Rumeiern
Ein Kommentar von Gudrun Glock.
Ungefähr 240 Eier und ca. 13 Kilogramm Hühnerfleisch isst der deutsche Bürger im Jahr. Eine ansehnliche Zahl, wenn man bedenkt, dass kaum jemand Hühner im eigenen Garten hält. So unbeschwert, wie wir die Eier zum Frühstück aufschlagen, so vehement reagieren wir, wenn es um den männlichen Nachwuchs der Hühner geht. Kükenschreddern, so die Bezeichnung des jähen Todes der männlichen Küken nach dem Schlüpfen, ist zwar grausam, veranlasst aber kaum jemanden, das Frühstücksei vom Speiseplan zu streichen.
Ein Huhn lebt derzeit entweder als Hochleistungs-Legehenne oder als Masthuhn und sorgt für Gewinnmaximierung beim Verkauf der Eier oder des Fleischs. Weibliche Küken gehen immer wieder diesen Weg, aber Hähne? Die setzen nur schwer Fleisch an und legen keine Eier – sind also nutzlos?! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Für Biobauern ist das längst ein Thema. Sie setzen nicht nur auf naturnahe und artgerechte Haltung, sondern suchen auch nach Lösungen für das Problem der massenhaften Kükentötung. Zum Beispiel das sogenannte Zweinutzungshuhn: Hühnerrassen, bei denen sowohl Fleisch angesetzt wird als auch Eier gelegt werden und bei deren Nachkommen das genauso abläuft. So bleiben die Bruderhähne am Leben. Deren Aufzucht ist zwar wesentlich kostenintensiver, was an der geringen Gewichtszunahme bei hohem Futter- und Energieverbrauch liegt, aber sie dürfen leben.
Ein Bruderhahn lebt ungefähr zehn Wochen mit seiner Hühnerschar. Ein Leben lang glücklich, mit hofeigenem Getreide, ohne einen einzigen Transport, und er wird bestenfalls gleich auf dem eigenen Hof weitervermarktet. Zum Glück ist die neue Generation der Bio-Geflügelhalter unglaublich kreativ. Jetzt müssen nur noch die Verbraucher*innen verstehen, dass das Fleisch von Hähnen genauso kostbar ist wie das von Hennen. Und dass ein maßvoller Verzehr von Eiern und Geflügelfleisch hilfreich wäre.
Auch konventionelle Geflügelzüchter dürfen seit Januar 2022 keine männlichen Küken mehr töten. Was passiert also mit all den »überflüssigen« Küken, die nur Zeit und Geld kosten? Sie werden oft weiterverkauft und haben dann meist einen langen Weg vor sich. Andererseits arbeitet man nun auf Hochtouren daran, das Geschlecht des heranwachsenden Huhns im Ei vorab zu bestimmen, um es schon in diesem Stadium zu entsorgen. Uns ist nicht zu helfen!
Für Gudrun Glock, Ayurveda-Ernährungsberaterin und -Köchin, Buchautorin und Dozentin, ist Ernährung das zentrale Thema ihrer Arbeit und Essen kein bloßer Kampf gegen den Hunger, sondern die Quelle von Vitalität, Freude und Ausstrahlung.
Foto: Pysanky aus der Sammlung des Bukowina-Instituts an der Universität Augsburg. © Katarzyna Madalska