Politik & Gesellschaft

Schattenseiten des goldenen Augsburgs

Die Fugger, die Welser und der transatlantische Dreieckshandel: wie ein Museum ein tradiertes Geschichtsbild korrigiert. Teil 2 unserer Reihe »Kolonialzeit.Verantwortung« ist ein Gastbeitrag von Martin Kluger.

Wie »golden« war es, das »goldene Augsburg der Renaissance«? Die Zeit zwischen dem späten 15. Jahrhundert und dem Dreißigjährigen Krieg wird im Fugger und Welser Erlebnismuseum in Augsburg beleuchtet. Es geht dabei um die Geschichte der großen Augsburger Handelshäuser, vorneweg die der Fugger und Welser. Beide nutzten die Expansion der europäischen Seemächte und spannten dadurch ein fast globales Handelsnetz. Die Welser versuchten, die spanische Kolonie Venezuela zu besiedeln. Die Fugger verzichteten auf solche wirtschaftliche Risiken. Sie beherrschten den Kupfermarkt Europas und machten aus diesem Grund glänzende Geschäfte mit der Krone Portugals. »Stadt der Fugger und Welser« nannte sich Augsburg gern angesichts der durchaus imposanten Erfolgsstory. Doch weit mehr als früher nimmt man heute die Schattenseiten des Erfolgs wahr: Beide – die Welser ganz direkt bei der Finanzierung ihrer Kolonie, die Fugger durch ihre Metalllieferungen an Portugal – waren in den transatlantischen Sklavenhandel verstrickt: Manillen aus Kupfer, Bronze oder Messing sowie weitere Produkte aus dem Montankonzern der reichen Fugger waren der gefragte Gegenwert beim Kauf versklavter Menschen an der Küste Westafrikas. Zigtausende wurden in wenigen Jahren durch portugiesische Sklavenhändler in die beiden Amerika verschleppt. Den hohen Stellenwert der Metalle belegen seit 2014 (vermutlich zu kultischen Zwecken verwendete) Ringe aus Kupfer und Bronze an einer Wand im Fugger und Welser Erlebnismuseum. Stärker noch als 2014 widmet sich dieses Museum jetzt der kritischen Darstellung des Kolonialismus der europäischen Seemächte – und zeigt dabei auch die Perspektive indigener Völker. Ein tradiertes Geschichtsbild wird kritisch hinterfragt. Renommierte Wissenschaftler arbeiten daran mit.

Noch ehe das Museum 2014 eröffnet wurde, geriet sein Konzept in die Kritik

Die Geschichte des »goldenen Augsburg der Renaissance« und damit auch die der Augsburger Handelsgesellschaften der Frühen Neuzeit, die Anfänge der Globalisierung und die weltumspannenden Handelswege von Fuggern, Welsern und Co. sind die Themen im Fugger und Welser Erlebnismuseum. Noch ehe das Museum 2014 eröffnet wurde, geriet sein Konzept in die Kritik: Dass dort Zwangsarbeit, Frauen- und Kinderarbeit – etwa auch in den Bergwerken der Fugger – thematisiert wurden und blutige Eroberungszüge sowie die Sklavenjagden der Welsergesellschaft in Venezuela und ihre Rolle im Sklavenhandel mit Afrika, ging manchem zu weit. »Großer Streit um ein kleines Haus«, titelte seinerzeit die AZ.

»Missverständliche Museums­inhalte werden wir in Zukunft einfach besser erklären müssen«

2020 geriet das Museum neuerlich in die Kritik – nun jedoch, weil es angeblich ein geschöntes und zu eurozentriertes Geschichtsbild vermittele. Die kritischen Anmerkungen eines Rassismusforschers nach einem Rundgang durch das Fugger und Welser Erlebnismuseum wurden dort als konstruktive Kritik gesehen. »Missverständliche Museumsinhalte werden wir in Zukunft einfach besser erklären müssen, das eine oder andere werden wir neu installieren«, erklärte Götz Beck, Tourismusdirektor der Regio Augsburg Tourismus GmbH, der das Museum maßgeblich initiiert hatte und den Museumsbetrieb verantwortet. Das Museum analysierte bereits 2014 den Zusammenhang zwischen Montanwirtschaft, Kolonisierung und Menschenhandel. Doch das Haus setzt sich nun zum Ziel, die Rolle der Fugger und Welser in der Frühzeit der Globalisierung noch deutlicher herauszuarbeiten – und damit durchaus auch die Schattenseiten des »goldenen« Augsburg.

