Politik & Gesellschaft

»Es tut mir leid, dass ich hier bin«

Gastautor

Nach der Kundgebung gegen Putins Krieg und für Frieden in der Ukraine am 4. März fand im Rathaus ein »Denkraum« statt, veranstaltet vom Friedensbüro der Stadt.

OB Eva Weber sprach von »schlimmen Zeiten«, wies auf die »unglaubliche Hilfsbereitschaft« der Bürgerinnen und Bürger hin und betonte, dass beispielsweise der Security-Service seine Dienste an diesem Abend kostenlos zur Verfügung stellte.

Moderator Prof. Christoph Weller vom Lehrstuhl für Friedens- und Konfliktforschung der Uni Augsburg warnte, dass Konflikte die Gefahr bergen, die Welt nur Schwarz-Weiß wahrzunehmen. Das führe leicht zu Fehlwahrnehmungen, Feindbildern, Polarisierung und Eskalation.

Prof. Dr. Guido Hermann, Historiker an der Uni Regensburg, unterschied zwischen Staaten, Regierenden und Völkern. Das ähnliche Staatsverständnis von Deutschland und Russland – Regieren von oben –  führte gerade im 20. Jahrhundert zu Massengewalt und blutigen Kriegen. Versuche der Ukraine zum Staat zu werden, setzten sich nicht durch, da sie nach dem 1. Weltkrieg in den Sowjetstaat eingegliedert wurde. Ähnlich war es im 2. Weltkrieg, der zu Zwangsarbeit in der westlichen und östlichen Ukraine führte. Die teilweise Kollaboration mit Nazis 1941 bezeichnete Hausmann als temporär. Es gab im Volk keinen kollektiven Hass gegen Deutsche. In der ukrainischen Bauernschaft herrschte eine große Hungersnot. Dort gab es auch nach dem Krieg keinen Versuch einer Staatsbildung mehr, auch wenn etwa Chruschtschow oder auch Breschnew aus der Ukraine kamen.

Erst 1991 erfolgte ein Neuaufbruch. Russland und die Ukraine wurden neue Länder. Seit 1993 haben sich Russland und die Ukraine »kontinuierlich auseinanderentwickelt«. Die Ukraine orientierte sich nach Westen, wurde aber von Russland nicht auf Augenhöhe behandelt, sondern bestenfalls als kleiner Bruder. Es gab immer wieder Faschismus-Vorwürfe seitens Russlands.

Der jetzige Krieg kommt nicht überraschend, er ist von Putin von langer Hand geplant und vorbereitet worden, angefangen bei der Besetzung der Krim 2014. Putin deckt mit dem Krieg unterschiedliche Aspekte ab: geopolitische, die angestrebte Partnerschaft mit China, die Schwächung Europas und vor allem auch zunehmende innere Konflikte in Russland, die kompensiert werden durch Aggression nach außen.

Dr. Tanja Hoggan-Klaubert, Mitglied des Integrationsbeirats und des Ukrainischen Vereins e. V., fasste noch einmal ihren Beitrag von der Kundgebung zusammen. Ukrainerinnen und Ukrainer sind vereint in der Ablehnung des Diktators. Sie hat eigene Erfahrung der Gefangenschaft, konnte fliehen, hat viele aus der Familie noch dort. »Es tut mir leid, dass ich hier bin«, sagte sie. »Wir kämpfen, ihr redet«, meinte ihre Mutter. Diese Worte tun weh, führen aber zu vielfältigen Aktivitäten. Die Frage ist: In welcher Welt wollen wir leben? »Es ist schwer zu glauben, dass das Böse in der Welt nicht davonkommt.« Sie wurde gefragt: »Stört es Sie, wenn sie gefragt werden, wie es Ihnen geht?« Antwort: »Nein, wenn es eine ehrliche Frage ist, stört sie nicht, dann spüre ich die Wärme des Herzens.«

Marina Sidak, Ukrainischer Verein Augsburg e. V., berichtet über die im Kriegsgebiet Zurückgebliebenen. Die Schwester ist 17 Jahre alt, die Familie hat Angst vor dem russischen Regime. Oma und Opa leben im Luftschutzbunker in Kiew. Russische Saboteure ermorden Menschen, zerstören Straßen. »Meine Familie kann nicht fliehen.« Deutschland ist nur eine Flugstunde entfernt. Der Krieg richtet sich gegen die Demokratie und Freiheit. »Hier brauchen wir Räume zum Regenerieren, wir haben auch eine Hotline.« Marina Sidak ist von morgens um 6 Uhr bis 3 Uhr nachts erreichbar. Der ukrainische Verein verschrieb sich vor dem Ausbruch des Krieges vor allem der Kultur- und Sprachförderung, die in Göggingen sonntags von 10 bis 17 Uhr stattfindet.

Michael Gebler, Geschäftsführer des Roten Kreuzes Augsburg und Vorsitzender der Augsburger Hilfsorganisationen, macht auf bestimmte Regeln aufmerksam, denen Kriegsparteien unterworfen sind durch die Genfer Konvention. Das internationale Komitee des Roten Kreuz arbeitet mit dem Roten Kreuz der Ukraine zusammen. Außerdem gibt es noch den Roten Halbmond. Es existieren derzeit drei verschiedene Gebiete: das Kriegsgebiet in der Ukraine, das Krisengebiet der Grenzregionen und vor Ort die Not der Flüchtenden. Es werden Hilfstransporte zusammengestellt mit Feldlazaretten, Feldbetten, Lebensmittel; keine Kleider, »die Lager sind voll«. Hilfe gibt es nur, wenn die Verteilung vor Ort gesichert ist. Die Güter müssen angefordert sein. Insgesamt braucht es Geduld. »Wir müssen längerfristig planen können.«

Michael Hegele, Stadt Augsburg, Referat für Bildung und Migration, berichtete über die Hilfe, die Geflüchteten angeboten wird. »Der Ukrainische Verein leistet Übermenschliches«, betonte er. Er erwähnte als Mitarbeiter Christian Gerlinger im Sozialreferat und Robert Vogl im Büro des Integrationsbeirats. Insgesamt gebe es eine große Solidarität und Hilfsbereitschaft. Derzeit stehen für Geflüchtete etwa 500 Plätze über die Regierung von Schwaben und 280 Plätze durch die Stadt zur Verfügung. Das müsse ausgebaut werden. Viele sind in Wohnungen aufgenommen worden oder bei Verwandten. Es gibt für Jede und Jeden ein Begrüßungsgeld. Derzeit stehen drei Standorte für die so wichtigen Begegnungen zur Verfügung sowie über Pfarrer Haug im Moritzpunkt. Der Rotary Club stellt einen Rechtsanwalt. Wichtig ist die Unterstützung in Kindergärten und Schulen, vor allem durch Sprachpaten. Besonders dringend ist die psychologische Betreuung traumatisierter Kinder. »Dazu haben wir eine Runde mit den Sozialverbänden sowie einen ukrainischen Dolmetscher.« Alle Vereine suchen den Dialog.

 

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