Unser Mann in Budapest
Publikumsliebling Domonkos Héja gastiert mit »Carmen« an Viktor Orbáns Staatsoper.
Der Generalmusikdirektor des Staatstheaters gastiert 2023 ausgiebig an der Ungarischen Staatsoper. Das Haus wirbt seit geraumer Zeit mit dem GMD aus Augsburg. Es soll ein Spitzenevent werden. »Carmen« steht auf dem Programm, in einer Inszenierung des katalanischen Regiestars Calixto Bieito.
Die Ungarische Staatsoper gilt als einer der bevorzugten Kulturorte der Regierung Orbán. Wer hier arbeitet, genießt Privilegien. Im Gegensatz dazu geht die Zahl der ungarischen Künstler*innen, Intellektuellen und Medienschaffenden, »die in ihrer Heimat mundtot gemacht werden und ihren Job verlieren«, in die Tausende, wie die NGO Aid for Artists in Exile auf ihrer Homepage schreibt.
Hier stellt sich die Frage, wie das Staatstheater das Engagement seines Publikumslieblings Domonkos Héja bewertet. Unsere Anfrage ging an den Intendanten André Bücker und an die Leitung seines Stiftungsrats. Sie ist gegenwärtig jedoch noch nicht beantwortet.
Staatstheater schweigt zum Engagement
Andere Kulturschaffende, wie Katalin Simon, suchen bei diesem Thema die Öffentlichkeit. Die ehemalige Hauptkuratorin am Ludwig-Museum für zeitgenössische Kunst in Budapest bezieht in der Berliner Morgenpost eindeutig Position: »Wir erlebten in Ungarn immer weniger Freiheit, wir hatten immer weniger Luft zum Atmen.«
»Man kann sich in Ungarn nicht mehr frei äußern und Kritik üben« ist der Tenor, den zahlreiche Ungar*innen anstimmen, die wegen Orbáns Politik das Land verlassen mussten.
Auch die europäische Politik hat das Thema Ungarn längst auf der Agenda. Gegenwärtig hält die EU für Ungarn bestimmte Förderzahlungen in Milliardenhöhe zurück. Der Grund: fehlende Transparenz bei der Mittelvergabe, Korruption, Nepotismus.
Neben ihrer nach wie vor kremlfreundlichen Politik gerät die ungarische Regierung auch wegen ihrer antisemitischen Kampagnen regelmäßig in die Kritik. Ziel der Hetze ist insbesondere der aus Ungarn stammende US-Finanzier und Philanthrop George Soros. Mit den Open Society Foundations unterstützt er unter anderem NGOs für Menschenrechte, Bildungseinrichtungen und Bürgerrechtsorganisationen. Das Budapester Büro musste die Organisation 2018 aufgrund der »repressiven Politik der Regierung« schließen, wie es damals im Spiegel hieß, und nach Berlin verlagern.
Wie sich das Engagement des Augsburger GMD an der Staatsoper in Budapest mit den Positionen des Staatstheaters vereinbaren lässt, bleibt offen. Wer sich, wie Intendant André Bücker, bei seiner Arbeit immer wieder Begriffen wie Freiheit, Diversität und Nachhaltigkeit verpflichtet, sollte auch auf die Frage, wie sein Haus Héjas Arbeit für Orbáns Staatsoper bewertet, eine Antwort parat haben.