Es darf auch mal was schiefgehen!
Wibke Reimer ist Abteilungsleiterin für Kultur und Heimatpflege beim Bezirk Schwaben. Mit ihr und Martin Sailer, dem Bezirkstagspräsidenten von Schwaben und Landrat des Landkreises Augsburg, traf sich a3kultur-Chefredakteur Jürgen Kannler zum Gespräch über Erwartungshaltungen, Freiräume, Kommunikation und neue Formate. Am Schluss war klar: Es darf auch mal was schiefgehen!
a3kultur: Im Sommer stellte der Bezirk Schwaben sein Kulturprogramm für die kommenden Monate vor. Es ist bemerkenswert, wie thematisch breit Ihr Haus aufgestellt ist. Vom Literaturpreis zum Schwäbischen Bauernhofmuseum in Illerbeuren und von der Schwäbischen Galerie – mit ihrem Fokus auf die Kunst der Gegenwart – bis zur Trachtenberatungsstelle in Krumbach. Bei einem solchen Portfolio gibt es doch bestimmt immer einige Baustellen und spezielle Befindlichkeiten. Wie wird man diesen sehr unterschiedlichen Kulturorten und den Mitarbeiter*innen gerecht?
Martin Sailer: Schwaben ist nun einmal sehr vielfältig und groß. Vom Ries bis ins Allgäu gibt es nicht nur unterschiedliche Sprachtypen, sondern auch kulturhistorische Wurzeln, die wir in ihrem Ausdruck als sehr vielfältig wahrnehmen.
Diese Vielfalt in der Kulturarbeit abzubilden ist reizvoll, aber letztendlich auch die große Herausforderung in unserer Arbeit. Letztlich geht es darum, Angebote zu schaffen, die dieser Vielfalt gerecht werden. Aus diesem Spannungsbogen heraus versuchen wir mit gezielten Förderungen zu arbeiten.
Alle diese Themen werden von Menschen mit großer Leidenschaft, aber auch Erwartungen getragen. Sie werden nicht alle an sie gestellten Ansprüche und Bedürfnisse in gleichem Maß und Tempo bedienen können – wie gehen Sie mit daraus entstehenden Reibungen um?
Martin Sailer: Auf der einen Seite gibt es ganz zu Recht Erwartungshaltungen. Denn daraus entsteht ein Diskurs und zuweilen auch eine Auseinandersetzung, wenn an uns gestellte Erwartungen nicht erfüllt werden. Wir versuchen für unsere Engagements Maßstäbe zu formulieren und zu definieren.
Grundsätzlich gehen wir der Frage nach, ob die zur Debatte stehenden Projekte von gesamtschwäbischer Bedeutung sind oder ob sie nicht doch eher im lokalen Bereich verhaftet sind. Solche Themen fördern wir nur bedingt. Dass dieser Prozess eine gewisse Konkurrenz auslöst, ist richtig. Um diese für die Kulturschaffenden zuweilen auch harten Entscheidungen zu begründen, bedarf es einer Versachlichung bei der Definition unserer Förderkriterien. Es ist unsere Aufgabe, in diesem Bereich eine möglichst große Objektivität herbeizuführen, auch um unsere Mitarbeitenden handlungsfähig zu machen
Im Zweifelsfall entscheidet dann die Politik. Dafür gibt es im Bezirk den Kultur- und Europaausschuss. In diesem Gremium setzen wir auch neue Förderschwerpunkte. Ein gutes Beispiel dafür ist die relativ neue Stelle unseres Popularmusikbeauftragten Maximilian Schlichter. Dahinter steckt der Wunsch, junge Musikkultur in und aus Schwaben stärker zu fördern. Durch eine aufrichtige und unvoreingenommene Auseinandersetzung mit den Themen werden so zuweilen neue Förderschwerpunkte gesetzt.
»Kunst und Kultur können nur entstehen, wenn man Luft zum Atmen und den Freiraum zum Überlegen hat.«
– Martin Sailer
Ihr Kulturteam mit allen Mitarbeiter*innen und Expert*innen ist wohl ebenso divers wie die Themen, die sie bearbeiten. Wie wird aus diesen vielen ein Ganzes? Welche Verbindung besteht zum Beispiel zwischen dem Popularmusikbeauftragten und dem Museumsleiter in Illerbeuren oder der Schwäbischen Galerie in Oberschönenfeld und der Trachtenberatungsstelle in Krumbach?
