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Die Herausforderung unserer Zeit

a3kultur-Redaktion

Das Fugger und Welser Erlebnismuseum stellt sich seiner Verantwortung im Kontext kolonialer Vergangenheit. Im Rahmen unserer Reihe »Kolonialzeit.Verantwortung« führte Jürgen Kannler ein Interview mit Wiebke Schreier, Leiterin des Museums im Wieselhaus.

a3kultur: Ihr Haus steckt mitten in einem Prozess, den die meisten anderen Museen noch vor sich haben. Es geht zum einen um den Gebrauch von Begriffen und Bildern im Ausstellungskontext oder eben auch ihren Nicht-mehr-Gebrauch. Es geht aber auch um die stärkere Einbeziehung von Positionen nicht ausgewiesener Museumsexpert*innen, wie den Aktivist*innen der Gruppe Open Afro Aux, in Ihre Arbeit. Was hat dieser Prozess in Ihnen ausgelöst?

Schreier:
Sprache und Deutung von Sachverhalten oder geschichtlichen Ereignissen sind einem permanenten Wandel unterlegen. Dies ist ja nicht neu oder ein Phänomen unserer Zeit.

Gerade befinden wir uns gesellschaftlich in einem sehr offenen Zeitfenster, und dies hält Potenzial für Wandel bereit. Vielleicht kann man sagen, dass es ein Wagnis ist, sich auf neue Wege einzulassen. Die Bereitschaft, diese zu gehen, neue Anstöße wahrzunehmen, ihre Bedeutung neugierig kennen zu lernen, sich auf den Weg zu machen, begleitet von einer gesunden Fehlerkultur – das ist ein Anfang. Der Austausch mit Open Afro Aux hat uns die Tiefe dieses Problems gezeigt, auch wenn sich dies nicht auf allen Ebenen lösen lässt. Der Austausch darüber ist entscheidend, und dazu dann der Lösungsversuch, unterschiedlichen Stimmen, Aspekten und Anliegen Gehör und Sichtbarkeit zu verschaffen. In unserem Fall haben wir hierzu eine Podcast-Reihe entwickelt, die zunächst die Zuhörenden auf unseren Weg mitnimmt und dann unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lässt.

Eurozentristische Sichtweisen müssen aufgebrochen werden

Sie behandeln Themen, die eigentlich gesamtgesellschaftlich angegangen werden sollten. Welche Chancen sehen Sie für Ihr Haus bei diesem Problem?

Die eurozentristischen Sichtweisen, die sich lange in das Selbstverständnis der Menschen europäischer Länder tief eingegraben haben und oft gar nicht auf den ersten Blick sichtbar scheinen, müssen aufgebrochen und um multiperspektivische Blicke erweitert werden. Jede Aktion, jede Handlung hat eine Wirkung – sehr oft mit globalen Folgen. Dies funktioniert auf gesunde, gerechte Art nur mit Achtsamkeit in Bezug auf alle Beteiligten – und oftmals wird dabei nicht berücksichtigt, wie viele in einen Prozess eingebunden sind.

Die große Chance dabei, verschiedenste Perspektiven einzubeziehen, ist die erweiterte Sicht auf die Dinge, der Gewinn neuer Perspektiven. Dies erreicht man durch den Dialog, der zwangsläufig Denkprozesse anregt. Dies klappt natürlich dann am besten, wenn ich mich persönlich angesprochen fühle und aktiv zuhöre.

Hier gibt es bei uns im Fugger und Welser Erlebnismuseum, das einen Auszug aus der Augsburger Stadtgeschichte im frühen 16. Jahrhundert vermittelt, vergleichbare Themen, die sich in unsere Zeit »übersetzen« lassen – nehmen wir als Beispiel nur den Buchdruck und den digitalen Wandel.

Sie arbeiten in diesem Prozess mit diversen Gruppen aus Wissenschaft, Politik, Engagierten und Aktivist*innen-Gruppen zusammen. Jede Gruppe hat Methoden, vielleicht auch Erwartungen. Diese müssen nicht immer deckungsgleich sein. Wie gehen Sie damit um?

Zunächst sind wir sehr dankbar für all die Kontakte, die wir in den vergangenen Jahren, auch während der Pandemie, neu aufgebaut haben und die uns bei dem gesamten Prozess immer wieder begleiten. Durch die neuen digitalen Formate wie Zoom war dies auch globaler möglich als bisher – ein beeindruckender Austausch.

