Ein Bild muss leben

6. April 2017 - 9:00 | Jürgen Kannler

Daniel Biskup gehört zu den gefragtesten deutschen Fotografen. Ein Interview

Daniel Biskups Karriere begann mit den Umbrüchen im Osten. Als Einziger seiner Generation hat er die Zeichen der Zeit erkannt und die Veränderungen in Russland, die Geschichte vom Ende der DDR und den Jugoslawienkrieg für uns dokumentiert. Über diese Arbeit wurde er zum gefragten Porträtisten der Machthaber in Ost und West. Nun entdecken zunehmend Kuratoren, Galeristen und Museumsleute sein Werk, wie zum Beispiel Christof Trepesch von den Kunstsammlungen und Museen Augsburg. Anlässlich der Veröffentlichung des Bildbandes »Russland – Perestroika bis Putin« zeigt das Schaezlerpalais herausragende Biskup-Fotografien aus dieser Epoche.

a3kultur: Mit der Kamera haben Sie seit den späten Achtzigerjahren die Veränderungen im Osten Europas dokumentiert. Die Beziehung zwischen Russland und dem Rest Europas ist heute spannungsgeladen. Das war nach Glasnost und Perestroika so nicht zu erwarten. Was lief schief?

Daniel Biskup: Michail Gorbatschow hatte erkannt, dass die Sowjetunion wirtschaftlich am Ende war. Das Experiment Sozialismus war gescheitert. Also machte er Mitte der Achtziger den Weg frei für Glasnost und Perestroika. Der Westen hat es dann versäumt, dieser Weltmacht auf Augenhöhe zu begegnen. Wir hätten gut daran getan, die Geschichte des Landes zu begreifen und einen Partner zu gewinnen, statt eine alte Feindschaft neu aufzubauen. Russland gehört zum europäischen Kulturkreis. In der Vergangenheit herrschten zum Nutzen aller meist vernünftige Beziehungen. Stabilität wird es in Europa nur mit Russland als Partner geben.

Augenhöhe, das ist auch ein Begriff, der zu gut zu Ihren Fotografien passt. Wie nehmen die Menschen Sie wahr, wenn Sie fotografieren?  

Sie registrieren mich. Aber ich habe das Glück, dass sie nicht misstrauisch werden oder sich gar fürchten, sondern mich einfach meine Arbeit machen lassen. Indirekt unterstützen sie mich auch, weil sie natürlich bleiben, wenn ich fotografiere.  

Ihre Ausstellung zeigt Menschen, die oft gezeichnet sind von Armut, Niedergeschlagenheit oder Wut. Das sind intime Situationen, wie zum Beispiel bei dieser Frau, die am Gehsteig steht und als einzige Ware eine Wurst anbietet. In dieser Situation möchte sicher nicht jeder abgelichtet werden.

Ich habe diese Menschen nicht ausgenutzt, sondern ihre schwere Situation dokumentiert, das haben sie gespürt. Das materielle Elend war zu dieser Zeit Teil der gesellschaftlichen Realität. Die Menschen haben verkauft, was sie entbehren konnten. Es gab praktisch kein Geld, die Geschäfte waren leer. Familien, die gestern noch eine gesicherte Existenz hatten, standen vor dem Nichts.

Wie kam es zu Ihrer ersten Moskaureise?

Ich studierte Ende der Achtziger unter anderem Geschichte und Politik an der Uni in Augsburg. Nebenbei verdiente ich mir als freier Journalist etwas dazu. Als sich dann in Moskau die Ereignisse überschlugen, war klar, dass ich da hinwollte. Ich stand vor der Entscheidung, einige Scheine zu verpassen oder einmalige historische Augenblicke. In so einer Situation muss sich jeder selber fragen, was für ihn wichtig ist. Die erste Reise kostete keine 500 DM für den Flug und einige Nächte im Hotel Kosmos, einem Kasten mit 5.000 Betten, der für Olympia ’80 gebaut worden war. Dann ging alles Schlag auf Schlag, die Wiedervereinigung, der zweite Putsch in Russland, der Jugoslawienkrieg. Und ich mittendrin. Ich habe 1990/91 das letzte Silvester, das in der Sowjetunion gefeiert wurde, in Lwiw, dem ehemaligen Lemberg, verbracht und vorab zu Hause erklärt: Ich fotografiere die Sowjetunion, weil ich nicht glaube, dass sie noch lange existiert. Das war damals, ich war gerade 26 Jahre alt, wohl etwas kühn, aber meine Einschätzung hat sich bewahrheitet.  
 
