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Das Calico-Projekt

Gastautor

Was Computer im tim aus Farben und Mustern lernen.

Calico ist heute nicht nur der Name eines Brettspiels, einer Biotechfirma und einer Geisterstadt in der kalifornischen Mojave-Wüste, sondern auch der eines engagierten Projekts des Staatlichen Textil- und Industriemuseums (tim) in Augsburg. In letzterer Bedeutung geht er zurück auf die Textilerzeugnisse der südindischen Stadt Kozhikode, die in der Zeit des Kolonialismus noch Calicut hiess, und zu deren Erzeugnissen farbig und gemustert bedruckte Baumwollstoffe zählten. Nachdem nämlich die Geheimnisse des Stoffdruckhandwerks aus Indien nach Europa importiert waren, bildeten sie eine der Grundlagen für eine florierende heimische Textilindustrie in der Epoche der Industrialisierung.

Auch in der »Neuen Augsburger Kattunfabrik« (NAK) standen Webstühle und Stoffdruckmaschinen, deren Druckproben über 200 Jahre hinweg (von 1792 bis 1996) in Musterbüchern gesammelt wurden. Diese Bücher bilden heute ein wichtiges Arbeitsmittel für Kunsthistoriker und Designforscher, ein nationales Kulturerbe und die Grundlage für das Calico-Projekt des tim, welches sich dieser Tage nicht zufällig in den Gebäuden der ehemals »Neuen Augsburger Kattunfabrik« befindet. Aus über 3000 ausgewählten Motiven, die einer weit größeren Zahl von Mustern, nämlich über 1,3 Millionen, in den 555 Büchern entnommen wurden, berechnet nun eine »künstliche Intelligenz« zahllose weitere Variationen, direkt durch den Mausklick der Webseitenbesucher geleitet.

Dazu wurden die vorhandenen Stoffe zunächst von der KI-Software eigenständig nach Farben und Mustern (Linien, Karos, Paisley, Pflanzen, Punkte usw.) katalogisiert und zusammen mit diesen Beschreibungen einer Datenbank übergeben. Die Software wurde vom Grafikchiphersteller Nvidia entwickelt, um auf der Basis eines Generative Adversarial Networks (GAN) dem eingesetzten Computer die Fähigkeit zu vermitteln, Eigenschaften von Bildern zu lernen, um daraus neue, ähnliche Bilder zu erzeugen. Das führt in anderen Anwendungen etwa zu fotorealistischen Abbildungen von Gesichtern, die nicht zu einem Menschen gehören, sondern vom Computer anhand von erlernten Eigenschaften geschaffen wurden. Im speziellen Fall der Calico-Anwendung entstehen hier aber nicht Gesichter oder andere künstliche Fotos, sondern Variationen jahrhundertealter Stoffdruckmuster. Diese können auf der Webseite des Projekts angesehen, auf Modedesigns projiziert oder zur Weiterverwendung unter einer offenen Urheberrechtslizenz heruntergeladen werden.

Calico leistet also zwei Dinge: Interessierte können erstmals auf einer Webseite durch das katalogisierte Stoffmuster-Archiv der »Neuen Augsburger Kattunfabrik« blättern und sich dabei von einer künstlichen Intelligenz beraten lassen – die bereits alle gezeigten Stoffproben nach Ähnlichkeiten durchforscht und katalogisiert hat. Darüber hinaus, und das ist der brandneue Teil, kann die Computersoftware StyleGAN2-ADA aus den vorhandenen Druckmustern und unter Beachtung von typischen, wiederkehrenden Eigenschaften neue Muster erschaffen.

Womöglich werden wir auf diesem Weg in der Zukunft neue Modeartikel auf der Grundlage des Calico-Projekts sehen. Mode, die das historische Archiv der Augsburger Textilbranche mit hochaktueller KI-Technologie verbindet.

www.calico.timbayern.de

Termine im tim 2022

Design Goals 06.05.2022 – 24.09.2022 DeSIGNerinnen setzen Zeichen für textile Nachhaltigkeit.

Sabine Groschup – Der doppelte (T)Raum 31.05.2022 – 09.10.2022 Sieben jeweils zwölf Meter lange, auf den Webmaschinen im tim hergestellte Stoffbahnen, dienen als Bildträger.

Weitere Beiträge aus unserer Sonderveröffentlichung zum Thema »Künstliche Intelligenz« veröffentlichen wir in den kommenden Tagen und finden Sie hier:

https://a3kultur.de/positionen/zeitalter-kuenstlichen-intelligenz

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