Geschichtenerzähler von Beruf
Nahezu volles Haus erwartete den Linken-Politiker und Anwalt Gregor Gysi bei seinem Vortrag »Ein Leben ist zu wenig« in der Gersthofer Stadthalle.
Bereits 2018 stellte Gysi seine damals neu erschienene Autobiografie »Ein Leben ist zu wenig« vor. Nun war Gysi erneut in der Region und hatte drei weitere neue Bücher mit im Gepäck. Im lebhaften Dialog mit Autor und Journalist Hans Dieter Schütt gingen die beiden Ostlinken auf historische Spurensuche in Gysis Leben.
Zunächst spürte Schütt Gysis Grundpositionen auf, für die dessen Partei nach ihrem Wandel zur Oppositionspartei in den 1990ern stand. Man wolle bewahren, was der Kapitalismus kann und abschaffen was er nicht kann. Forschung, Ökonomie, Demokratie und Freiheit sieht Gysi hier als Fortschritte des Kapitalismus. Frieden schaffen, Soziale Gerechtigkeit herstellen oder ökologisch nachhaltig zu produzieren stehen allerdings auf der Sollseite dieses Systems. Ein aktuelles Beispiel schiebt Gysi hinterher. Öffentliche Daseinsvorsorge muss in öffentliche Hand. Gemeint sind etwa Krankenhäuser und Bildung. Darauf folgt tosender Applaus von den Zuhörenden. Schließlich hat die Pandemie gezeigt, wohin ein privatisiertes und ausgespartes Gesundheitswesen führt. Auch das nächste Exempel kann aktueller nicht sein. Eine Politik, welche die Wohnraumproblematik nicht löse, gefährde die Demokratie, so der 74-Jährige. Die Leute fragen dann zurecht, wozu man eigentlich wähle. Schütt, der bei Gysis Autobiographie unterstützend mitgewirkt hatte, kommt auch auf die Kunst und Kultur zu sprechen sowie deren Rolle im Kapitalismus. Gysi antwortet mit Bertolt Brecht. Dieser sei ein gutes Beispiel dafür, dass der Kapitalismus seine eigenen Kritiker hervorbringe. Wenngleich viele dieser Künstler in äußerst prekären Lebensumständen arbeiten.
Ein Schwenk zurück ins Jahr 1990, als Gysi den Vorsitz der damaligen SED und späteren PDS übernimmt. Es sei seine Berufskrankheit als Anwalt gewesen, sich gerade dann für diese Partei einzusetzen, als sie am Boden lag. Ihm ging es darum den Zeitgeist zu verändern als Oppositionspolitiker. Angesichts vielfältiger Entwicklungen wie einem Mindestlohn, sei das in Teilen gelungen. Mit dem Rückblick auf den Beginn der 90er Jahre stellt Gysi einen nicht unwesentlichen Widerspruch fest, denn er in seinem Buch »Was Politiker nicht sagen« erläutert. Die Frage danach, wer Recht hat und wer die Wahlen gewinnt, habe sich deutlich gezeigt, als Lafontaine auf die zukünftigen Probleme mit der Wende hinwies und Kohl von blühenden Landschaften sprach. Noch immer sei die Ostthematik aktuell. Nicht nur aufgrund der Ungleichheiten, sondern auch weil die Bundesrepublik nicht habe aufhören können zu siegen. Etwa in dem auch positive Entwicklungen aus dem Osten niedergemacht wurden und alle Ostdeutschen per se unter Generalverdacht standen. Ganze Lebensbiografien seien hier abgewertet worden. Seine These untermauert der Politiker mit dem wachsenden Misstrauen in Demokratie und etablierte Parteien. Insbesondere im Osten sei dies noch höher. Eine gefährliche Entwicklung gibt Gysi zu bedenken.
Nach einer Pause mit Signiermöglichkeit, wird es dann noch einmal richtig aktuell. Es geht um den Krieg in der Ukraine. Kritisch sieht Gysi, die reihenweisen Äußerungen deutscher Politiker und Intellektueller. »Es steht uns nicht zu, zu sagen die Ukraine soll gewinnen oder kapitulieren.« Vom Krieg profitierten gegenwärtig die USA und Russland. Es brauche, auch wenn es abwegig erscheint, dringend Verhandlungen, um das Sterben zu beenden. Dennoch betont Gysi auch das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine und Waffenlieferungen anderer Länder. Aufgrund der deutschen Geschichte, habe Deutschland allerdings kein Recht mehr am Krieg zu verdienen. Genau das tue die Bundesrepublik als einer der weltweiten größten Waffenexporteure. Und zwar auch im Jemen und in Syrien. Was bleibt, ist der Appell noch mehr zivile und Wiederaufbauhilfe für die Ukraine möglich zu machen.