Vielsagende Zeugnisse

12. März 2017 - 21:04 | Iacov Grinberg

Daniel Biskup blickt im Schaezlerpalais auf Russland – von Perestroika bis Putin.

Um die modernen Ereignisse zu verstehen, sollte man die Geschichte kennen. Die Ausstellung »Russland – Perestroika bis Putin« kann dabei helfen, die heutige Situation in Russland zu verstehen. Daniel Biskup ist ein wunderbarer Reporter mit exzellentem Gespür für Motive, die als Zeichen für einige tiefreichende Ereignisse dienen können. Ganz so, wie ein Arzt beim ersten Blick auf einen Patient bestimmte Symptome erkennt, die über seine Krankheit Auskunft geben.

Die berühmte Perestroika hat sich ganz gegen den Willen ihrer Initiatoren in eine tiefe Krankheit der Gesellschaft umgewandelt, in eine systemische Desintegration nicht nur in der Volkswirtschaft, sondern auch in der sozialen Struktur, in gesellschaftlichen und politischen Bereichen. Mit ihrem Beginn hat damals das Ableben der Gesellschaft der UdSSR begonnen. Menschen starben noch nicht, aber es starben die gesellschaftliche Normen und die gesellschaftliche Moral. Die Menschen, die einige Waren billig kauften und an andere Menschen teuer verkauften, wurden früher in dieser Gesellschaft verachtet, jetzt waren sie die Herren des Lebens, Verkauf erfolgte mit exorbitanten Margen. Früher schnappten Parteifunktionäre einen Löwenanteil vom gemeinsamen Kuchen, aber dieser Löwenanteil war begrenzt, die Differenz zwischen Armen und Reichen war höchstens fünf- bis sechsfach. Diese Grenze hat die Perestroika faktisch abgeschafft, das Geld, das früher mehr oder weniger ein Maß der Arbeit war, hat diese Funktion (und auch seinen Wert) fast völlig verloren. Die langjährigen Ersparnisse wurden vernichtet, die Bevölkerung wurde verarmt. Sehr schnell hat sich eine neue freche und skrupellose Elite geformt. Die Ausstellung dokumentiert leere Vitrinen, den Straßenverkauf, Bettler und den Schwarzmarkt.

Die gesellschaftliche Orientierung, die sozialen Ideen gingen verloren. Alles, an was die Menschen geglaubt hatten – die Idee des Kommunismus, der Glaube, dass die früheren Generationen nicht umsonst, sondern im Namen von künftigen für eine glänzende Zukunft der Allgemeinheit arbeiteten und litten, wurde ausgelacht und verspottet. Stattdessen kam Leere. Wie ein Ertrinkender, der nach jedem Strohhalm greift, begannen die Menschen, sich an Esoterik und Wahrsager zu wenden, sie haben die Religion (nicht den Glauben!) aus dem Naphthalin geholt. Der dokumentierte Massenverkauf von kirchlichen Kalendern war früher undenkbar. Zwischen diesen Strohhalmen tauchte sowohl die Idee von der Monarchie als auch der Pantheon der alten slawischen Götzen wieder auf. Nur die Tatsache des Sieges im Zweiten Weltkrieg (in Russland »Der große Vaterländische Krieg«) blieb davon fast unberührt.

In den Republiken der Ex-UdSSR zeigte sich öffentlich auch Nationalismus, was die Aufnahmen aus Lemberg (heute Lviv, Ukraine) zeigen. Die erste Welle der Nationalisten bestand natürlicherweise aus Idealisten, die tief schwarzen Nationalisten, die danach zur Macht kamen, erschienen erst später. Dieser Nationalismus, der Kollaborateure mit dem NS-Regime wieder als Helden hochleben ließ, prägte wesentlich die schwierigen Beziehungen Russlands mit den Baltischen Staaten und der Ukraine.

Mit dem Zerfall der gesellschaftlichen Moral wurden auch Polizei und Gerichtsystem mehr und mehr korrupt und ineffektiv. In jeder Gesellschaft existieren zwei Mächte: die Staatsmacht und die kriminelle Macht. Auch in Deutschland heute, bei einer starken Staatsmacht, existiert am Rande der Gesellschaft eine organisierte Kriminalität, verschiedene Szenen und Milieus. Mit dem Zerfall der Staatsmacht in der UdSSR kam diese organisierte Kriminalität ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Sie scheute die Öffentlichkeit, aber sie hinterließ doch sichtbare Spuren wie den Waffenhandel, bei Biskup abgebildet.

Statt den alten Idealen schwebte nun über der Gesellschaft der Aufruf »Bereichert Euch!«, egal mit welchen Methoden. Es erschien der neue Götze Dollar – er war praktisch die einzige stabil gebliebene Größe. An dem Leichnam des Staates, an dem ganzen gemeinsam geschaffenen staatlichen Vermögen feierten nun die Grabwürmer ihr Fressfest – neue Reiche, ökonomische Kriminalität, die noch heute existierenden Oligarchen.

Freilich blühte mit dem Abschaffen aller Begrenzungen auch der Kunstbetrieb in verschiedenen Sektoren und Qualitäten, er orientierte aber an den Geschmäckern der wohlhabenden Abnehmer, wie die zahlreichen Matrjoschka oder extravagante Kleidung zeigen. Als Muster für den vorherrschenden Geschmack dienten die amerikanischen Filme. Es bildete sich eine Gesellschaft der Konsumenten und skrupellosen Räuber.

Als Putin an die Macht kam, hat er allmählich, aber konsequent begonnen, die Staatsmacht und damit eine mehr oder weniger feste Ordnung wieder aufzubauen. Die organisierte Kriminalität wurde, zwar mit drastischen Methoden, aber doch bekämpft. Die Industrie kam in Schwung, mit Knarren, aber doch in Schwung. Er wird bis heute von Teilen der Bevölkerung als persönlicher Garant der Ordnung betrachtet. Die Gesellschaft erinnert sich sehr gut an die Bacchanalien der vorigen Jahrzehnte.

Schauen Sie selbst diese Ausstellung an, was noch bis zum 7. Mai möglich ist. Betrachten Sie diese Aufnahmen, die stummen, aber sehr vielsagenden Zeugnisse der Prozesse der nicht weit zurückliegenden Vergangenheit in Russland, lesen Sie die von Daniel Biskup verfassten Begleittexte. Und versuchen Sie, die heutige Situation in Russland aufgrund des Gesehenen einzuschätzen. Wir sollten Daniel Biskup für seine Arbeit und diese Ausstellung sehr dankbar sein.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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