Anleitung zur Sicht auf Europa
Das H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast zeigt stark biografisch gefärbte Werke europäischer Fotografinnen von internationalem Rang in der Ausstellung »European Trails«. Vieles gewinnt dieser Tage wieder an Aktualität.
Ein Hauch von Documenta umweht das H2 in diesem Frühjahr. Das liegt zum Teil an den großen Namen: Katharina Sieverding und Candida Höfer sind in der nationalen Kunstszene und weit darüber hinaus respektable Hausnummern und werden oft in einem Atemzug mit ihren männlichen Kollegen Andreas Gursky und Jeff Wall genannt.
Pionierarbeit 1969-2000
Höfer machte besonders im Jahre 2000 mit ihrer zwölfteiligen Fotoarbeit über »Die Bürger von Calais« Furore, Sieverding bereits im Jahre 1969 als 25jährige mit der gewaltigen Selbstporträt-Serie »Stauffenberg-Block I–XVI«, die in einer kleineren, aber immer noch wuchtigen Version ausgestellt ist, und zusammen mit zwei weiteren Digitalprint-Blöcken fast als Denkmal dafür steht, dass, wie Kurator Thomas Elsen in seiner Eröffnungsrede ins Gedächtnis rief, die Fotografie es insgesamt einst nicht einfach hatte, als Kunstform anerkannt zu werden.
Nicht »nur« Frau
Auch wenn die Eröffnung der Ausstellung am 8. März auf den Weltfrauentag fiel: Es geht nicht nur um den rein weiblichen Blick durch den Sucher, nicht bei Sieverding und Höfer und auch nicht bei den anderen 13 Ausstellenden.
Künstlerinnen sind sie, Handwerkerinnen und auch Europäerinnen mit einem jeweils ganz spezifischen Lebensweg. Sie gehören verschiedenen Generationen an und tragen je nach Geburtsort und sozialer Schicht ganz unterschiedliche Erfahrungen und Erinnerungen mit sich durchs Leben.
Es geht also um Fragen von Herkunft, Erinnerung und Identität. Die im H2 gezeigten Werke zeigen nicht nur große Unterschiede der Generationen auf, sondern sie zeigen den Besucher*innen auch die ganze Bandbreite der Funktion und Verwendungsweise der Fotografie. Fotos, das sind nicht nur Familienalben und Schnappschüsse, wie sie sich mit zum Teil frivolem Witz in Herlinde Koelbs kleinen Einblicken in Schlafzimmer (unter anderem dem von Christof Schlingensief) entstehen. Fotos können auch wissenschaftlichen oder gar militärischen Zwecken dienen.
Ungewollt aktuell
So bekommt Kathrin Gansers Installation »Digitale Ruinen«, die mit Satellitenfotos arbeitet, dieser Tage vor dem Hintergrund des Kriegsgeschehens in der Ukraine eine ebenso unbehagliche Note wie zahlreiche andere Werke der Ausstellung auch, sei es, dass sie den geografischen Raum Europa ausloten (Magdalena Jetelovás »Iceland Project«), sei es, dass sie schmerzhaft nahe am Leid der Menschen sind, wie die Fotografien der gebürtigen Sizilianerin Letizia Battaglia, die den Alltag der italienischen Bevölkerung im Würgegriff der italienischen Mafia dokumentiert.
Bilder für Geister
Andrea Geyer schließlich macht in ihrer Installation »Feeding the Ghosts«, mit ihren grellen Lichtflächen, verursacht durch Diaprojektoren, in denen Magazine mit leeren Rahmen rotieren, das »Nichtfoto« zum Thema: Die Abwesenheit von Bildern, von Menschen (hier nur noch als Stimme aus dem Lautsprecher zu hören) von Erinnerungen, von Gefühlen, von Zeugnissen. Lediglich die Bücher, die zur Ausrichtung unterlegt sind, enthalten Informationen. Das erinnert an Alfredo Jaars Installation »Lament Of The Images«, mit der er auf der stark politisch engagierten Documenta 11 im Jahre 2002 das Verschwinden ganzer Bildarchive anprangerte. Geyers Werk könnte man sich auf der 2022er-Edition auch gut vorstellen.
Zu jeder der 15 ausstellenden Künstlerinnen ließe sich einiges sagen, in jeder findet sich ein wenig Autobiografie, aber auch deren Verfremdung oder Ausdünnung durch Auswahl. Obsolet ist nichts, und die Mischung ist spannungsreich. Es ist mehr als nur ein Fotoalbum. Es ist eine Anleitung zur Sicht auf den Kontinent Europa.
»European Trails. Europäische Fotokünstlerinnen der Gegenwart« ist zu sehen bis 18. September 2022.
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