Politik & Gesellschaft

Mehr als eine Haltestelle

Schwaben und die Bukowina verbindet ein untrennbares Band – eine gemeinsame Geschichte. Seit 34 Jahren existiert das Bukowina-Institut in Augsburg. Viele wissen wenig darüber, obwohl es eine wichtige Aufgabe übernimmt – jetzt mehr denn je.

Vielen Benutzer*innen der öffentlichen Verkehrsmittel ist das Bukowina-Institut ein Begriff. Denn kurz vor der Universität Augsburg und nur einen Steinwurf von der Messe Augsburg entfernt, hat das Institut eine eigene Haltestelle. Dort hört aber leider seit Kurzem die Außenwirkung auf. Im alten Gebäudeteil des gerade neu entstehenden Toni-Parks weist kein Schild mehr auf das Forschungsinstitut hin. Kürzlich wurde es vom Vermieter abmontiert. Im oberen Stockwerk des Hauses befindet sich jedoch eine Forschungseinrichtung, die die einzige ihrer Art in Deutschland ist.

Buko… was?

Diese Frage stellen viele, wenn sie von der Bukowina hören. Die Bukowina ist eine historische Region im Osten Europas. Ihr südlicher Teil gehört heute zu Rumänien, ihr nördlicher Teil mit der Hauptstadt Chernivtsi (Czernowitz) liegt in der Ukraine. Von 1774 bis zum Ersten Weltkrieg zählte die Bukowina zu den am stärksten multiethnisch geprägten Kronländern des Habsburger Imperiums. In Czernowitz erschienen vor dem Ersten Weltkrieg Zeitungen in sechs Sprachen und drei Schriften. Das brachte der Region unter Zeitgenoss*innen den Beinamen »Europa im Kleinen« ein. Zwangsumsiedlung und Holocaust setzten dem im 20. Jahrhundert ein Ende. Infolge des Zweiten Weltkriegs wurde die Bukowina in ein damals sowjetisches und ein rumänisches Gebiet geteilt.

Wieso hat Augsburg ein Bukowina-Institut?

Die Partnerschaft zwischen Schwaben und der Bukowina geht auf eine lange Historie zurück. Bereits 1955 übernahm der Bezirk Schwaben die Patenschaft für die Deutschen aus der Bukowina, die im Rahmen der Umsiedlung im Zuge des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland, auch Schwaben, gekommen waren. 1988 wurde das Bukowina-Institut auf Initiative des damaligen Bezirkstagspräsidenten Georg Simnacher gegründet. Seither erforscht, dokumentiert und bewahrt das Institut die Kultur und Geschichte der historischen Region. In zahlreichen Veranstaltungen – oder auch in der erst vor Kurzem eröffneten Dauerausstellung – vermittelt das Institut diese Erscheinungsformen seinen Besucher*innen.

Bis heute besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Bezirk Schwaben und dem Institut. Gemeinsam werden zahlreiche Projekte angestoßen, Netzwerke nach Osteuropa geknüpft und Kontakte gepflegt. Das Institut ist eine der Säulen der Partnerschaftsarbeit des Bezirks. Seit 2003 ist das Bukowina-Institut ein sogenanntes An-Institut der Universität Augsburg.

Was können wir heute von der Bukowina lernen?

Themen wie Flucht, Vertreibung, Krieg, aber auch das Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien, Religionen, Kulturen sind zentrale Bestandteile der täglichen Arbeit am Institut, aber auch unserer Gesellschaft. »Aus der Geschichte lernen« könnte das Motto hier lauten. Prof. Dr. Marita Krauss betont im Interview unter anderem unsere Verantwortung: »Wir kennen Regionen wie die Bukowina in Ostmittel- und Osteuropa immer noch viel zu wenig. Städte wie Czernowitz oder Lemberg/Lwiw sind wunderschön, lebendig, sehenswert. Es lohnt sich, sich auf ihre Geschichte und Kultur einzulassen. Andererseits fordert gerade die deutsche Geschichte der nationalsozialistischen Zeit, dass wir uns unserer Verantwortung für diese immer wieder überfallenen und unterjochten Regionen bewusst werden.« Krauss betont weiter die Rolle des Instituts für unsere Gesellschaft: »Wie notwendig die Beschäftigung mit den Themen und der Geschichte dieser Region ist, zeigt sich zurzeit in großer Schärfe.« Das Bukowina-Institut ist daher eine wichtige Stimme, da es sowohl Wissenschaftler*innen als auch die Zivilgesellschaft über diese Region informiert.

Vermittlungsarbeit ist ein zentrales Anliegen der Institutsarbeit, nun aber werden die Mitarbeiter­*innen des Instituts konkret in ganz anderen Dimensionen angefragt. »Wir wurden zum Beispiel von der Gemeinde Biberbach gebeten, einen Vortrag vor Ort über die Ukraine zu halten. In Biberbach sind zahlreiche Flüchtlinge angekommen, den Einwohner*­innen soll nun mehr Wissen über die Ukraine, aber auch über den Konflikt an die Hand gegeben werden«, berichtet Christina Eiden im Interview.

