch Unterricht stattfinden. Die Lese-Insel ist Lernort und gleichzeitig ein Ort für die Kinder, um sich zurückzuziehen. Auch das ist ein Mehrwert.

In welchem Zeitfenster können die Kinder die Einrichtung nutzen?
Susann Michaelsen:
An jedem Wochentag von 9 Uhr bis 10:20 Uhr. Manchmal, wenn ein ehrenamtlicher Betreuer da ist, auch von 10:20 bis 12 Uhr. In nächster Zeit wird auch das Kollegium in das Ausleihsystem eingewiesen. Generell kann man aber einfach hier hereinkommen, um nur zu lesen, auch ohne etwas auszuleihen. Es wird so sein, dass die Klassen auch unabhängig von den Öffnungszeiten Lese-Insel-Stunden nehmen. Da sind wir gerade am Entwickeln.

Kurt Idrizovic: An der Grundschule Herrenbach gibt es außen an der Lese-Insel einen Plan, wo sich die Lehrkräfte mit ihren Klassen eintragen können und dann einen Schlüssel dafür bekommen.

Susann Michaelsen:
Genau, momentan sind wir da noch in den Anfängen und in der Planung mit dem Kollegium. Später können dann auch individuelle Absprachen getroffen werden.

Ihre Schule ist auch bei Projekten wie einer sozialen Messe sehr engagiert und arbeitet mit dem Kulturhaus abraxas zusammen. Müssen Schulen heute anderen Ansprüchen gerecht werden als noch vor zwanzig Jahren?
Susann Michaelsen:
In einem Dorf hat eine Schule eine riesige Bedeutung. In einer Stadt gibt es aber sehr viele davon. Ich halte Schule für einen Ort, der ganz wichtig sein sollte für ein Stadtviertel – und wenn sie dann so ausgestattet ist wie unsere Schule jetzt, sollte man sie unbedingt nutzen. Etwas wie eine soziale Messe kann man nur ausrichten, wenn man die Räume dazu hat. Wir haben jetzt eine riesige Aula, auch Kindergärten können hier Tagungen veranstalten – ich denke auch an Kunstausstellungen, die wir hier stattfinden lassen können. Gerade die Bevölkerungsschicht, deren Kinder hier zur Schule gehen, muss hierherkommen. Wir müssen attraktive Dinge bieten, sonst bekommen wir die Eltern nicht mehr in die Schule. Schule hat generell einen negativen Touch: Jeder hat schlechte Schulerfahrungen, die Notengebung und böse Lehrer noch im Hinterkopf – dabei hat sich so vieles geändert. Das aufzuweichen, sehe ich als ganz wichtig an.

Vielleicht muss die Schule auch in Bereichen aktiv werden, die früher zumindest offensichtlich nicht so brisant waren.
Susann Michaelsen: Gerade wenn man an die Erziehungskompetenzen der Eltern denkt, ist es meiner Meinung nach ganz wichtig, sich hier zu öffnen und Veranstaltungen zu planen. Die Schule sollte ein Ort sein, wo man gerne hineingeht und auf den man stolz ist.

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