Choreoloop bringt internationales Ensemble nach Augsburg
Zeitgenössischer Tanz trotzt der Unsicherheit. Ein Gastbeitrag von Korbinian Grabmeier
Februar 2021: Corona-Lockdown in Deutschland. Die Theater sind geschlossen, Kompagnien verhängen Einstellungsstopps, freie Projekte werden abgesagt. Choreoloop, die Augsburger Plattform für zeitgenössischen Tanz, wagt etwas. Um endlich wieder künstlerisch zu arbeiten, um Tänzerinnen und Tänzern einen paid job zu verschaffen, auch um ein Zeichen zu setzen. Das Team um Choreographin Diana Wöhrl und Kulturmanagerin Johanna Drüszler hatte Fördergelder eingeworben, Einreisequarantäne und Coronatests organisiert und bringt nun für dreieinhalb Wochen ein Ensemble zum gemeinsamen Proben zusammen. Streng abgeschottet in einem Seminarhaus im Bayerischen Wald trotzt Choreoloop der Pandemie.
Ein Jahr später, Februar 2022: Die pandemische Lage entspannt sich langsam, sieben Tänzerinnen und Tänzer aus sechs Nationen haben sich auf Einladung von Choreoloop für vier Wochen in Augsburg versammelt. Das Projektensemble, das in diesem Jahr mit Dergin »Stix« Tokmak (Cirque du Soleil) und Anna Zesakes (Kunstförderpreis 2017) auch zwei Augsburger umfasst, erarbeitet unter Leitung von Diana Wöhrl ein neues Stück, unter immerhin etwas normalisierten Bedingungen.
Ungewissheiten bleiben aber, die größte: Bleibt das Kollektiv von Quarantänefällen verschont? Um sich von der Unsicherheit nicht lähmen zu lassen, wird diese künstlerisch verarbeitet, sie wird zum Sujet des Stückes. Unsicherheit als human condition. Titel der Performance: »Nimm Platz!«
Eine Aufforderung, die Wöhrl als Appell zur Selbstermächtigung versteht: »Wer sich nicht sicher fühlt, ist gehemmt und wird dadurch oft zurückgehalten, auch aus der öffentlichen Debatte. Noch immer wird etwa zu wenig darüber gesprochen, dass viele Frauen sich nachts auf dem Nachhauseweg nicht sicher fühlen. Verunsichert werden wir Menschen auch durch gesellschaftliche Ideale, traditionelle, aber ebenso moderne, wie übersteigerte Schönheitsvorstellungen in den sozialen Medien. Wir fragen uns ›Bin ich richtig, so wie ich bin?‹ und fühlen uns dabei oft allein. Dabei geht es doch vielen anderen genau wie uns! Indem wir den Platz nehmen, der uns zusteht, indem wir uns verletzlich zeigen und zugleich gegenüber anderen empathisch, können wir unsere Unsicherheiten bewältigen und über uns hinauswachsen.«
Wöhrl freut sich daher, dass sich Choreoloop dieses Jahr nicht mehr abschotten muss, sondern wieder in Interaktion treten kann. Teil des Projekts sind zwei Workshops, in denen das Ensemble Schülerinnen und Schüler des Förderzentrums Hören begegnet. Choreoloop wird dabei von der Theatervermittlung des Staatstheaters Augsburg unterstützt.
Und noch eine Sache hat sich für das Choreoloop-Ensemble im Vergleich zum vergangenen Jahr geändert, eine ganze entscheidende. Produziert wird dieses Mal nicht fürs Repertoire, sondern wieder für ein Publikum. »Nimm Platz!« feiert am Dienstag, 15. März um 19:30 Uhr in der Brechtbühne im Gaswerk Premiere, in Kooperation mit dem Staatstheater Augsburg (»Plan A«). Eine weitere Vorstellung an Ort und Stelle findet am Mittwoch, 16. März um 19:30 Uhr statt.
www.choreoloop.com
Foto: J. Drüszler
Der Autor ist 2. Vorsitzender von Choreoloop – Plattform für zeitgenössischen Tanz e.V.
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