Diagnose Planlosigkeit
Die Brechtrezeption in unserer kleinen Fuggerstadt hat mit dem Ende der dritten und letzten Festivaleinheit des Leitungsduos Kuttner & Kühnel einen historischen Tiefpunkt erreicht. Ein Kommentar von Jürgen Kannler
Die Brechtrezeption in unserer kleinen Fuggerstadt hat mit dem Ende der dritten und letzten Festivaleinheit des Leitungsduos Kuttner & Kühnel einen historischen Tiefpunkt erreicht.
Doch zum Abschied gab es noch einen wirklich guten Gag. Statt der hiesigen Tradition zu folgen, sich mit einem Tritt in den Allerwertesten verabschieden zu lassen, bescheinigten sie der Stadtpolitik im Abgang, »keinen Plan für das Brechtfestival« zu haben. Aber, wer bitte braucht drei Jahre, um das festzustellen? An Entertainerqualitäten mangelte es diesem Duo jedenfalls nie.
Ihr Attest der Planlosigkeit trifft natürlich zu, kann aber getrost zurückgespiegelt werden. Eine echte Beschäftigung von Kuttner & Kühnel mit Brecht und Augsburg hat wohl nie wirklich stattgefunden – oder »Keuner« hat es gemerkt. Aber auch Scheitern ist Teil einer Entwicklung. Und die Geschichte des Brechtfestivals in Augsburg ist gespickt mit Momenten der Ungeheuerlichkeit, menschlicher wie künstlerischer Natur. Aber eben auch mit großen Ideen, ihrer Umsetzung und den daraus resultierenden wunderbaren Momenten.
Leider versteht die Stadt das Festival nicht wirklich als Projekt der fließender Entwicklung. Die Wahrnehmung fokussiert sich auf Epochen, die mit den Namen der jeweiligen Leiter verbunden sind. (Bisher hat sich noch nie eine Frau oder diverse Person in den Augen der Entscheider*innen für die Festivalleitung qualifizieren können.)
Wie gesagt, Planlosigkeit und Brecht schließen einander in Augsburg nicht aus. Manche vermuten sogar, dass sie sich bedingen. Die schnoddrigen bis flegelhaften Auftritte von Kuttner & Kühnel vor Publikum und hinter den Kulissen wird jedoch wohl niemand so schnell vermissen. Bei Künstler*innen und in Teilen der Kulturverwaltung wurde ihr Abgang mit einem Aufatmen quittiert.
Zurück bleibt die Diagnose Planlosigkeit in Sachen Brecht. Darauf angesprochen kontert Kulturreferent Jürgen Enninger mit einer ebenso langen wie unvollständigen Aufgabenliste, aber immer noch ohne wirklichen Plan.
Neben den Baustellen Brechthaus (Schönheitsreparaturen und inhaltliche Überarbeitung sofort, Sanierung später), Brechtpreis (verlegt ins Jubiläumsjahr 2023) und Brechtstelen (Neuanstrich und Anbringen von QR-Codes) liest sich die Aufzählung wie ein Versprechen in die Zukunft, das den Namen Julian Warner trägt. Der Wissenschaftler mit den Arbeitsschwerpunkten Black European Studies, Rassismus- und Popkulturforschung hat sich auch als Experimentalmusiker unter dem Pseudonym Fehler Kuti einen Namen gemacht und bringt Erfahrung als interdisziplinärer Kurator für diverse Kunstfestivals mit. Er soll die Jubiläumsausgabe 2023 managen und dann drei weitere Jahre das Festival leiten. Der Referent bescheinigt ihm einen stärker partizipativen Ansatz. Wir wünschen Julian Warner alles Gute und starke Nerven.