»Sie müssen nach Czernowitz fahren«
Das Buch »Im Bund der Lebenden« von Valérie Zenatti ist in deutscher Übersetzung erschienen. Eine Buchempfehlung von Dieter Ferdinand.
Der Schriftsteller Aharon Appelfeld starb am 4. Januar 2017 im Alter von 95 Jahren in Tel Aviv. Valérie Zenatti, geboren 1970, seine Übersetzerin ins Französische, blieb mit ihm über seinen Tod hinaus verbunden, ganz nach dem jüdischen Segensspruch: »Möge seine Seele eingebunden sein in den Bund der Lebenden.« Im Flugzeug von Paris nach Tel Aviv sagte eine junge Frau zu ihr: »Sie müssen nach Czernowitz fahren.«
Appelfeld wurde 1932 als Erwin in der Nähe von Czernowitz in der Bukowina geboren. Zuhause sprach die Familie vor allem Deutsch. Seine Mutter wurde im Holocaust ermordet, er mit seinem Vater in ein Lager in Transnistrien deportiert und dort von ihm getrennt: »Ich floh in den Wald.« 1946 kam er nach Tel Aviv und lernte Hebräisch. Paul Celan, als Pessach Antschel in Czernowitz aufgewachsen, sagte einst zu ihm: »Ich beneide dich, du kannst in der Sprache des jüdischen Volkes schreiben.«
Einmal kehrt Appelfeld nach Czernowitz zurück. Früher »war es eine richtige Kulturstadt. Was ist davon übrig geblieben? Nichts.«
Über Kiew fährt Valérie Zenatti am 16. Februar 2018 mit dem Zug nach Czernowitz. »Tscherniwzi, so heißt die Stadt heute, die Stadt seiner Romane, die Stadt an den Ufern des Pruth.« Das Bahnhofsgebäude war »der Ausgangspunkt für die Deportation der Juden.« Sie läuft an Kirchen und einer Synagoge vorbei bis zum jüdischen Friedhof.
Den zweiten Tag hat Zenatti für die einzige echte Verabredung vorgesehen. Auf dem Weg begegnen ihr bedrohliche Hindernisse, vor denen sie nicht zurückweicht. Sie erreicht ihr Ziel nicht mehr, hat es aber gesehen und läuft verwandelt zurück. Diese Verwandlung hatte im Flugzeug die Frau angedeutet, die ihr vorschlug: »Sie müssen nach Czernowitz fahren.«
Die Originalausgabe »Dans le fisceau des vivants« wurde von France-tv mit dem Prix Essai 2019 als bestes Sachbuch des Jahres ausgezeichnet.
Auf den Fotos ist Czernowitz (Tschernowitz), die Hauptstadt der Bukowina, zu sehen. Ein Teil der Fotos wurde uns freundlicherweise vom Bukowina-Institut an der Universität Augsburg für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt.
Fotograf*innen: Katarzyna Madalska (Bukowina-Institut)/Jürgen Kannler
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