Wibke Reimer: Diese Frage stellt sich in der Tat, weil wir eben ein sehr vielfältiges Team sind und einen hohen Wirkungskreis mit einem großen Grad an Selbstständigkeit verbinden, um die Kulturarbeit vor Ort zu gestalten.
Wir versuchen durch gemeinsame Jahresthemen einen inhaltlichen Rahmen zu setzen, in dem die Institutionen und Teammitglieder ihre Beiträge verorten können. Damit ist ein gewisser Bereich geschaffen, der zum gemeinsamen Schaffen anregt – aber auch stets die Freiheit gegeben, sich darüber hinaus zu vernetzen.
Martin Sailer: Ein Credo dabei ist: Ihr dürft ausbrechen aus dem, was wir bisher gemacht haben. Denkt über die Bande. Lasst den Gedanken freien Lauf. So entwickeln sich Ideen. Kunst und Kultur können nur entstehen, wenn man Luft zum Atmen und den Freiraum zum Überlegen hat. Wir sollten uns jeden Tag fragen: War das, was wir bisher gemacht haben, richtig und ist es immer noch richtig?
Denn wir kommen gemeinsam nur weiter, wenn wir uns trauen, neue Formate zu entwickeln und wenn nötig auch andere Schwerpunkte zu setzen. Auch um die schwäbische Identität zu stärken. Wie etwa bei dem aktuellen Projekt »Sound of Schwaben« im Rahmen des Musikförderpreises. Hier geht es uns um die Frage: Wie klingt Schwaben, wie klingt unsere Heimat?
Und dafür stellen Sie aktiv Plattformen zur Verfügung? Wibke Reimer: Es gibt natürlich regelmäßige Leitungsrunden. Nicht nur bei den Kulturthemen, sondern auch im Kontext Öffentlichkeitsarbeit oder bei Marketingfragen. Das sind zum einen die klassischen, analogen runden Tische – typisch, um die Mitarbeitenden miteinander zu vernetzen – und ergänzend dazu digitale Formate. Wie schon gesagt, Schwaben ist ganz schön groß. Entscheidend ist aber nicht unbedingt, in welcher Form wir zueinanderfinden, sondern auf welcher Ebene. Damit die Kommunikation eben nicht nur von oben nach unten läuft, sondern der Dialog auch quer funktioniert.
Das Museum KulturLand Ries sollte also wissen, wie das Kulturschloss Höchstädt funktioniert und was die Kolleg*innen dort beschäftigt und umgekehrt.
Wibke Reimer: Genau. Der Austausch ist Konzept. So wollen wir zukünftig auch im Bereich Depotarbeit und Sammlungsmanagement arbeiten.
Mit Christoph Lang gibt es seit geraumer Zeit auch einen neuen Bezirksheimatpfleger. Sein Vorgänger hat sich unter anderem mit einer Definition von Heimatpflege im Bezirk Schwaben hervorgetan – damals eine Art Präambel, wenn man so will. Soll auch Lang – durch seine theoretischen Arbeiten und Schriften – ein verbindendes Glied in dieser Sammlung von Kulturorten und Institutionen werden?
Martin Sailer: Definitiv ja! Christoph Lang und Wibke Reimer sollen als Querschnittsexperten Verbindungen schaffen. Als Bezirksheimatpfleger fällt ihm Christoph Lang eine besondere Rolle zu, insbesondere durch seine Zusammenarbeit mit den Kreisheimatpflegern. Er muss eine feine Sensorik für Stimmungen und Strömungen vor Ort entwickeln, um so frühzeitig neue Themen zu erkennen, zu bewerten und sie als Impulse an die anderen Kulturstellen im Bezirk weiterzugeben. Außerdem ist es seine Aufgabe, verschiedene Themen wissenschaftlich aufzuarbeiten, um der Bezirksheimatpflege die notwendige Wertigkeit zu geben.
