Ausstellungen & Kunstprojekte

Die Unzertrennlichen

Bis 1989 lebte und arbeitete das Künstler-Brüderpaar Hansjürgen und Joachim Lothar Gartner in Augsburg. Heute trennen sie viele Kilometer, doch die Geister wirken weiter zusammen. Bilanz eines Künstlergesprächs.

Es menschelt, nur ein klein wenig, an diesem Sonntagmorgen in der lichtdurchfluteten Gartenfront des Holbeinhauses. Das Brüderpaar Hansjürgen und Joachim Lothar Gartner, eineiige Zwillinge, Jahrgang 1945, haben zum Künstlergespräch anlässlich ihrer Ausstellung »Gartner & Gartner – Gemalte Synergien« geladen, und obwohl sich das Gespräch vor allem um die Arbeitsweise der beiden kunstschaffenden Brüder dreht, bekommen die Besucher*innen doch auch ein wenig Einblick in die Persönlichkeiten der elegant in Anzug und Schals gekleideten, trotz fortgeschrittenen Alters hellwachen und glänzend aufgelegten Herren.

»Distanz schafft Nähe«, mit diesen Worten eröffnet Dr. Thomas Elsen von den Kunstsammlungen und Museen Augsburg die Einführung. Damit bezieht er sich auf die Wohnorte der Künstler: Beide Gartners, im Sudetenland geboren und nach der Vertreibung zunächst in Wien ansässig, kamen 1969 nach Augsburg. Joachim Lothar lebte und wirkte hier 20 Jahre lang, dann ging er im Jahre 1989 nach Wien zurück. Hansjürgen, der Erstgeborene, blieb bis heute und betreibt seither das einst gemeinsame Atelier im Obergeschoss des Holbeinhauses alleine weiter.

Das Leben und Schaffen der Brüder findet also seit 30 Jahren räumlich getrennt statt. In der Tat benutzen sie dafür die Formulierung, ihre Einheit sei damals »in zwei Hälften auseinandergebrochen«. Dennoch finden sie immer wieder zusammen, um gemeinsame Projekte zu realisieren.

»Synergien« – ein seit etlichen Jahren viel strapaziertes Wort. Oft wird es fälschlich gebraucht und verkommt zur Worthülse, wo es im Marketingsprech lediglich ein paar müde Wechselwirkungen bezeichnet. Nicht hier. Tatsächlich wirken hier mindestens drei bis vier Komponenten zusammen, Künstler 1, Künstler 2, deren Material und gefundene Motive, z.B. Fotos oder Gegenstände, die als Bildmotive von beiden Gartners bearbeitet werden. Heraus kommt ein verblüffend homogenes Kunstwerk.

 

Die Kunst des rechtzeitigen Aufhörens

Zum Beispiel Übermalungen: Hansjürgen ist »der Lasierende«, Joachim Lothar »der Pastose«. Im Gespräch drängt sich der Gedanke auf, man könne dies auch auf die Temperamente der beiden übertragen: Joachim Lothar spricht offensiv, erklärt mit lebhaftem Gestus, Hansjürgen ruht in sich und maßregelt seinen Bruder höchstens einmal lächelnd mit kleinen Gesten, wenn er meint, da werde nun aber zu sehr auf die Pauke gehauen.

Dabei herrscht zwischen den beiden in der Arbeit stets große Harmonie. Wann ein Werk als fertig zu betrachten ist, wann es Zeit ist, den Pinsel wegzulegen und sich der nächsten Arbeit zuzuwenden, darüber herrscht selten Uneinigkeit.


Künstlergespräche sind eine gute Gelegenheit, auch mehr über Werke zu erfahren, die sich im Besuch einer Ausstellung auf eigene Faust nicht ohne Weiteres erschließen.
Woher sollte man sonst auch wissen, dass Joachim Lothar Gartners minimalistischer Assemblage-Werkzyklus »Lichtung« das Ergebnis des Versuchs darstellt, den gleißenden Lichteinfall durch ein Oberlicht auf der Insel Santorin im Jahre 2017 gleichsam zu »konservieren« und in die Heimat mitzubringen. Hansjürgens schmucke, aber doppelbödige Fototapete »Game Over« von 2003 gibt Aufschluss über seinen Werdegang und den seines Bruders: beide studierten vor ihrer Übersiedelung nach Augsburg Textildesign.

Zwei Brüder, zwei Städte, zwei Biografien, mehr als 150 Lebensjahre, eine Ausstellung und 24 Kunstwerke, und so wird nach einer launigen Stunde klar: Das Ganze ist in der Tat oft mehr als die Summe seiner einzelnen Teile.

»Gartner & Gartner – Gemalte Synergien« ist bis 20. November im Holbeinhaus (Kunstverein) in Augsburg zu sehen.
 

www.atelier-gartner.de

www.joachim-lothar-gartner.at

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