Ausstellungen & Kunstprojekte
Literatur

Bert, der Perser, Donald, die Drecksau

Mit den Künstlerinnen Zoe Beloff (Foto) und Emine Sevgi Özdamar sowie dem Duo Meyer/Teschke werden erstmals bildnerische Auseinandersetzungen im Rahmen des Brechtfestivals im Staatlichen Textil- und Industriemuseum (tim) gezeigt. Bereichert die Kunst das Literaturfestival? Und wird sie dem Geehrten gerecht?

Auf dem Triumphwagen sitzt ein Schwein mit Fönfrisur, daneben stöckelt ein weiteres im Ballkleid durch Blutlachen. Das Washington Capitol im Hintergrund lässt erahnen, welch prominentes Paar da als Schmähung dargestellt sein soll.

Der Wagen wird gezogen von zwei Hunden, beide mit menschlichen Physiognomien. Die eine ähnelt sehr stark der von Steve Bannon, seines Zeichens ehemaliger Trump-Chefstratege und »Breitbart News«-Betreiber. Die Figur dahinter ist – nur noch als Geist präsent – der mehr als umstrittene Anwalt Roy Cohn, der in der McCarthy-Ära in den USA der 1950er Jahre zu Macht und Geltung kam und später sowohl Donald Trump als auch die Mafia zu seiner Klientel zählte. Vornweg stellen sich ein vermummtes Ku-Klux-Klan-Mitglied sowie der als strammer Neonazi abgebildete Alt-Right-Gründer Richard Spencer in den Dienst des geifernden Borstentiers, das die Zügel führt.

Dies sind nur die ersten von 40 Metern herausgebrüllter Wut, die die zierliche, 1958 im schottischen Edinburgh geborene Zoe Beloff auf ebenfalls vierzig bemalten Pappkartons entlang der gesamten Längsseite des Saals im Textilmuseum unter dem Titel »Parade of the Old New« aneinanderreiht; eine schreiend bunte, wenig subtile Abrechnung mit dem erstarkenden Faschismus in den USA unter Trump, mit dessen Einwanderungspolitik, mit Polizeigewalt, Corona und Armut. Augsburg ist übrigens weltweit erst die zweite Station des Werks. Zuvor wurde es in Paris gezeigt. In den Staaten selbst war es noch nie zu sehen.

Bertolt Brecht hätte das mit Sicherheit gefallen. Hier wird nicht um den heißen Brei herumgeredet, mit der Botschaft nicht hinterm Berg gehalten. Wie in einem seiner eigenen Lehrstücke oder einem Filmessay reiht sich narrativ Szene an Szene, inspiriert von Pressemeldungen, aber auch eigenen Beobachtungen der Künstlerin und Filmemacherin von Demonstrationen in den Staaten bis zum Jahr 2018, dem Jahr der Fertigstellung des Monumentalwerks.

Codiert ist hier nur wenig: Menschen mit Froschköpfen sollen die Alt-Right-Bewegung symbolisieren, Polizei und Grenzer werden als Deutsche Schäferhunde oder Bullterrier dargestellt (man darf sich gerne an Brechts Tiersymbolik in der Figur des Dogsborough im »Arturo Ui« erinnert fühlen), die ehemalige Ministerin für Innere Sicherheit unter Trump, Kirstjen Nielsen, wird zur blutberauschten Vampirin. Dazwischen immer wieder eingeschüchterte, macht- und namenlose Migranten, wie auch Brecht einer war, als er 1941 auf der Flucht vor den Nazis amerikanischen Boden betrat.

Beloff hat ihm auch drei ihrer Filme gewidmet, die ebenfalls im Rahmen des Festivals im tim gezeigt wurden. Erwähnt sei hier vor allem »Exile« (2017), in dem sie Brecht als iranischen Einwanderer mit dickem Schnurrbart in New York mit einem afroamerikanischen Walter Benjamin zusammenkommen lässt und die beiden auf ein durchaus nicht humorbefreites urbanes Roadmovie schickt, das mal an Samuel Beckett, mal an Laurel & Hardy, Jim Jarmusch oder Michael Moore erinnert. Die Themen sind dieselben: Antifaschismus, Klassengesellschaft und das eigene Entwurzeltsein in der Fremde.

Gegen so viel Botschaft und Ausdruckswillen tun sich die anderen Werke der Ausstellung im tim schwer, auch auf Grund der gegensätzlichen Formate.

