Ein kleines Mädchen wird gerettet
Im Brechthaus sprach Dr. Michael Friedrichs über die Rettung von Helene Weigels und Bertolt Brechts Tochter Barbara.
Michael Friedrichs berichtete lebendig und nicht ohne Humor über seine Forschungen zur Rettung der zweijährigen Barbara, später Barbara Brecht-Schall, vor den Nazis.
Vom Reichstagsbrand am 27.2.1933 wurden Brecht und Weigel überrascht. Die abrupte Flucht folgte am 28. Februar 1933. Sohn Stefan konnte über Prag nach Wien gelangen, der Geburtsstadt von Helene Weigel. Barbara aber hatte keine Papiere. Brechts Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann hatte Barbara zuvor schon zu ihrem Opa, Brechts Vater in Augsburg, gebracht. Er war Direktor der Papierfabrik Haindl. Barbara wurde dann von Brechts Haushälterin zu deren Eltern in Großaitingen gebracht.
Der Augsburger Antiquar Hartmut Schreyer machte Michael Friedrichs auf ein Tondokument aufmerksam, welches die weiteren Ereignisse schildert. Es spricht Irene Grant, eine englische Quäkerin. Am 31. März 1933 hatten die Brechts erfahren, dass die Nazis nach Barbara suchten, um sie gegen die Rückkehr ihrer Familie nach Deutschland als Geisel zu halten. Irene wollte sich in Augsburg in einem guten Hotel in Augsburg anmelden, aber am selben Tag an- und abreisen: am 1. April, dem Tag der ersten großen antijüdischen Hitler-Demonstration in Deutschland.
Irene Grant ging zu Brechts Adresse, in Vater Brechts Büro. Sein Rat: Sie soll mit dem Zug zum Bahnhof Großaitingen fahren, dort werde eine ältere Frau mit einem Kind stehen. Am Bahnhof stand die alte weinende Pflegerin mit dem lockigen, lebhaften, strahlenden kleinen Mädchen. Barbara stieg ein, die weinende Frau blieb zurück.
In einem Abteil saßen zwei Frauen mit ihren Einkaufskörben, in bayerischer Tracht. Sie unterhielten sich flüsternd. An der letzten deutschen Station bestieg die Passkontrolle den Zug. Die beiden Frauen verstellten dem Kontrolleur zunächst den Zugang. Im Hinausgehen tätschelte eine der Frauen den Kopf von Barbara: »So ein süßes Kind. Und eine solche Ähnlichkeit mit der Mutter habe ich noch nie gesehen.« Der Beamte las den Pass: »Britischer Pass?« »Ja.« »Und Ihr Kind?« »Jawohl.« »In Ordnung.« Sie gingen über die Grenze, Bertolt Brecht und Helene Weigel warteten am Bahnhof Bregenz auf sie.
Irene Grant: »Die beiden deutschen Frauen hatten wohl nicht nur für Barbara, sondern auch für ihre Eltern eine Zukunft ermöglicht. Und sie hatten meinen Glauben an die Menschheit wieder hergestellt.«
Foto: Jan-Pieter Fuhr
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