Die letzte Liebelei
Die multimediale Installation »Totentanz« in der Moritzkirche ist mehr als eine Intervention, ist eine Hommage. An ihren Schöpfer und an unseren Partner in der letzten Stunde.
Der November ist der Monat, in dem sich das Christentum, und besonders die katholische Kirche, mit den Themen Tod und Trauer beschäftigt. Auch weniger Gläubige können sich den kulturellen Aspekten dieses Abschnitts im Kirchenjahr kaum entziehen.
Die Katholische Pfarrkirche St. Moritz, immer wieder Spielort auch zeitgenössischer weltlicher Kunst, hat sich daher für ihre aktuelle Intervention ein passendes Thema ausgesucht: Totentänze haben in der Volkskunst in unseren Breiten eine lange Tradition. Bereits im 15. Jahrhundert erschien das Motiv – hier »Danse macabre« genannt – auf französischen Friedhöfen.
Das Thema hat seither nichts an Reiz verloren. Die Verbindung aus Lebenslust, ja, gar Erotik, und Vergänglichkeit fasziniert und inspiriert die Menschen, macht sie zu Voyeuren einer schicksalhaften Liäson, z.B. beim berühmten »Der Tod und das Mädchen«-Motiv. Auch bei Georg Bernhards Bilderzyklus findet sich solch ein enger Tanz.
Georg Bernhard, Jahrgang 1929, ist vielfach ausgezeichneter bildender Künstler und ehemaliger Professor für Kunst und Gestaltung an der Fachhochschule Augsburg. Seit 2006 arbeitet er an seinem ganz eigenen Totentanz-Zyklus, der noch immer »work in progress« ist und möglicherweise nie einen Abschluss findet.
Zehn Blätter aus diesem Zyklus sind nun als Mobile seit letztem Wochenende in der Moritzkirche zu sehen – großformatige Papierbögen an Foldback-Clips hängend, direkt vis-à-vis einer Bauplastik, die den Hl. Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, darstellt.
Georg Bernhards Neffe, der Architekt Titus Bernhard, war Mitglied im fünfköpfigen Kurator*innenteam, dem auch Michael Grau, Referent für Kunst und Öffentlichkeitsarbeit bei der Moritzkirche, sowie der Kirchenrat der Evangelischen Landeskirche Helmut Braun angehörten. Die Ausstellung ist daher auch das Ergebnis einer generationen- und konfessionsübergreifenden Zusammenarbeit.
Sie würdigt nicht nur das Lebenswerk (bzw. einen winzigen Ausschnitt aus demselben) eines heute 93jährigen Kunstschaffenden, sondern auch die letzte Stunde als finales Fest: Durch den Luftzug in der Kirche fangen die Bilder selbst an, sich zu drehen und zu »tanzen«. Dabei wechseln sie – auf eine Extra-Beleuchtung wurde bewusst verzichtet – auch die Farbe. Fast in Reichweite steht daneben der fixierte und von Pfeilen in der fahlen Haut durchbohrte Heilige Sebastian.
Die Brutalität seines Martyriums und seines Todes steht in krassem Gegensatz zur eleganten Inszenierung der Sterblichkeit in den Tuschzeichnungen, wo sich der bleiche Gevatter in fast liebevoller Umarmung mit seinen »Opfern«, die hier zu Tanzpartnern werden, befindet.
Dass die Querstreben des Mobiles auch noch mit den Pfeilen der Skulptur korrespondieren, mag vielleicht eher Zufall sein, macht die Positionierung der Zeichnungen an dieser Stelle aber umso stimmiger und das Zusammenspiel dramatischer.
Fortgeführt wird die Ausstellung durch die Präsentation weiterer Blätter hinter Glas, neun an der Zahl, auf Höhe des Altars. Sie sind etwas konservativer präsentiert, dafür hat man hier die Gelegenheit, näher hinzusehen, sowohl auf die Arbeitsweise mit der Rohrfeder auf grobem Büttenpapier, aber auch auf die Personen, die, wie es typisch für Totentänze ist, sehr mannigfaltig sind. Den Würdenträger ereilt sein Schicksal ebenso wie die jugendliche Maid, und sogar Engel sind bei Bernhard nicht unsterblich.
Sogar die ägyptische Königin Nofretete findet Eingang in Bernhards Totentanz, zu sehen hier als Teil der Videoinstallation von Stefanie Sixt als Triptychon in der Seitenkapelle.
Sixt, seit Jahren durch ihre Videokunst regional und international eine Hausnummer, hat dem Tod sogar noch ein letztes Mal Leben eingehaucht: Kaum merklich bewegen sich die gescannten Figuren, wird die Originalzeichnung zur Animation, worin sich schon das lateinische »anima« (= Seele) verbirgt.
Hier in der Kapelle, wo vor drei Jahren schon die ähnlich ruhigen Videoarbeiten von Bill Viola zu sehen waren, wird die Brücke geschlagen zwischen traditioneller Zeichenkunst und digitaler Medienwelt.
»Totentanz« ist zu sehen bis 25. November in der Moritzkirche zu den üblichen Öffnungszeiten.
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