In Folge einer wachsenden Black-Lives-Matter-Bewegung ist die Zeit im Fugger und Welser Erlebnismuseum längst reif geworden für den differenzierteren Umgang mit Europas – und damit auch Augsburgs – kolonialer Vergangenheit sowie mit dem Rassismus, dessen Wurzel nicht zuletzt die Sklaverei in den beiden Amerika war. Bei Führungen und Vorträgen im Museum war die Rassismusdebatte samt kritischerem Blick auf die Geschichte der »Entdeckungen« sowie der meist gewaltsamen Erschließung von Handelsrouten im Verlauf der europäischen Expansion bereits ein Thema. Dabei geriet die Rolle der Augsburger Handelsgesellschaften bei der Verschleppung zigtausender Afrikaner in die »Neue Welt« immer mehr ins Blickfeld. Das Museum tauschte sich unter anderem mit der Jugendgruppe Augsburg von Amnesty International und mit der Gruppe »Augsburg Postkolonial« aus, so Museumsleiterin Wiebke Schreier. Intensiv beteiligte sich das Haus im Jahr 2021 mit einem vielseitigen Programm an den Augsburger »Afrikanischen Wochen«. Podcasts für die Homepage des Museums wurden entwickelt, kritische Themen in den Texten der Ausstellung vertieft. Der Dialog mit Open Afro Aux, einer Initiative schwarzer Menschen in Augsburg, wurde genauso gesucht wie das Gespräch mit Einzelpersonen.

Schon früh begann der Austausch des Fugger und Welser Erlebnismuseums mit der Universität Augs­burg. Dort bat man Dr. Ina Hagen-Jeske, Philipp Bernhard und Claas Henschel um fachliche Unterstützung. Die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern riet dazu, sich auch an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler außerhalb Augsburgs zu wenden, etwa an den Universitäten in Würzburg, Hamburg und Bayreuth. Das Ziel war dabei, die Vielfalt der Perspektiven auf die historischen Ereignisse zu gewährleisten – und damit auch die Sichtweise der Opfer von Kolonialismus und Sklaverei sowie der heute von Rassismus betroffenen Menschen miteinzubeziehen.

Die Bearbeitung der Museumsinhalte und die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe Augsburgs sind ein langer Prozess. Trotz aller Behinderungen durch die Coronapandemie wurde 2021 ein erster – und für die Museumsbesucher sichtbarer – Schritt umgesetzt. In dem Museumsraum, der den am Ende scheiternden Kolonisierungsversuch der Welser in Venezuela und Teilen Kolumbiens behandelt, wurde eine kolorierte Zeichnung ersetzt: Zuvor sah man dort eine Darstellung aus dem 16. Jahrhundert, die ein Zusammentreffen mit Indigenen aus europäischer Sicht abbildete. Heute entdeckt man hier stattdessen Motive der Felsmalereien von La Lindosa, einer Felsformation im Süden von Kolumbien (Foto). Als sie 2017 entdeckt wurden, waren diese Malereien eine Sensation, denn sie zeigten zum ersten Mal die indigene Sicht auf die Ankunft der Europäer. Ermöglicht wurde die Darstellung im Augsburger Museum durch Dr. Fernando Urbina Rangel von der Universidád Nacional in Bogotá sowie durch den Historiker Dr. Jörg Denzer. Denzer hatte bereits 2004 mit seiner Dissertation zur Konquis­ta der Welser in den Jahren von 1528 bis 1556 ein grundlegendes Werk verfasst.

Ihre Zuckerrohrplantagen ließen die Welser mit versklavten Menschen bewirtschaften

Was aber sind Schattenseiten des »goldenen Augsburg«, die es im Museum noch stärker herauszuarbeiten gilt? Sichtbar wird das »Feilen« am tradierten Geschichtsbild im Museumsraum, der sich mit der Kolonisierung Venezuelas durch die Welser auseinandersetzt, nicht nur durch die Felsmalereien. Denn hier geht es auch um die Finanzierung der Unternehmung durch den Handel mit versklavten Afrikanern, um die Versklavung von Indianern und blutige Kämpfe bei Expeditionen auf der Suche nach dem Goldland: Die Legende vom »Eldorado« stachelte die Gier der skrupellosen Konquistadoren an. Die Konquista der Welser war der weiteste Eroberungszug im spanischen Amerika. Dort wie auf Madeira ließen die Welser Zuckerrohrplantagen mit versklavten Menschen bewirtschaften.

An diesem Komplex arbeiten Dr. Fernando Urbina Rangel, Dr. Jörg Denzer, Prof. Dr. Mark Häberlein (Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Bamberg) und Beatriz Junqueira Lage Carbone (Universität Augsburg) mit. Eine neue Informationstafel im »Bergwerk« im Gewölbekeller des Museums widmet sich dem Sklavenhandel, dem »Verbrechen des Jahrtausends« (so »Der Spiegel«). Indirekt waren darin auch die Fugger verstrickt: Denn jene Mengen an Kupfer sowie der Legierungen Bronze und Messing, die Portugals Schiffe beim Kauf von Gewürzen nach Ostindien und beim Sklavenhandel nach Westafrika transportierten, konnte allein ihr Montankonzern liefern. Diese Thematik wird von Prof. Dr. Mark Häberlein, Dr. Heike Raphael-Hernandez (Lehrstuhl für Amerikanistik in Würzburg) und meiner Person, bearbeitet.

