Mehr Ornament!
Das neue Buch von Thomas Weil rückt das Wesen des Ornaments in den Fokus.
»Don’t judge a book by its cover« ist sicher ein bedenkenswerter Ratschlag, doch im vorliegenden Fall macht die klare Gestaltung in Schwarz-Weiß zum einen Lust aufs Reinblättern, sie verweist aber vor allem elegant auf das Thema des neuen Buches von Thomas Weil. Der Architekt und Künstler hat hier, farbig illustriert mit eigenen ornamentalen Entwürfen, eine englischsprachige systematische Darstellung des Wesens und der Logik des Ornaments entwickelt. Weils »New Grammar of Ornament« rekurriert natürlich auf »The Grammar of Ornament« des Architekten Owen Jones, eine wirkmächtige und prächtig bebilderte Enzyklopädie der Bandbreite und Geschichte des Ornaments aus dem Jahr 1856.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haftet dem Ornament im westlichen Kulturraum ein gewisser Hautgout an – Adolf Loos’ berühmt berüchtigte Schrift »Ornament und Verbrechen« wird bis heute herangezogen, um die Relevanz der ungeschmückten Oberfläche zu untermauern. Die visuelle Offenlegung des Wesens eines Gebäudes, Raums oder Objekts ist ein gestalterisches Credo, das ohne Zweifel Klarheit und Schönheit befördert, aber auch die Gefahr der Öde birgt. Das Ornament, das in westlichen Ländern seine letzte Hochphase im exaltierten Art déco der 1920er-Jahre hatte, ist uns abhandengekommen. Weitet man seinen Blick jedoch, zeigt sich, dass vom Nahen bis zum Fernen Osten ebenso wie in den Ländern Afrikas Ornamente ungebrochen einen wesentlichen Aspekt der Gestaltung ausmachen.
Thomas Weil, der sich seit vielen Jahren als Künstler und Entwerfer mit Ornamenten und ihren Strukturen befasst, rückt mit dieser Systematik die Qualitäten des Ornaments in den Fokus. Seinen mit zahlreichen wunderbaren Beispielen eigener Hand belebten strukturellen visuellen Überlegungen vorangestellt sind zwei Beiträge zur Geschichte und Herkunft (Manuel Will) und zur Einordnung des Ornaments im Kunstkontext (Heinz Schütz). Ornamentale Gestaltung zeigt sich demnach kulturübergreifend bereits in frühester Zeit, wie Artefakte beweisen – eindeutig eine anthropologische Konstante.
Eine Grammatik des Ornaments? Keine Angst: Das hört sich spröde an, erweist sich aber als durchaus spannendes und sinnliches Erlebnis. Systematisch strukturiert zeigt der Autor, wie sich einzelne Module oder Grundformen in verschiedenen Konzepten zu einem stimmigen Ornament komponieren lassen – ein logischer Rahmen für einen erstaunlichen gestalterischen Kosmos zeitgemäßer Ornamentik, mit dem Weil die Leser:inen und Betrachter:inen Schritt für Schritt vertraut macht. Erkenntnisgewinn plus Augenfutter – rundum gelungen. (bek)
Thomas Weil: New Grammar of Ornament,
336 Seiten, 386 Illustrationen (35 Euro)
Lars Müller Publishers, Zürich 2021
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