Institut übernimmt Rolle bei der Ukraine-Hilfe

Kurz nach Ausbruchs des Krieges in der Ukraine wandte sich Dr. Sergij Osachuk, Vorsitzender der ukrainischen Gebietsverwaltung Tscherniwzi, an seine Partner*innen in Schwaben, appellierte an sie und bat um Hilfe. Die Antwort des Bezirks kam schnell. Bezirkstagspräsident Martin Sailer sagte ihm in einer Videobotschaft seine Hilfe zu. Seinen Worten folgten schnell Taten. Dr. Katharina Haberkorn machte sich nur wenige Tage nach Kriegsausbruch selbst ins Krisengebiet auf und half die Schwächsten der Gesellschaft, Kinder und Menschen mit Behinderung gemeinsam mit ihren Familien, aus einer Partnereinrichtung in Sicherheit zu bringen. Die Arbeit des Hilfswerks Bukowina-Schwaben e.V. stellte sie auch in ihrem Vortrag im Rahmen einer Infoveranstaltung über die Region, veranstaltet vom Europabüro der Stadt Augsburg, vor. Für unsere Mai-Ausgabe arbeitet Haberkorn derzeit an einem Beitrag über ukrainische Literatur.

Auch das Institut hilft. »Das Bukowina-Institut und die Universität Augsburg bemühen sich gerade um unbürokratische Lösungen für geflüchtete Wissenschaftler*innen aus Czernowitz, die man durch eine temporäre Anstellung an der Universität unterstützen kann. Auch Hilfe für geflüchtete Studierende ist in Vorbereitung«, teilt Krauss mit.
Das Team des Instituts bittet nicht nur um Spenden für das eng mit ihnen verbundene Hilfswerk Schwaben-Bukowina, den Ukrainischen Verein in Augsburg oder das »Gedankendach« in Czernowitz. Darüber hinaus nutzen die Mitarbeiter*innen ihr über die Jahrzehnte gewachsenes Netzwerk. »Ganz konkret bedeutet das, dass wir Kontakte vermitteln können, vor Ort – also in unserer Partnerregion Bukowina – unsere Partner*innen ansprechen können, wenn jemand in der Ukraine Hilfe benötigt«, so Eiden. Aber auch Partner*innen in Deutschland melden sich beim Institutsteam: »Der Kulturreferent der Russlanddeutschen brauchte unsere Unterstützung, um zwei junge Mädchen aus der Ukraine nach Rumänien zu bringen. Das ist auch gelungen, und wir stellen fest: Es ist völlig egal, wer und welche Person, jeder will helfen.«
Im Institut arbeiten nur drei Festangestellte, ein paar wissenschaftliche Hilfskräfte und Praktikant*innen. Viele von ihnen kommen selbst aus Ländern in Osteuropa und bringen so wichtige Sprachkenntnisse mit. Unbürokratisch werden so schnell Bedarfslisten oder auch Medikamentenlisten übersetzt. Für Ehrenamtliche, Erzieher und Lehrer, aber auch Geflüchtete wird momentan vom Institutsteam das Angebot an Sprachkursen weiter ausgebaut.

Neben den Menschen in der Ukraine oder Rumänien wenden sich aber auch nicht direkt Betroffene an Eiden: »Viele wollen einfach helfen. Vor allem die Bukowiner Deutschen möchten an eine Institution spenden, die sie kennen und wo sie sicher sein können, dass die Spende ankommt. Es rufen aber auch viele an, die einfach Angst haben, die sich von uns eine Einschätzung zur Weltlage erhoffen.«

Auf die Frage, ob sich die Stimmung am Institut selbst seit Kriegsausbruch verändert hätte, wird Eiden deutlich: »Hier bei uns gibt es keine Anfeindungen untereinander. Im Gegenteil, wir sind sehr geeint in dem Willen zu helfen. Uns erzählen aber unsere russischen Mitarbeiter*innen, dass sie im privaten Umfeld zum Teil stark angefeindet werden. Das macht uns unfassbar traurig und sprachlos. Das ist völlig inakzeptabel.«

www.bukowina-institut.de


Mehr über die Bukowina können Interessierte in der neuen Dauerausstellung des Bukowina-Instituts erfahren. Europa im Kleinen? Die Bukowina als multiethnische Kulturlandschaft und »verlorene Heimat« kann während der Öffnungszeiten und nach Vereinbarung besichtigt werden. Zudem bietet das Institut zahlreiche (Themen-) Führungen, Sprachkurse und Veranstaltungen an.

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Christina Eiden (links), Kulturmanagerin am Bukowina-Institut und Dr. Katharina Haberkorn, Partnerschaftsbeauftragte für die Bukowina beim Bezirk, in der Dauerausstellung des Bukowina-Instituts.

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Prof. Dr. Marita Krauss, Vorstandsvorsitzende des Bukowina-Instituts e.V. und Professorin an der Universität Augsburg

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