Auch wenn der Sklavenhandel heute als Verbrechen gesehen wird: Sich Jahrhunderte später über die Profiteure des Handels mit Menschen zu entrüsten, wäre eine allzu billige Denkhaltung. Die ethischen, moralischen und rechtlichen Bedingungen dieser Zeit waren andere als heute. Jahrhundertelang war Sklavenhandel »ein Geschäft wie jedes andere«, urteilte der renommierte Wissenschaftler Albert Wirz. Niemand steht es also zu, sich den damaligen Protagonisten moralisch überlegen zu fühlen. Und klar ist auch: Die Sklaverei war kein Verbrechen, das von der Hautfarbe der Täter und der Opfer abhing. In Afrika waren es Afrikaner, die Afrikaner als Sklaven hielten oder an Sklavenhändler verkauften. Übrigens: Auch Christen und »weiße« Europäer wurden oft genug zu Opfern der Sklaverei – und sogar zum Eigentum christlicher »weißer« Sklavenhalter. Im erzkatholischen Kurfürstentum Bayern wurden noch Mitte des 18. Jahrhunderts Delinquenten nach Venedig und Genua getrieben und dort als Galeerensklaven verkauft.
 
Verabscheuungswürdig ist: Sklaverei existiert in modernen Formen bis heute, obwohl sie – in manchen Staaten erst spät im 20. Jahrhundert – offiziell weltweit geächtet ist. 2014 lebten laut Global Slavery Index 35,8 Millionen Menschen unter sklavereiähnlichen Bedingungen. Vor allem in Ländern wie in Saudi-Arabien, im Sudan und im Jemen, in Indien, China, Pakistan und Russland ist die Sklaverei nie verschwunden. In Mauretanien gibt es noch heute eine Sklavenkaste. In Nordafrika werden Migranten aus »Schwarzafrika« abgefangen, um sie als Arbeitssklaven zu versteigern. Hilfsorganisationen haben seit 1995 rund 20.000 »Schwarzafrikaner« aus muslimischer Sklaverei freigekauft. Kritisiert werden immer wieder die Arbeits- und Lebensbedingungen ausländischer Arbeiter in Dubai. Der Deutsche Gewerkschaftsbund meldete 2015: »1,8 Millionen ›moderne Sklaven‹ bauen die WM-Stadien in Katar«, obwohl ein gewisser Franz B. zum Besten gab: »Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen.« Sklavereiähnliche Bedingungen gibt es aber auch in Deutschland. 2020 hat das Bundes-kriminalamt 465 Verfahren wegen Menschenhandels abgeschlossen. Das waren 22,7 Prozent mehr als 2019. Verfolgt wurden Zwangsprostitution, die sexuelle Ausbeutung von Kindern und das kriminelle Ausnutzen von Arbeitskräften. Die Opfer werden immer jünger. Auch Alltagsprodukte, die viele von uns hier möglichst billig konsumieren wollen – zum Beispiel Kleidung oder Kaffee –, stellen Menschen in anderen Teilen der Welt unter unmenschlichen Bedingungen her. Das ist die Schande, die heute unsere Entrüstung verdient.

 

Den ersten Teil unserer Reihe »Kolonialzeit.Verantwortung«, ein Interview mit Wiebke Schreier (Leiterin des Fugger und Welsererlebnismuseum), finden Sie hier: https://a3kultur.de/positionen/herausforderung-unserer-zeit

Bild
H2-Text
Martin Kluger
Textbereich

Der Autor des Gastbeitrags ist Leiter des »context verlag Augsburg | Nürnberg« und Mitinhaber zweier Werbeagenturen. Zudem ist er Verfasser mehrerer Publikationen zu den Fuggern und deren Montankonzern.

www.context-mv.de

Das könnte Sie auch interessieren

Malte Günther
Literatur, Politik & Gesellschaft

Lesen.Hören.Begegnen

Unter diesem Motto finden vom Montag, 5. bis Donnerstag, 29. Oktober zum wiederholten Mal die Deutsch-Israelischen Literaturtage Augsburg statt.
Malte Günther
Bildung, Politik & Gesellschaft

Lange Nacht der Demokratie

Wie gelingt gesellschaftlicher Zusammenhalt in einer Zeit großer Veränderungen? Welche Rolle spielen dabei Dialog, Beteiligung und gegenseitiges Verständnis?
Mira Emke
Politik & Gesellschaft, Workshop

»Mit vereinten Kräften«

Am 20. September wird in ganz Deutschland der Weltkindertag gefeiert.