Dabei haben wir einen Schatz von Möglichkeiten gehoben. Wir versuchen – immer im Rahmen unserer finanziellen und personellen Möglichkeiten –, Neues einzubinden und je nach Erwartung gemeinsam auszuhandeln, wie oder ob es sinnvoll zu unserem Angebot passt und in welchem Format es eingebunden werden kann, ob langfristig oder punktuell (da es der Veränderung unterliegt). Und wir freuen uns über alle, die sich daran beteiligen möchten.

Museen besitzen nicht die alleinige Deutungshoheit

Museen wie das Ihre haben auch den Auftrag der Vermittlung von Wissen. Wie geht man damit um, wenn anzunehmen ist, dass unser Wissen oder unsere Positionen von heute nicht unbedingt denen von morgen entsprechen müssen?

Mit Blick auf die Vergangenheit ist das sehr gut nachzuempfinden, dass eine Zeit immer »ihre« eigene Geschichte schreibt. Gegebenenfalls sprechen wir das auch an, dass wir als Museum nicht die alleinige Deutungshoheit besitzen, dass es immer mehrere Sichtweisen auf ein Thema gibt. Die Besucher*innen – egal welchen Alters oder woher es sie zu uns führt – sind aufgefordert, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Wir freuen uns sehr über Rückmeldungen wie: »So habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht …« Denn dies stößt neue Gedanken an, inspiriert, sich mit Themen reflektierend auseinanderzusetzen und gegebenenfalls für sich neu zu bewerten.

Da findet ein gewaltiger Paradigmenwechsel statt.

Auch dieser ist die Herausforderung unserer heutigen Zeit. Je mehr Menschen – insbesondere auch eingebunden in Bildungsprozesse – diesen Weg (auch als Lernende) mitgehen, desto größer ist die damit angestoßene Kraft. So gestalten wir unsere Welt (auch im ganz Kleinen). Als Gesellschaft sind wir gefragt, in welche Richtung dies gehen soll. Achtsamkeit ist sicher ein bedeutsames Schwungrad in dieser Verantwortung.

Welche Unterstützung bekommt Ihr Haus in diesem laufenden Prozess?

Im Austausch innerhalb der einzelnen Netzwerke, aber auch mit Einzelpersonen steckt unglaublich viel Energie. Diese möchten wir aufrechterhalten und auch vernetzte, gemeinsame Aktionen weiterhin umsetzen. Ebenso sind Förderprojekte, die die Programmarbeit unterstützen, in den jetzigen Zeiten sehr wertvoll. So haben wir im vergangenen Jahr mit der Bundesförderung »Neustart Kultur« ein riesiges Vermittlungsangebot entwickeln und umsetzen können. Auch die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern unterstützt uns.

Welche Art der Unterstützung würden Sie sich darüber hinaus wünschen?

Weitere Möglichmacher, die sich finanziell oder auch persönlich engagieren … Das können ebenso »Paten« sein, die für Schulklassen einen Workshop mit interkultureller Trainerin finanzieren, wie auch Lehrkräfte, die diesen in ihren oftmals gedrängten zeitlichen Vorgaben des Lehrplans einbinden und ermöglichen. Städtische Programme oder auch Engagierte, denen dieser Weg wichtig ist, und ebenso »Botschafter« multiperspektivischer Arbeit. Wir sind ganz offen und freuen uns über jede Idee und jeden, der diese Offenheit gegenüber der Veränderung von alten Strukturen und Multiperspektive mit uns mitgeht.

www.fugger-und-welser-museum.de

 

Der zweite Teil unserer Reihe »Kolonialzeit.Verantwortung«, ein Gastbeitrag von Martin Kluger mit dem Titel »Schattenseiten des goldenen Augsburgs«, finden Sie hier:  https://a3kultur.de/positionen/schattenseiten-des-goldenen-augsburgs&nb…;

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Wiebke Schreier
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Wiebke Schreier M.A. studierte an der Universität Augsburg Deutsch und Französisch. Ihr Studium schloss sie mit einem Magister in französischer Literaturwissenschaft an der Université IV Sorbonne in Paris ab. Seit Beginn der Planungen für das Fugger und Welser Erlebnismuseums ist sie Teil des Teams der Regio Augsburg Tourismus GmbH. Schreier entwickelte das museumspädagogische Konzept und übernahm 2015 die Leitung des Museums.

Foto: Martin Kluger/context verlag Augsburg | Nürnberg

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