»Ein gewisses Unruhesystem muss immer mit eingeplant werden.«
– Wibke Reimer
Sie haben in den letzten Jahren die Leitungsebenen der Kulturorte in Teilen stark verjüngt, zum Beispiel im Ries, in Höchstädt, bei der Bezirksheimatpflege und in Illerbeuren. Kam es dabei zu einem Clash der Generationen?
Martin Sailer: Den gab es aus meiner Sicht nicht. Es freut mich, dass wir kompetente, jüngere Nachfolger*innen gefunden haben. Es besteht auch durchaus eine gewisse Erwartungshaltung an sie. Die lässt sich vielleicht am leichtesten so zusammenfassen: Bewährtes fortführen und neue Ideen entwickeln. Es darf auch mal was schiefgehen, eine Ausstellung nicht funktionieren, weil das Thema doch nicht so zieht, wie wir erwartet haben. Das kommt vor und ist in Ordnung, solange man von dem Format überzeugt war.
Wie vermitteln Sie Ihrem Team das Vertrauen, dass auch mal was schiefgehen kann?
Martin Sailer: Indem man das immer wieder klar transportiert. Es ist wichtig, sich dieser Freiheit immer bewusst zu sein. Erfolgreiche Unternehmen sind deswegen erfolgreich, weil dort etwas entschieden wird. Wobei sich ein nicht unerheblicher Teil dieser Entscheidungen im Nachhinein als falsch herausstellen kann. Man muss sie trotzdem zulassen. Es gibt keine Alternative dazu. Das ist das Geheimnis. Was für die Wirtschaft gilt, gilt auch in der Kunst und Kultur. Das Schlimmste ist, nichts zu machen – sich zu verstecken und zu denken: Hoffentlich geht nichts schief.
Bei Ihrer Kultur-Pressekonferenz im Sommer berichteten die Museumsleiterinnen aus Oberschönenfeld und dem Ries, wie sie es geschafft hatten, den Stamm der Mitarbeiter*innen auch über die beiden Coronajahre an ihre Einrichtungen zu binden. Es scheint da eine gute Identifikation mit dem Arbeitgeber – also Ihrem Haus – zu geben. Wie aber beurteilen Sie die Identifikation der Menschen in Schwaben mit dem Bezirk?
Martin Sailer: Ein Großteil unserer Aufgaben als Bezirk ist sozialer Natur. Da interessiert es die Betroffenen weniger, wer als Träger dahintersteht, sondern dass die Arbeit erledigt wird. Heimat als Identifikationspotenzial schöpfen wir dagegen weitgehend mit freiwilligen Leistungen aus der Kunst und Kultur aus.
Und da gibt es viel zu tun. Die Globalisierung ist ein wichtiges Thema. Unser Leben und die Formen unseres Zusammenlebens verändern sich. Dem Auseinanderbrechen der Gesellschaften kann man nur mit Zusammenhalt begegnen. Das gelingt aber nur, sofern ein ausgeprägtes Maß an Identifikation besteht. Emotionalität ist dabei ein wichtiges Bindemittel.
In »Schlafhausen« bringt sich niemand ein. Das ist ein toter Ort. Auf gesamtschwäbischer Ebene ist es schwieriger als in der eigenen Gemeinde, mit Nachbarschaften, Vereinen, Bildungs- und eben Kultureinrichtungen. Es wird dann schon auf Landkreisebene abstrakt und noch schwieriger im Bezirk.
Wibke Reimer: Ein gewisses Unruhesystem muss immer mit eingeplant werden. Wir wollen mit unserer Arbeit Identifikationsorte gesamtschwäbischer Relevanz und Plattformen des Austauschs schaffen: wirklich begehbare, aber auch rein inhaltliche – reale Kristallisationszentren wie die Trachtenberatungsstelle in Krumbach oder das Museum Oberschönenfeld sowie Veranstaltungen, die der Vernetzung, dem Ideenaustausch und der Diskussion dienen.
Martin Sailer: Unser Leben unterliegt einer ständigen Veränderung. Alles ist in Bewegung. Man nimmt das vielleicht gar nicht immer so wahr. Aber es gibt Strömungen und Tendenzen, die man begleiten muss und sich zunutze machen kann, denen man sich nicht entgegenstellen sollte. Die Kunst und Kultur ist ein hochspannender Bereich, um diese Veränderungen abzubilden und erlebbar zu machen.