Warum hat sich bei Ihnen diese Leidenschaft für Osteuropa entwickelt?

Ich finde diese Weltregion unendlich spannend. Sie bedient meine journalistische Neugierde. Dass dann ab einem gewissen Zeitpunkt auch Leidenschaft eine Rolle spielt, ist bei meiner Arbeit Grundvoraussetzung. Ich finde es faszinierend, dass man dort noch zu Zeitreisen antreten kann. Ich wurde 1962 geboren und nicht zuletzt von Lehrern sozialisiert, die ihre Ausbildung noch im Dritten Reich absolviert hatten. Und wenn ich mit dieser Vita in Gebiete kam, in denen sich seit 1945 nicht wirklich viel verändert hat, dann machte das schon etwas mit mir. Da fühlte ich ein großes Glück, dass ich so etwas erleben darf. Mir eben ein eigenes Bild zu machen.

Hat Sie das Leben für die Uni verdorben?

Zumindest davon abgehalten, den Magister zu machen. Bei mir hat es nur zur Vorprüfung gereicht. Dennoch, vor Kurzem hat mir eine Mitarbeiterin der Universität Augsburg gesagt, dass ich zu den prominenten Absolventen gehöre. Das hat mich überrascht.

Sie haben in Bonn als Briefträger gearbeitet, sind dann aufs Bayernkolleg nach Augsburg, um das Abitur nachzuholen, haben Ihr Studium fast abgeschlossen und sich das Handwerk des Fotografierens selbst beigebracht. Heute hängen Ihre Arbeiten im Museum.

In der Tat, das war so nicht absehbar. Ich fotografiere nicht, um Kunst zu machen, sondern nehme das auf, was mir die Welt jeden Tag schenkt. Ob das Kunst ist, liegt im Auge des Betrachters. Mein Ansatz ist: Ein Bild muss leben. Zu meiner Ausbildung gehörte das Studium der großen Fotobücher von Henri Cartier-Bresson, August  Sander oder Edward Steichen. Ich habe mir ihre Aufnahmen angesehen und wusste, das ist der Maßstab.

Gott hat mir die Fähigkeit gegeben, zu sehen. Es fällt mir nicht schwer, Fotos zu machen. Ich habe aber sehr wohl Ansprüche an diese Arbeit. So möchte ich in gewissem Sinne die Zeit festhalten, in der meine Fotografien entstehen. Vielleicht wirkt das ja auf manchen banal. Doch meine Aufnahmen sind meist für später gemacht. In 20 bis 30 Jahren entfalten sie ihre Spannung. Aus diesem Grund arbeite ich gerne auf der Straße, in Supermärkten oder bei Festen. Vor diesen Hintergründen erkennt man später die Veränderung im Leben. Würde ich vor Fotowänden oder in Parks arbeiten, gäbe es diese Spannung nicht.

Arbeiten Sie als Künstler mit Galerien zusammen?

Das geht nun alles erst los. Ich bin in diesem Bereich noch nicht sehr professionalisiert. Im Augenblick ist es eher ein Nebenerwerb, wenn auch ein profitabler. Aber es macht mir Freude, in so einen neuen Arbeitsbereich einzutauchen und Erfahrungen zu sammeln. Dazu gehören zum Beispiel die Auswertung meines Archivs oder die Vorbereitungen für Ausstellungen und Bücher. Aber unterm Strich ist der angenehmste Platz für mich hinter der Kamera. 

Braucht man diese Haltung, um zum gefragten Porträtfotografen zu werden?

Sie schadet wohl nicht. Diese Persönlichkeiten nehmen mich als einen Menschen wahr, mit dem sie gerne ihre kostbare Zeit verbringen. Der sie nicht stört in diesen Augenblicken. Außerdem schätzen sie wohl meine Arbeit. Das ist das Gerechte an der Fotografie, sie gefällt oder gefällt eben nicht.

Foto: Daniel Biskup/www.salzundsilber.de

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