Politik & Gesellschaft

Ein Riss geht durch unser Haus

a3kultur-Redaktion

Ein Kommentar von Jürgen Kannler.

Unser Block ist irgendwie schön und es lässt sich hier gut leben. Die Wohnungen sind begehrt, die Kinder spielen im Hof und wenn sich im Hausgang zwei Menschen begegnen, ist oft Zeit für ein Wort.

Die meisten Mieter*innen haben einen deutschen Pass. Viele haben deutsche Eltern und Großeltern. Einige kommen vom Balkan oder aus der Türkei, andere aus Afrika. Fünf Familien haben russische Wurzeln. Drei Parteien ukrainische. Zwei weitere stammen aus einer sehr weit entfernten Ecke der ehemaligen Sow­jetunion.

Seit dem erneuten Angriff russischer Truppen auf die Ukraine geht ein Riss durch unser Haus. Es gab kein Beben. Kein Einschlag war zu spüren. Die Fenster sind heil und die Fassade ist unbeschädigt. Nicht einmal die Sirenen heulten. Trotzdem wurde unser Haus getroffen. Der Riss ist für alle spürbar, doch für niemanden zu sehen.

Die Menschen fühlen mit ihren Nachbar*­innen aus der Ukraine. Die meisten verdammen das Putin-Regime. Viele leisten Hilfe, sorgen sich aber auch um ihre eigene Sicherheit und um die Zukunft ihrer Familie.

Zu Beginn des Jugoslawienkriegs einte die Menschen, die abseits ihrer Heimatstädte Pris­tina, Zagreb, Novi Sad oder Sarajevo ihr Glück überall in Europa suchten, ein Gefühl der Solidarität. Es war von kurzer Dauer. Als die ersten Opfer zu beklagen waren, wendete sich das Blatt. Viele dieser Feindschaften halten sich bis heute.

Gehören in unserem Haus diese Feindschaften bald zum Alltag? Russische Nachbar*innen sprechen von offenen Anfeindungen auf den Straßen. Freunde erzählen von gemobbten Kindern und beschmierten Autos. Werden die gewalttätigen Übergriffe in unserer Innenstadt demnächst um eine traurige Variante erweitert?

Unsere Friedensstadt lobt sich für die Solidarität und Hilfsbereitschaft ihrer Bürger*innen. Auch in anderen Städten, die ohne dieses Label auskommen, ist Helfen derzeit selbstverständlich. Es würde unserer Stadtregierung gut anstehen, diesem selbst verliehenen Titel mehr Substanz zu verleihen. Nach Lösungen zu suchen, wie sich der Riss in unserem Haus schließen lässt.

Mit der Sendung nationalistischer Gebrauchsmuster aus dem Rathaus oder der Streichung einer musikalischen Satire, die das Wort »Moskau« im Titel trägt, aus dem Programm des Staatstheaters werden wir unserer Friedensstadt nicht gerecht.

 

Unseren Beitrag »Hilfe für die Ukraine« finden Sie hier: https://a3kultur.de/nachrichten/hilfe-fuer-ukraine

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