Zum Beispiel die Lichtskulptur »Fatzer«, die durch gezielten Ausfall einzelner Neonröhren zum Vulgärausdruck für das weibliche Geschlecht verknappt wird und einst als Bühnenbild des scheidenden Festivalkurators Jürgen Kuttner für eine Inszenierung des Fragments von Bertolt Brecht in Berlin diente: Sie steht in der Nachbarschaft der Beloffschen Kühnheit etwas verloren als Wohndesign-Element mit ausgedienter Schockwirkung herum.

Auch die surrealen Papier- und Fotocollagen der türkischstämmigen Berlinerin Emine Sevgi Özdamar sind ideenreich, humorvoll, zuweilen auch frivol und rebellisch wie Beloffs Papp-Mural, aber eben auch kleinformatig und nicht allzu gut für große Industriehallen geeignet. In diese intimen, verschlüsselten Welten einzutauchen, würde in der lauschigen Abgeschiedenheit eines Kabinetts besser gelingen.

Die Künstlerin selbst nutzt indes die Gelegenheit nicht, im Rahmen ihrer sonntäglichen Lesung zur Eröffnung Handreichungen zur Dechiffrierung ihrer Bildwelten zu geben. Lieber erzählt sie Anekdoten aus ihrem – gewiss interessanten und zuweilen bizarren – Leben als türkische Immigrantin, der im Berlin der 1970er Jahre niemand ein Leben jenseits des Putzfrauenstereotyps zutraute.

Das ist durchaus amüsant, hilft aber bei der Einordnung ihres bildnerischen Schaffens, das in der Türkei zur Zeit des Militärputschs 1971 ebenso stattfand wie später in der Mauerstadt, nicht weiter. Und so bleibt hier vieles rätselhaft und auch die Brecht-Komponente auf Schnipsel aus BB-Texten beschränkt.

Wenige Schritte weiter: Die ungleich besonnnere Serie »Bertolt Brechts Papierkrieg. Exil in Amerika (1941-1947)« von Plakatkünstler Grischa Meyer und Dramaturg Holger Teschke fügt zwar technisch sauber, aber eben wesentlich zahmer als bei Beloff Meldungen aus US-Zeitungen mit Notizen Brechts zusammen. Das ist mehr Dokumentation als Kunst, würdigt die Worte, aber kann ihnen wenig sinnlich Erfahrbares hinzufügen.

Die Sektion des Schüler*innenprojekts »Post von Papa« kommt im Nachgang zu Beloffs Szenario fast erschreckend erwachsen daher, ernsthaft und diszipliniert. Auch sie sehr textbasiert (bis auf eine sehr schöne Schülerzeichnung von Edvard Munchs »Der Schrei«), auch hier vermisst man etwas die Unbändigkeit der beiden Damen, die die Großmütter jener jungen Kreativen sein könnten. Zudem hätte man bei so viel Fleiß erwarten können, dass die Ergebnisse, z. B. von Schülerinnen des Maria-Theresia-Gymnasiums oder der Frère-Roger-Schule Augsburg nicht ganz so ökonomisch neben ihren erwachensen Kreativkolleg*innen präsentiert würden – sind wir doch aus Brechts Sicht alle gleichermaßen die Nachgeborenen.

An dieser Stelle ist zu sagen, dass das Textilmuseum lediglich als beherbergende Spielstätte (hier befindet sich auch die Festivalzentrale mit Sitzgruppen und Getränkeausschank) fungiert, nicht aber kuratierend auf die Ausstellung Einfluss genommen hat.

Unterm Strich eine additive Werkschau ganz unterschiedlicher Herkunft mit ihrem sehr präsenten »Star« Zoe Beloff vorneweg, die die unterschiedlichen möglichen Sichtweisen auf Brecht und dessen Nachwirkungen heute im In- und Ausland aufzeigt. Es ist lobenswert, dass das tim sich in diesem Experiment als Gastgeber für die Werke zur Verfügung gestellt hat. Aber ihren Raum innerhalb des Festivalgeschehens muss die Kunst noch finden. Vielleicht können aus dieser Keimzelle in den künftigen Jahrgängen zarte Triebe auch in Richtung andere Spielstätten austreiben.

Die Gemeinschaftsausstellung ist für die Dauer des Brechtfestivals noch bis zum 27. Februar im Obergeschoss des tim zu sehen.

www.brechtfestival.de/zoe-beloff-new-york-usa-parade-of-the-old-new/

www.timbayern.de/veranstaltungen/

 

 

 

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