Grenzen offen?
Ein »performic«-Parcours voller Übertritte.
Reger Andrang herrschte am »Checkpoint Stadtmetzg«, wo das freie Theater-Ensemble »performic« vergangenes Wochenende zur »Grenzensuche« aufrief. An drei Abenden erfuhr das Publikum extremste Stimmungs- und Positionswechsel auf mehreren Ebenen. Anders als bei »Contact(less)« im Vorjahr ging hier nichts ohne intimes Annähern, das auch Außenstehende mitriss. Unversehens fand man sich ausgegrenzt, sah immer wieder verirrte Hände nach dem tiefroten, elastischen Band suchen, das treppauf, treppab die ersten Szenen durchzog. Wer braucht Grenzen, wie führen, schützen, beklemmen, spiegeln sie uns und Andere? Wie kann Sprache – ob Italienisch, Rumänisch, Ukrainisch oder Deutsch – trennen, welche Gesten verbinden uns? Schafft gemeinsame Harmonie gar neue Barrieren? In rotes Licht getaucht, von engelsgleichen Stimmen erfüllt, wandelt sich der historische Lichthof zum Paradies – doch »Auf Grenzensuche« zerreißt das Schlussbild jäh in seine Einzelteile. Exakt fünf sind es, wie die Freunde in Franz Kafkas »Gemeinschaft«.
Regisseurin Gianna Formicone fand in der gesellschaftskritischen Kurzgeschichte die Inspiration für ihr transnationales Gesamtkunstwerk aus Schauspiel, Tanz, Installation, Livemusik und Gesang. Auf dem Erfolg ihrer bisher größten Inszenierung will sich die schaffensfreudige Wahl-Augsburgerin keinesfalls ausruhen, sondern bald mit ihrer – aus guten Gründen rein weiblichen – »performic«-Truppe spielerisch an neue Grenzen gehen.
(Martina Vodermayer)
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Bewegende Verbindungen
»Stofflich« haben sich die drei Tänzerinnen des Augsburger Kollektivs ContempoGary mit der Kostümdesignerin Rebecca Bender, die als Veranstalterin das Publikum begrüßte und in den Abend einführte, auf das Thema des »Verbunden-Seins« verständigt.
Einbindung und Ausstoßung
Atemberaubend die Schrecksekunde vor dem finalen Blackout, in der Martina Piacentino als wagemutige Heldin von vier Tänzern zirkusreif in die Luft geschleudert wird. Ihr »Opfer« ist Teil der ausweglosen, rigiden Ordnung. So sichert sich ein undurchdringliches, letztlich erbarmungsloses System im Kollektiv sein Überleben. »Was geschieht, vollzieht sich durch viele – ohne eindeutige Verantwortung«, so klärt Dramaturg Nikolas Léwy im Programmheft auf.